Reliquien

 

Die Geschichte einer Reliquie

 

Es ist eine bei allen Völkern verbreitete Sitte, Gegenstände, die mit geliebten oder berühmten Persönlichkeiten in Verbindung gestanden sind, ehrfurchtsvoll aufzubewahren. Der letzte Brief von der Hand der Mutter gilt einem guten Kind zeitlebens als teures Andenken: es würde ihn nicht hergeben, wenn man ihm für jedes Wort einen Taler zahlen wollte. Die Feder, mit der bekannte Dichter ihre Lieder geschrieben; die Uniform, die siegreiche Feldherren in der Schlacht getragen haben; Krone und Zepter mächtiger Herrscher werden sorglich hinter Glas und Rahmen verschlossen.

Kein Wunder, dass man von großen Männern und Frauen bisweilen auch das aufbewahrt, was am Menschen das Edelste ist: das Herz. Es liegt in diesem Gebrauch ein Doppeltes. Einmal ist es ein Zeugnis von der dankbaren Gesinnung der Überlebenden: sie wollen das Herz, dem so viel Segen für die Menschheit entströmt ist, nicht vermodern und zerstieben lassen. Sodann sollen sich die Nachkommen an seinem Anblick gleichfalls zu großen Taten, zu Selbstlosigkeit, Liebe und Tapferkeit usw. entflammen.

So soll kurz die Geschichte des Herzens eines Heiligen mitgeteilt werden, der wie kaum ein anderer die barmherzige Liebe des göttlichen Herzens nachgeahmt hat: des wunderbaren hl. Vinzenz von Paul. Der Bericht ist ein guter Beweis für die Vernünftigkeit der Herz-Jesu-Andacht. Denn wenn man schon das tote Herz eines Menschen so hoch achtet, wie viel mehr verdient dann jenes Herz unsere Verehrung, von dem noch immer Leben und Gnade über Himmel und Erde ausgeht! Die Herzen der lieben Heiligen sind doch gegen das göttliche Herz nicht mehr als kleine, im Sonnenglanz schimmernde Stäubchen im Vergleich zur großen Mittagssonne.

Die Herzogin von Aignillon, eine Nichte des Kardinals Richelieu, war eine große Verehrerin des hl. Vinzenz und unterstützte ihn stets mit ihrem Geld und Einfluss bei seiner umfassenden Liebestätigkeit. Nach dem Tod des Heiligen ließ sie darum sein Herz in einen herzförmigen, silbernen Behälter fassen, der auf vier silbernen Säulchen ruhte und auf dem oberen Teil mit Flammen aus Gold geschmückt war. Nach der Seligsprechung des Verstorbenen (am 14. Juli 1729) wurde diese Reliquie in der Kirche von St. Lazarus in Paris zum ersten Mal öffentlich verehrt und blieb dort 60 Jahre hindurch, d.h. bis zur großen französischen Revolution. (St. Lazarus ist bekanntlich das Mutterhaus der vom hl. Vinzenz gestifteten „Kongregation der Missionäre“; daher ihr Name Lazaristen.) Als nun in der Nacht vom 12. auf den 13. Juli 1789 St. Lazarus geplündert wurde, ließen die Einbrecher ihre Wut auch am hl. Vinzenz aus: sie schlugen der im Garten aufgestellten Statue den Kopf ab, so dass der Heilige „die Ehre hatte, als der erste von den Revolutionären enthauptet zu werden“. Die Reliquien der Kirche blieben zwar unberührt, doch entsprang diese Schonung offenbar nur äußeren Gründen, die sich von heute auf morgen ändern konnten. Deshalb übergab der damalige Generalsuperior der Missionäre, Josef Cayla de la Garde, das Herz samt Reliquiar dem Direktor der Barmherzigen Schwestern, dem Missionspriester Karl Dominikus Sicardi, einem gebürtigen Italiener, zur Aufbewahrung.

Bald kamen noch schlimmere Zeiten. Die Revolution wütete immer heftiger; Hunderte von Priestern und Laien endeten ihr Leben auf dem Schafott; was in den Kirchen nicht niet- und nagelfest war, wurde zerschlagen oder gestohlen. Auch der kostbare Reliquienschrein, worin der Leib des hl. Vinzenz ruhte, wurde weggenommen und als „Nationalgut“ erklärt. Unter dem Druck dieser Verhältnisse mussten sich die Missionäre notgedrungen zerstreuen und Sicardi entschloss sich, mit zwei Mitbrüdern und vier Barmherzigen Schwestern aus Frankreich nach Italien zu fliehen. Das Herz seines Ordensstifters sollte sein Führer sein, wozu ihm der Generalsuperior die Erlaubnis erteilte, unter der ausdrücklichen Bedingung der Rückgabe, sobald die Kongregation in Frankreich wieder hergestellt sein würde. Aber wie den wertvollen Schatz den lüsternen Blicken der Häscher entziehen? Sicardi hatte einen guten Einfall. Er schnitt aus einem großen Buch – es war der 2. Band der Legende der Heiligen von Franz Gèry aus dem Orden der Minimem – inwendig so viel heraus, dass die dadurch entstandene Höhlung das Reliquiar leicht aufnehmen konnte. Das Buch wurde sorgfältig zugeschlossen, mit mehreren anderen Reliquien, z.B. einem Talar des Heiligen, unter das Gepäck der Schwestern gelegt und so ging es mutig der italienischen Grenze zu.

