Ein Rufer in der Wüste

 

Kapuzinerpater Ingbert Naab

 

Von P. Dr. Maximilian Neumayr OFM Cap

Gekürzt aus „Klerusblatt“, Organ der Diözesan-Priestervereine Bayerns,

Starnberg, Mühlweg 2, 1. November 1946

 

Jahrelang war das Leben des Kapuziners P. Ingbert Naab in verhältnismäßig friedlichen Bahnen verlaufen, bis er als Rufer im Streit mit einem Schlag in ganz Deutschland genannt wurde. Er diente seinem Orden an verschiedenen Orten Bayerns als Aushilfspater, Lektor der Theologie, Magister der Kleriker, Seminardirektor, Schriftsteller und Oberer.

 

Er war der geborene Seelsorger für die männliche Jugend. Wohin er kam, da schloss die Jugend um ihn einen Kreis, im Sprechzimmer und um den Beichtstuhl, im Lehrlingsverein und in der Studentenkongregation, anfänglich mehr die werktätige Jugend, die religiös begeisterte wie die religiös skeptische. P. Ingbert war kaum vier Jahre Priester, da trug seine Schrift „Der Gymnasiast“ seinen Namen schon zu Tausenden von Studenten. Den Idealgesinnten war er ein trefflicher Führer in der Studentenkongregation, deren Gruppen er schließlich im Reichsverband der marianischen Studentenkongregation zusammenschloss. Dem marianischen Gedanken unter den Gebildeten und in der Studentenwelt galten seine Zeitschriften „Der Meeresstern“ und „Das große Zeichen“. Über all dem aber suchte er der nichtbündischen studierenden Jugend zu dienen in den von ihm ins Leben gerufenen Zeitschriften „Der Weg“ und „Die frohe Fahrt“. Wer heute die Jahrgänge dieser Zeitschriften noch einmal zur Hand nimmt, ist erstaunt, in welch weitherziger und doch grundsätzlich unbeirrbarer Weise er die Jugend zu führen wusste.

 

In den letzten Jahrgängen der Zeitschriften war zu beobachten, wie P. Ingbert sich mehr und mehr den Fragen des öffentlichen Lebens zuwandte, erst den geschichtlichen, dann den Gegenwartsfragen. Überall ging er den Spuren der theoretischen oder der praktischen Leugnung Gottes in den Fragen der öffentlichen Sittlichkeit, der Übertreibung von nationalen und militärischen Bestrebungen, der Inkonsequenz einer nurmehr äußerlichen christlich-katholischen Haltung nach. Es war die Zeit, da die Infektionsstoffe, die im deutschen Volk seit dem ersten Weltkrieg, ja schließlich seit Jahrzehnten und Jahrhunderten in Erscheinung traten, sich in der Bewegung Hitlers sammelten. Das konnte dem wachen Auge P. Ingberts nicht verborgen bleiben. Es brodelte in seinem Geist und in seinem Herzen angesichts des Verhängnisses, das sich hier vorbereitete. Schon 1924 hatte er sich zum ersten Mal in der Öffentlichkeit gegen die Gefährlichkeit des „Völkischen Blockes“ zum Wort gemeldet. Nun aber hielt es ihn nicht mehr zurück. Den ersten Anstoß gab Rosenbergs „Mythos des 20. Jahrhunderts“. Da stieß er von dem stillen Kloster in Eichstätt aus in die Trompete. Nicht lange danach rückte er dem „Löwen“ selbst zu Leibe mit dem Aufsatz im „Weg“, den er auch als Sonderbroschüre hinaussandte: „Ist Hitler ein Christ?“

 

