Der Reinigungsort

 

1. Eine trostvolle Lehre.

 

Vor Jahren fuhr ein Karmeliterpater von Amerika nach Deutschland. Auf demselben Schiff war ein junger Engländer, der ebenfalls nach Deutschland wollte. Trauernd saß dieser stundenlang auf dem Verdeck am Geländer und nicht selten standen ihm die Tränen in den Augen. Voll Mitleid näherte sich einmal der Priester dem jungen Trauernden, und bald entspann sich zwischen beiden ein Gespräch, in dem der Engländer, der der anglikanischen Kirche angehörte, die Ursache seines Kummers auseinandersetzte. „Es tut mir unendlich wohl,“ begann er, „dass ich in Ihnen einen katholischen Geistlichen gefunden habe, der mit mir aufrichtiges Mitleid hat und dem ich meine Leiden freundschaftlich klagen darf. Vor sechs Jahren habe ich meine lieben Eltern und Geschwister durch den Tod verloren; niemand kann mir die fehlende Elternliebe ersetzen. Der Tod raubte mir alles; meine Eltern waren mir teurer als mein Leben. Was mich aber am meisten bedrückt, das ist, dass ich für meine lieben Dahingeschiedenen gar nichts mehr tun kann. Ich fühle und glaube, dass es eine Ewigkeit gibt. Aber stets ergreift mich der Gedanke: Meine Lieben sind verloren! Ein schreckliches Gefühl! Meine Lieben waren gut, hatten ein christliches Herz; aber sie waren nicht fehlerfrei. Wenn Sie, Herr Pater, bedenken, dass mein erster Gedanke beim Erwachen und mein letzter beim Niederlegen meinen lieben Dahingeschiedenen gilt, dann können Sie sich wohl mein Aussehen und Benehmen erklären.“ Kummergebeugt legte der junge Mann das Haupt in seine Hände und vergoss einen Strom von Tränen. Der Pater ließ ihn sich ausweinen. Als er bemerkte, dass die Gewalt des Schmerzes für diesmal etwas gebrochen und die Ruhe wiedergekehrt war, wandte er sich mit väterlich-priesterlichen Worten an das trauernde Herz des jungen Mannes. „Mein junger Freund,“ sprach er, „verzagen Sie nicht; denken Sie an die Güte und Liebe des Herzens Gottes. Gott will nicht, dass jemand zugrunde gehe. Wir können den Verstorbenen helfen durch das heilige Messopfer, durch Gebet und gute Werke.“ Dann setzte er dem jungen Mann die Lehre der Kirche über das Fegfeuer auseinander. Da strahlte es wie wohltuender Sonnenschein in das bekümmerte Gemüt des jungen Menschen; er schloss sich dem Pater enger an, erhielt vollständigen Unterricht in der katholischen Religion und trat bald darauf voll heiligem Eifer zur katholischen Kirche über.

 

2. Ein ernster Gedanke.

 

Die von der berühmten Elsbeth Stagel OP geschriebene Chronik des Klosters Töß bei Winterthur berichtet von der seligen Schwester Anna von Klingnau: Es schien ihr einst, dass ihr Engel sie in das Fegfeuer führte. Da hatte sie ob der Strafen, die sie dort sah, so großes Erbarmen mit den Seelen, dass es unsagbar ist. Der Engel aber sprach zu ihr: „Nun dünkt dich dies ein großes Leid, und doch, solange du hier bist, verdienst du dir keinen Lohn.“ Da vergaß sie alles Leides, das da war, darüber, dass ihr für diese Stunde kein Lohn werden sollte.

 

3. Eine Hilfe im Erdenleid.

 

Zu Schwester Margret Finkin, die im gleichen Kloster Töß gar heilig lebte, kam einmal ein leidgeplagtes Menschenkind und klagte ihr sein Leid. Sie hörte sich alles geduldig an, dann aber sprach sie: „Nun sag einmal, was ist dir lieber: dass unser Herr in deinem Todesstündlein zu dir kommt und du gleich, ohne Strafe und Aufschub, zu ihm gegen darfst, oder dass Gott dir dieses Leid abnimmt?“ Und die alte Klosterchronik fährt treuherzig fort: „Da erwählte der Mensch das Bessere, und es blieb ihm auch das Leiden. Und doch ward es ihm durch ihren süßen Trost viel erleichtert; denn ihre Worte waren so sicher, dass der Mensch es fest glaubte, Gott habe es ihr kundgetan.“

 

(Aus: Homiletisches Handbuch, Anton Koch, 1950, Band 11, Seite 451)