Die Reliquien des hl. Bonifatius

 

Nach dem Märtyrertod bei Dokkum wurde der Leichnam des heiligen Bonifatius über Utrecht nach Mainz und von da nach Fulda gebracht. Vor seinem Gang nach Friesland hatte Bonifatius mit eigener Hand die Stelle in der ersten Fuldaer Klosterkirche bezeichnet, wo er nach seinem Tod ruhen wollte. Das Grab wurde eingerichtet vor der Westwand der Basilika inmitten des Baues. Im dortigen Kalkfels wurde eine Anlage von 2,47 Meter ost-westlicher Länge ausgestemmt, in 1,60 Meter Tiefe unter dem Plattenbelag des heutigen Domes. Eingehüllt in das dunkle Ordensgewand der Benediktiner, geschmückt mit dem Abzeichen der bischöflichen Würde und in einen Holzsarg gebettet, wurde die irdische Hülle der Erde übergeben. Diese Ruhestätte wurde im Jahr 778 gestört, als die Sachsen rheinaufwärts bis zur Lahnmündung und von da ostwärts nach der Wetterau vordrangen.

 

Die Sorge um den Leichnam veranlasste die Mönche, den Sarg zu heben und in der Richtung nach Hammelburg zu bergen. Am ersten Tag gelangte man bis in die Nähe von Bronnzell und am zweiten nach Brückenau. Dort wurde der Sarg unter einem Zelt von den Brüdern bewacht. Am vierten Tag brachten Boten die Nachricht von der Niederlage der Sachsen. Alsbald begann die Rückreise, und der hl. Leichnam wurde wieder in seinem Grab beigesetzt.

 

Vom Jahr 791 bis 819 wurde über der Sturmiuskirche eine neue größere Basilika erbaut. Infolgedessen wurde das Bonifatiusgrab verlegt. Am 1. November 819 fand die feierliche Übertragung nach dem Altar im Westchor der großen Kirche statt.

 

Dieser Altar wurde gelegentlich eines Dachbrandes beschädigt und ein Teil der Gebeine in Mitleidenschaft gezogen, indem diese schwach ankohlten. Damals wurde nur ein Schädelstück, das sogenannte Scheitelbein, in einer silbernen Kapsel geborgen und ein Schreiben über die Echtheit der Reliquie beigefügt. Auf dieser Kapsel war in lateinischen Worten eingraviert: Scheitelbein des hl. Bonifatius. Diese Kapsel wurde in der Domsakristei aufbewahrt.

 

Im Jahr 1855 rüstete man sich auf den elfhundertjährigen Todestag des Märtyrers. Der damalige Dompfarrer Schmitt berichtet darüber in seinem Tagebuch: „Die Kapsel wurde in Gegenwart des Herrn Bischofs Kött und mehrerer Geistlichen durch den Goldschmied Fösser aufgelötet. Es fanden sich das Scheitelbein und die Bestätigung.“

 

Die Reliquie wurde den Fuldaer Benediktinerinnen übergeben, und diese besorgten die künstlerische Einfassung, die wir in der vergoldeten Bonifatiuspyramide vor Augen haben. An hohen Festtagen, besonders in der Bonifatiuswoche, sind die Reliquien auf dem Altar ausgestellt.

 

Professor Vonderau in „Bonifatiusbote“,

Fulda am 15. Februar 1948