Inzwischen hatte Dr. Fritz Gerlich, der ehemalige Chefredakteur der „Münchner Neuesten Nachrichten“, den P. Ingbert zur Konversion vorbereitet hatte und dem er in tiefer Freundschaft verbunden war, zusammen mit dem Fürsten von Waldburg-Zeil die Wochenzeitung „Der Illustrierte Sonntag“ käuflich erworben. Das Blatt wurde inhaltlich umgebaut, und es wurde daraus das sehr draufgängerische, aber grundsätzlich herrliche, unbeirrbare Organ „Der gerade Weg“. Dieses Blatt wurde zur Arena, in der diese beiden großen Kämpfer nun ihren leidenschaftlichen Kampf gegen das drohend aufgehende Unglück Deutschlands führten: Gerlich mit der ingrimmigen Feder des kampfgeübten Journalisten, P. Ingbert mit der klaren Logik des konsequent gläubig denkenden Mannes, der bei aller Unerbittlichkeit des Kampfes doch in allem die Liebe und die Milde des Seelsorgers walten ließ. „Gott schütze Deutschland“, so schrieb er, „vor Männern, die es in den Abgrund stürzen! Die Gebote Gottes missachten heißt aber ein Volk in den Abgrund stürzen ...“ „Wir sagen den christlichen und den unchristlichen Politikern: Die Politik kann ein Volk nicht retten, wenn es treulos geworden ist gegen Gott ... Herrgott, rette unser Volk und vernichte die Pläne derer, die hochmütigen Herzens sind!“

 

Den Gipfelpunkt seiner journalistischen Leistung erstieg P. Ingbert in dem offenen Brief an Hitler: „Herr Hitler, wer hat Sie gewählt?“ Der Brief löste über Nacht in ganz Deutschland ein ungeheures Echo aus. In das stille Kloster zu Eichstätt hagelte es Briefe voll Todesandrohungen (Shitstorm). Unbeirrt und unbekümmert aber kämpfte der Tapfere seinen Kampf weiter, in Schrift und Wort, in Aufsätzen und in Reden, - schmerzlich getroffen allein durch die zunehmende Aussichtslosigkeit dieses Kampfes. Das Volk rannte dem Verderben entgegen. Es ließ sich nicht warnen.

 

Als 1933 der Umsturz gekommen war, war P. Ingbert seines Lebens nicht mehr sicher. In zahllosen Briefen und persönlichen Anrempelungen auf der Straße war ihm der Tod angedroht worden. Die Regierung vor Hitler hatte sich verpflichtet gefühlt, ihm einen Polizeischutz zur Verfügung zu stellen, worauf er aber verzichtete. Der durch das ganze Land gehenden Verhaftungswelle im Juni 1933 entging er mit knapper Not, indem er ins Ausland floh und zwischen der Tschechoslowakei, der Schweiz und dem Elsass ständig wechselte. Ungebrochen in seinem Arbeitseifer, wurde er überall zu Predigten geholt und arbeitete sich in neue theologische Vorlesungen ein. Seine Gesundheit freilich war gebrochen. Um die Wende 1934/35 verfiel sie zusehends, während seine Schaffenskraft gleichzeitig eher noch zu wachsen schien. Seelisch litt er entsetzlich unter Heimweh, doppelt stark angesichts der betrüblichen Nachrichten aus Deutschland, denen zufolge ein Bollwerk des Glaubens und der Menschlichkeit nach dem andern fiel, während die Harmlosigkeit mancher Kreise immer noch im Steigen war. Dies alles beschleunigte den Todesprozess seines alten Leidens. Am 28. März 1935 hat er seine Lebensbahn zu Königshofen bei Straßburg vollendet. Bis in die letzten Tage ließ er es sich nicht ausreden, er werde seine Heimat noch einmal sehen. Doch als er seine Lebenskraft endgültig zusammenbrechen sah, ermunterte er sich selbst: „Jetzt hilft nur noch beten und büßen!“ Er wollte sein Sterben für die leitenden Persönlichkeiten der Kirche in Deutschland aufopfern. So starb er, äußerlich zerbrochen, innerlich aber klar bewusst, einen guten Kampf gekämpft zu haben.

 

Letzten Endes war der tiefste Quellgrund seines Kampfgeistes seine persönliche Frömmigkeit gewesen. Dieser machtvolle Kämpfer war Kind, wenn er betete. Bei aller Schärfe seines Verstandes und aller Beweglichkeit seines Geistes fühlte er sich doch zuerst als Freund Jesu. Das hatte er als begeisterter Leser der Heiligen Schrift für sich aus den Evangelien genommen. Sein Leben war das Leben eines Mannes voll des Glaubens gewesen. Er hatte sich von der Welt zurückgezogen und so den rechten Abstand gewonnen, um ihren Irrweg zu überschauen und ihr den rechten Weg zu zeigen.

 

Gott und den Menschen hatte seine Liebe und sein Leben gehört.