Reliquien

 

„Kostbarer als Gold“

 

(erschienen am 30. Dezember 2017 in „Die Tagespost - Katholische Wochenzeitung für Politik, Gesellschaft und Kultur, Würzburg.“)

 

Der Vatikan hat erneut klare Vorgaben zum rechten Umgang mit Reliquien gemacht – von Ulrich Nersinger)

 

Die Episode, die ein deutscher Ordensmann vor mehr als fünfundzwanzig Jahren im italienischen Wallfahrtsort Nettuno erlebte, ist ihm bis heute im Gedächtnis geblieben – und macht ihn noch immer sprachlos. Damals hatte er mit einer kleinen Gruppe indischer Postulanten und Novizen die irdische Ruhestätte der heiligen Maria Goretti (1890-1902) aufgesucht. Als man die Rückfahrt in die Ewige Stadt antrat, bemerkte er bei seinen jungen Mitbrüdern eine freudige Erregung, die das übliche Maß religiöser Begeisterung deutlich übertraf. Die Ordensanwärter präsentierten ihm stolz, mit einem Leuchten in den Augen, Reliquien einer ganz besonderen Art: vergilbte Schwarz-Weiß-Fotografien, die sie für die letzte Lira ihres Taschengeldes in einem Andenkenladen bei der Kirche der jugendlichen Märtyrin erworben hatten.

 

Den frommen Käufern war von dem geschäftstüchtigen Devotionalienhändler versichert worden, die Bilder seien Aufnahmen von der Ermordung der Heiligen, die das Martyrium in dem kleinen Ort am Tyrrhenischen Meer bei den Pontinischen Sümpfen erlitten hatte. Natürlich waren es in Wahrheit Szenenfotos aus dem Film „Cielo sulle pallude“ (Der Himmel über den Sümpfen), der 1949 zu dem dramatischen Geschehen aus Anlass der bevorstehenden Heiligsprechung Maria Gorettis entstand. In ihrer Naivität hatten die jungen Ordensleute begierig zugegriffen und waren glückselig gewesen, in den Besitz einer ganz modernen Form von Reliquien gekommen zu sein, die sie der Märtyrin der Reinheit ganz besonders nahezubringen schien.

 

Eines der frühesten Zeugnisse für die Heiligenverehrung ist der Bericht vom „Martyrium des Polykarp“ (um 155): „Wir kamen in den Besitz der Gebeine des Märtyrers, die wertvoller sind als Edelsteine und kostbarer als Gold. Wir bestatteten dieselben an geeigneter Stelle, wo wir uns wo möglich in Jubel und Freude versammeln, um mit der Gnade des Herrn den Tag seines Martyriums und seiner Geburt zu feiern.“ Für die Verbreitung eines Heiligenkultes war die Übertragung („translatio“) oder die Erhebung („elevatio“) der Reliquien wichtig. Die weitere Entwicklung führte dazu, dass die Reliquien entweder in einem Altar eingemauert oder in einem Schrein an einer gut sichtbaren Stelle zur Verehrung erhoben wurden.

 

Reliquien („reliquiae“) sind, übersetzt man das Wort aus dem Lateinischen ins Deutsche, nach christlicher Deutung „Zurückgelassenes, Überbleibsel“ aus dem irdischen Leben einer heiligmäßigen Person – sei es ihr Leichnam, Teile ihres Körpers oder Dinge, die mit ihr in Berührung getreten sind. Schon den Schriften der Bibel sind Ansätze der Reliquienverehrung zu entnehmen. So nahm Moses beim Auszug aus Ägypten die Gebeine Josephs mit (Exodus 13,19); durch die Berührung der Gebeine Elischas wurde ein Toter wieder lebendig (2 Könige 13,21). Im Neuen Testament heißt es zu den Wundern des heiligen Paulus: „Sogar seine Schweiß- und Taschentücher nahm man ihm vom Körper weg und legte sie den Kranken auf; da wichen die Krankheiten und die bösen Geister fuhren aus“ (Apostelgeschichte 19,12).