Sowohl Missionäre wie Schwestern hatten sich verkleidet, Sicardi als Kaufmann, die Schwestern trugen auf ihren Strohhüten die republikanische Kokarde. Trotzdem verrieten sie sich da und dort durch ihr bescheidenes Benehmen und hatten deshalb viele Plackereien auszustehen. In einem Gasthaus wären sie beinahe festgenommen worden; doch zum Glück erkannte sie ein Offizier, der in St. Lazarus die Exercitien gemacht hatte, und rettete sie. Endlich gelangten sie nach vielen Strapazen glücklich nach Turin.

Die Missionäre dieser Stadt begrüßten ihre Mitbrüder und die hl. Reliquie wie Boten vom Himmel. Es herrschte nämlich gerade eine große Dürre, deshalb baten sie den Erzbischof Costa sofort, das Herz des hl. Vinzenz in feierlicher Prozession herumtragen zu dürfen: sie hofften, durch diese Andacht den schon lange umsonst ersehnten Regen zu erflehen. Und Gott belohnte ihr Vertrauen. Denn kaum war man 30 Schritte aus der Kirche, so musste man schon eiligst umkehren. Der himmel hatte sich rasch mit Wolken umkleidet und ein reichlicher Regen begann niederzuströmen. Alles rief: „Wunder, Wunder!“ Es wurde über den Vorfall ein Protokoll aufgenommen und vom Erzbischof selbst unterzeichnet. Am 1. Januar 1805 bat Kardinal Fesch, Erzbischof von Lyon, der Onkel Napoleons I. in seiner „Eigenschaft als Großalmosenier des Reiches um Rücksendung des kostbaren Schatzes“. Man konnte das Ansuchen umso weniger abschlägig entscheiden, als Napoleon selbst es unterstützte. Das Herz wurde also mit Ausnahme einer kleinen Partikel, die man in Turin zurückbehielt, dem Statthalter von Piemont, General Menon, übergeben und von diesem dem Kardinal Fesch für die Loretokapelle der Kathedrale von Lyon eingehändigt.

Seit dieser Zeit feiert die Diözese Lyon den Sterbetag des hl. Vinzenz (27. September) als ein hohes Fest mit Oktav. Durch viele Jahre zogen die Priester der Diözese regelmäßig nach Schluss ihrer gemeinschaftlichen Exerzitien in feierlicher Prozession zum Herzen des Heiligen, um sich dort einen Teil seiner Liebe und seines Seeleneifers zu erbitten.

Die Reliquie hatte aber auf den verschiedenen Reisen doch Schaden gelitten. Bereits 1792, nach der Ankunft in Turin, bemerkte man, dass der Reliquienbehälter gesprungen war und durch die Erschütterungen kleine Teilchen des Herzens sich losgelöst hatten. Die Schwestern sammelten dieselben mit aller Achtsamkeit und legten sie mit Erlaubnis Sicardis in eine eigene Kapsel. Als sich später die französische Armee Turin nahte, flohen sie damit in Begleitung der Prinzessin von Condè nach Wien, von hier nach Polen und endlich nach Prag, wo die Äbtissin und Erzherzogin Marianna, die Schwester des Kaisers Franz, sie freundlich aufnahm. 1802 wurden sie nach Paris heimberufen, da sich die zerstreuten Schwestern wieder allmählich aus allen Teilen Frankreichs zusammenfanden. So kam wenigstens dieser kleine Teil des Herzens des heiligen Vinzenz wieder an seinen alten Aufenthaltsort. Ein Bericht sagt darüber: „Dieser Durchzug eines Teiles des Herzens des hl. Vinzenz durch Österreich war nicht vergeblich: es hat seinen Segen zurückgelassen, denn gerade in Österreich hat sich später das Werk des hl. Vinzenz recht ausgebreitet.“

Um die weitere Auflösung des Herzens zu verhüten, suchte ihm 1843 der Erzbischof Bonald von Lyon durch Beigabe einer Masse, die man in so kleiner Menge als nur möglich anwandte, die erforderliche Festigkeit zu geben. Daher kommt es, dass es jetzt ein rötliches Aussehen und eine gewisse Weichheit besitzt. Es wurde dann in ein goldenes Netz gehängt, mit Kristallglas umgeben und in einem neuen Reliquiar geborgen.

Zweimal jährlich: am Fest der Reliquienübertragung des Heiligen (2. Sonntag nach Ostern) und am Fest des Heiligen (19. Juli) wird die Reliquie dem gläubigen Volk zur Verehrung ausgesetzt. Das Buch, in dem das Herz aus Frankreich nach Italien gerettet worden war, befindet sich jetzt im Haus der Barmherzigen Schwestern in der Pfarre St. Johann in Lyon.