Die Selbsterkenntnis

 

Bitte um Selbsterkenntnis

 

1. Herr, lass mich meine Sünden so sehen, wie du sie sahst in deiner Traurigkeit auf dem Ölberg.

 

Traurig blicke ich zurück auf die ungezählten Male, wo ich gegen Gottes Willen und Gebot gefehlt habe. Ja auch traurig blicke ich in die Zukunft, denn du, mein Herr, sahst ja in dieser Leidensstunde alles, was ich in meinem kommenden Leben noch gegen deinen himmlischen Vater und gegen dich sündigen werde. Die Traurigkeit des Sünders – die Reue – gib sie mir, nimm sie nie von mir. Wenn sie wahr in mir lebt, so wird sie sich allmählich gestalten zur Leidensliebe, in der Sühne und Trost liegt. Denn das hilft tilgen, was als Vorwurf auf mir lastet.

 

In der Übertretung wurzelt der Schmerz der Reue. Aus dem Gehorsam erblüht der Trost: „Herr, nicht mein Wille, sondern der deine geschehe!“ Mit diesem Ruf heißt meine Seele das Leiden willkommen. Nicht was ich will, tue und suche ich, sondern was Gott will. Freiwillig sage ich mich los von meinem eigenen Wollen, um mich mit Verständnis und Gemüt in jenen Willen einzuleben, den ich vorher durch die Sünde missachtet und beleidigt habe.

 

2. Herr, lass mich meine Sünden so sehen, wie du sie siehst, wenn du in der heiligen Kommunion zu mir kommst.

 

Da siehst du sie

als mein Erlöser, der mir sein Blut gibt,

als mein König, der mir verzeiht,

als mein Arzt, der mich heilt,

als mein Lehrer, der mich unterweist,

als mein Freund, der mir treu bleibt,

als mein Hirte, der mich behütet,

als mein Gärtner, der mich pflegt und schmückt.

 

Als Erlöser siehst du, was ich durch die Sünde verloren und verscherzt habe, du siehst die Verunstaltung und Befleckung: so soll auch ich selbst mich sehen und erkennen.

Als König siehst du meinen Ungehorsam und meine Empörung, meinen Stolz und Trotz. Du vermisst meine Ehrerbietung und Dankbarkeit: mich vor dir niederwerfend, muss ich dies bekennen.

Als Arzt siehst du den Aussatz der Selbstliebe, der mich überdeckt, der alles ansteckt, was ich tue, meine Gedanken stört und meine Gefühle krank macht: Ekel soll mich erfassen vor mir selbst.

Als Lehrer prüfst du, ob ich die Grundsätze des Glaubens im Herzen behielt, und wirst gewahr, mit welch geringem Eifer ich mich unterrichte und in die Heilswahrheiten vertiefe, wie mein Leben, Denken und Sprechen dem zuwiderläuft, was der Heilige Geist in mir redet, was seine Gnade mir verlieh: überführt und beschämt muss ich schweigen: Rede, Herr, denn dein Diener hört!

Als Freund gedenkst du der Zeit, in der ich den ewigen Bund der Liebe mit dir schloss, des Genügens, das ich in deiner Nähe fand: konnte ich untreu werden und sein, konnte anderes mich an sich ziehen, konnte ich schwanken zwischen dir und der Welt und je vergessen, dass dein Herz mein Alles ist.

Als Hirte gehst du mit wunden Füßen mir nach, suchst mich und findest mich mit Freude: das zeigt mir, dass ich Irrwege betrat, das erinnert mich an die Wege der Gnade, die du mich geführt hast.

Als Gärtner siehst du, wie welk und erfroren deine Pflanzung ist, wie umwachsen von Unkraut. Nicht der Sonne kehrt sie sich zu, kein Tau erhält sie frisch, keine Farbe glüht an ihr, kein Duft entsteigt ihr: ach, meine Andacht und Liebe, wie gleicht sie diesem Bild! Werde ich Tränen der Reue haben, um die Himmelsblume damit zu benetzen und wieder blühend zu machen?

 

3. Herr, lass mich meine Sünden so sehen, wie du sie sehen wirst, wenn du mich einst richtest.

 

Da wird mich schauen deine Gerechtigkeit,

da wird mich treffen deine Strafe,

da werde ich mich sehen in voller Klarheit,

da werde ich erscheinen müssen als das, was ich bin.

 

Herr, gib mir schon jetzt dies zu fühlen. Dann werde ich von der Notwendigkeit der Buße so überzeugt sein, dass nichts, was du mir schickst oder nimmst, mir anders denn als gerechte Heimsuchung und Züchtigung erscheinen kann, die ich freudig, in sühnebereiter Demut hinnehme und ertrage. Dann werde ich mich getrieben fühlen, auch freiwillige Bußübung hinzuzufügen, selbst die Hand gegen mich zu erheben und strafend mir geistig und körperlich Schweres aufzuerlegen. Dann wird auch ein wahrhaftes Denken und Empfinden in Selbsterkenntnis möglich werden, und im Verkehr mit dem Nächsten, den ich so oft täuschte, vor dem ich mich besser zeigen wollte, als ich bin, vor dem ich meine Schwächen und Fehler verbarg, werde ich den aufrichtigen Willen haben, gekannt und erkannt zu werden.

 

Vor der heiligen Kommunion:

 

O Herr, nun soll ich treten

Zu dir als armer Gast –

Mein Weinen und mein Beten

Macht mich noch ärmer fast.

 

Das bleibt unausgesprochen,

Zu denken hab ich`s Not –

Dies Wunder, wie gebrochen

Die Liebe wird als Brot.

 

Ich fühle mich erschauern

In`s innerste Gebein,

Und sprech es aus mit Trauern:

„O Herr, ich bin nicht rein.“

 

Ich möchte still vergehen

Und scheu mich halten fern,

Da hör ich leise wehen

Die Worte meines Herrn.

 

Die locken mich und baden

In Reueflut mein Herz!

„Komm, komm, du bist geladen,

Ich stille deinen Schmerz.

 

Kommt all herbei, ihr Müden,

Und die ihr traget Last,

Und haltet schön im Frieden

An meinem Herzen Rast.“

 

Nach der heiligen Kommunion:

 

Ich habe dich genossen

Und du, du hast mit Macht

Des Himmels Licht ergossen

In meines Herzens Nacht.

 

Ein göttlich Sein durchleuchtet

In stiller Glut den Staub,

Und Gottes Blut befeuchtet

Der Seele dürres Laub.

 

O Herr – es wird zerstieben

Dies Erdgefäß – es bricht –

Trägt es dein ganzes Lieben

Und deine Gottheit nicht?

 

Und sprich, was kann ich geben

Worauf dein Auge schaut?

Mein Lied - - soll ich`s erheben

Zu heißem Dankeslaut?

 

Doch ach – wo find ich Töne!

Denn was die Erde bot –

Vor deiner Himmelsschöne

Scheint alles kalt und tot.

 

Anbetend kann ich neigen,

Mich neigen bloß darum

Und schweigen, schweigen, schweigen!

Die Liebe macht mich stumm . . .