 

Für die katholische Kirche ist der Reliquienkult erlaubt und nützlich. Das Konzil von Trient (1545-1563) betont, dass die Leiber der Heiligen lebendige Glieder Christi und Tempel des Heiligen Geistes waren, dass sie einst wieder auferweckt und verherrlicht werden und dass Gott durch sie den Menschen viele Wohltaten spendet. Und so erfährt sich der Christ durch Reliquien mit der Kirche verbunden, mit der irdischen Gemeinschaft der Gläubigen wie auch mit der im Himmel. Das Zweite Vatikanische Konzil spricht in seiner Dogmatischen Konstitution „Lumen gentium“ von den Heiligen als „Schicksalsgenossen unserer Menschlichkeit“, die schon bei Gott sind, und uns als Wegweiser und Gefährten des Glaubens dienen. Reliquien sind etwas „Handfestes“; sie verbinden uns spirituell und körperlich mit den Heiligen.

 

Reliquien besaßen und besitzen in der katholischen Kirche eine enorme Bedeutung. Ihr Erwerb sicherte auf besondere Weise die Lebendigkeit des Glaubens in Kirchen und Klöstern. Um in ihren Besitz zu gelangen, ging man bisweilen auch zweifelhafte Wege. Es wurde um sie gestritten und manchmal sogar Kriege geführt. Ihr Erhalt befähigte Menschen, für sie ihr Leben einzusetzen – so die Turiner Feuerwehrleute, als sie bei einem Brand im dortigen Dom das legendäre Grabtuch vor dem Feuer retteten. Die hohe Stellung und gewichtige Bedeutung von Reliquien blieb nicht auf die Kirche beschränkt; sie war Mittel der Diplomatie und konnten für den Ausgang militärischer Auseinandersetzungen entscheidend sein. So glaubten Herrscher, die über die Lanze verfügten, die auf Golgotha die Seite Christi durchstoßen haben soll, dass man sie in Schlachten nicht bezwingen konnte.

 

Von Anfang an wurde der Reliquienkult auch vom Missbrauch begleitet. Die bereits erwähnte Episode, die sich in Nettuno ereignete, ist nur ein kleiner Mosaikstein im negativen Erscheinungsbild des Reliquienkultes. Einen „immerwährenden Kampf“ nennt ein Mitarbeiter der Kongregation für die Heiligsprechungsverfahren die Abwehr von „Abusi“, die sich in vielfältiger Form zeigen. Das Kirchengesetzbuch von 1983 stellt in seinem Kanon 1190 zum Verkauf von Reliquien kategorisch fest: „Nefas est – Es ist ein Verbrechen.“ Dennoch wechseln auch unter vorgeblich frommen Menschen im Erwerb von Reliquien immer noch Geldscheine ihren Besitzer. Erkundigt man sich in Rom danach, ob die neuesten, verschärften Vorgaben aus dem Vatikan Abhilfe schaffen werden, erhält man zur Antwort das altvertraute: „Vedremo – Wir werden sehen“.

 

Über die Sinnhaftigkeit von Fantasiereliquien bedarf es keiner echten Diskussion – über die Nabelschnur und das Praeputium des Jesuskindes, die Tränen und die Muttermilch Mariens oder Federn aus den Flügeln des Erzengels Michael. Eine wichtige Frage betrifft auch immer die Echtheit von Reliquien, vor allem altehrwürdiger. Sie lässt sich häufig nur schwer nachweisen. Manchmal verführen die Untersuchungsmethoden auch zu einem Schmunzeln. Ein Diözesanbeauftragter für die Überprüfung der Echtheit von „Katakombenheiligen“, die im 19. Jahrhundert den Weg in viele Pfarrkirchen gefunden hatten, führte als Mittel zur Wahrheitsfindung eine chemische Substanz mit sich, die „Reliquien“ aus Gips vollständig auflöste, echte Knochen aber unangetastet ließ. Schon bald hatte sich der Geistliche in seinem Bistum den Titel „Terminator“ erworben.

 

Eher zum Schmunzeln war auch der Wettstreit, der vor vielen Jahren in Rom um zwei Häupter eines einzigen Heiligen ausgefochten wurde. Vor einem geistlichen Tribunal stritten ihre Besitzer darum, wer nun den echten Heiligen besäße. Nach dem ergangenen Urteil fragte man die unterlegene Partei, wie sie nun mit ihrem „Heiligen“ umgehen wolle. Die Antwort war von großer Gelassenheit getragen: „Ach, wir werden jetzt kleinere Kerzen vor ihm anzünden.“

 

https://www.die-tagespost.de/kirche-aktuell/Kostbarer-als-Gold;art312,184608

 

"Berührungsreliquie" der Zunge des heiligen Johannes Nepomuk

 

Kleines Reliquiar mit einer Reliquie von der heiligen Maria Goretti