Was ist uns der Priester?

 

Zwei deutsche Geistliche als Beispiele

 

Es war im Jahr 1915. Schwerverletzt und ohnmächtig geriet ich auf einem Schlachtfeld der lothringischen Front in Gefangenschaft. Erst im Verbandssaal des Krankenhauses Saint Clément in Metz kam ich unter den Händen der Deutschen wieder zu mir. Als meine Augen sich öffneten, fielen sie auf einen großen, mit Kalk geweißten Saal, der durch mächtige elektrische Lampen überhell erleuchtet war. Ein Militärarzt in Uniform und zwei Krankenschwestern beugten sich über mich und stellten mir in Deutsch Fragen, die ich wohl begriff. Allein wegen der Art meiner Verwundung – eine Kugel hatte mir den Unterkiefer zerschmettert – konnte ich überhaupt nicht antworten. Dazu kam noch eine furchtbare Schwäche, die Folge des starken Blutverlustes durch die Verwundung.

 

Als der erste Verband angelegt war, brachte man mich in ein Bett, an das zuerst eine Krankenschwester und kurz darauf ein Feldgeistlicher trat, da die Schwester der Ansicht war, dass bei der Schwere meines Zustandes die himmlische Medizin dringender war als die menschliche.

 

Der Feldgeistliche näherte sich mir. Es war ein großer, hagerer Mann mit Brille, das schwermütige, freundliche Gesicht war von einem schwarzen Bart eingerahmt. Später erfuhr ich, dass er Heiliggeistmissionar in Afrika war. Er beugte sich über mein Bett und sprach ganz nahe über mir. Er flüsterte nur, aber ich verstand ihn mit außerordentlicher Deutlichkeit. Ich konnte damals feststellen, - und diese Erinnerung ist mir nie aus dem Gedächtnis gekommen – wie wahr die landläufige Meinung über die außerordentliche Hörkraft der Sterbenden ist, was für Leute, die sich am Bett eines Sterbenden unterhalten, eine besondere Pflicht zur Vorsicht bedeutet. Diese wunderbare Stärke des Gehörs hatte ich schon einige Augenblicke vorher festgestellt, als die Schwester mit einer Bewegung des Kopfes dem Geistlichen mein Bett bezeichnete und dabei mit leiser Stimme, von der sie annahm, dass der vor ihr Liegende mit dem verbundenen Kopf sie nicht hören würde, gesagt hatte: „Er hat nur noch zwei Stunden zu leben“.

 

P. Hertling – später erfuhr ich auch seinen Namen – beugte also seinen langen Körper über das Bett. Ich sah, dass er ganz nahe bei mir sprach, so nahe, dass sein Gesicht beinahe das meinige berührte. Sein Blick bohrte sich in den meinen, und er sprach mit der leisen, aber deutlichen Klangfarbe einer Stimme, die daran gewöhnt ist, bei den Schwerkranken die letzten Reste des Gewissens zu erwecken. Er fragte mich, ob ich zu beichten und die Sterbesakramente zu empfangen wünsche. Ich antwortete mit einem schwachen Druck der Finger, den er ganz richtig als eine Annahme meinerseits auslegte. Die Beichte begann. Es war eine Beichte ohne Worte des Beichtenden! Der deutsche Missionar zählte vor dem französischen Verwundeten immer mit der gleichen hauchfeinen Stimme die Hauptsünden auf, mit denen ein Mensch seine Seele belasten kann. Ich antwortete mit einem schwachen Druck der Hände, wenn er Sünden aufzählte, deren ich mich schuldig fühlte.

 

Dann erhielt ich die Lossprechung. Niemals war hinter dem Vorhang eines Beichtstuhles das „Ego te absolvo“ mit solcher Erhabenheit und Majestät zu mir gesprochen worden wie jetzt in diesem Saal eines feindlichen Krankenhauses, inmitten eines Schweigens, das nur durch das undeutliche und schwere Stöhnen der Verwundeten unterbrochen wurde, die sich im Fieber auf ihren Lagern wälzten. Niemals hatte die Macht des Priesters für mich diese Kraft und diesen Zug der Feierlichkeit angenommen, den sie hier angesichts des Todes besaß.

 

Der Lossprechung folgte die Letzte Ölung. Ich spürte, wie die Hände des Priesters schnell und flüchtig über meinen Körper, über meine Füße und meine Lippen glitten, während sich gleichzeitig in meinem Innern ein eigenartiger Friede, eine unendliche Entspannung einstellte. Ich hatte im Augenblick, in dem die Schwester dem Geistlichen gesagt hatte, dass ich nur noch zwei Stunden zu leben hätte, eine dunkle und heftige Auflehnung in mir gespürt. Es war die instinktive Auflehnung jedes Lebewesens gegen den Tod. Jetzt beruhigte sich alles. Und mit der Auflehnung schwand auch die Angst und fiel von mir wie ein schwerer Klumpen. Ich fürchtete nun den Tod nicht mehr, ich nahm ihn an. Mein ganzes vergangenes Leben rollte mit einer wunderbaren Deutlichkeit in meiner Erinnerung ab, bis in die kleinsten Einzelheiten. – Ich bin in der Lage, persönlich zu bestätigen, was man über dieses einzigartige Phänomen der Belebung des Geistes und der Verstärkung des Gedächtnisses beim Herannahen des Todes schreibt. Ein unsagbarer, strahlender Friede senkte sich in meine Seele. Ich nahm von den geliebten Gesichtern Abschied mit der Hoffnung, sie wiederzusehen. Ich empfand die Ruhe eines Mannes, der vor der Abreise seine Angelegenheiten in Ordnung gebracht hat. Die Haltetaue waren zerschnitten. Ich hatte mich den Händen der göttlichen Güte überantwortet. Hier war ich geborgen.

 

Ich glaube, darin liegt eine Antwort auf die doppelte Frage: „Was ist uns der Priester, und was erwarten wir von ihm?“

 

Auf die erste dieser beiden Fragen: „Was ist der Priester für uns?“ antworte ich auf Grund der Erfahrungen, die ich so breit erzählt habe: Der Priester ist wohl in erster Linie der Mann, der mit besonderen Gewalten ausgestattet ist, der Mann des göttlichen Dienstes, der Spender der Sakramente.

 

Auf die zweite Frage: „Was erwarten wir von ihm?“ antworte ich: Eine Hilfe oder, vielleicht noch einfacher ausgedrückt, seine Gegenwart in den Augenblicken des Lebens, wo man die Abwesenheit der anderen ganz besonders empfindet. Vielleicht kann uns gerade eine Szene wie die in jener Nacht des Frühjahrs 1915 zwischen einem deutschen Feldgeistlichen und einem französischen Gefangenen im Saal eines Lazarettes einen Begriff geben von der Macht der Hilfe eines Priesters am Bett eines Sterbenden.

 

Der Priester kommt, wenn der Arzt geht. Er ergreift mit seinen Händen die Hand, die der Mann der medizinischen Fakultät losgelassen hat, weil er keinen Puls mehr schlagen spürte. Seine Rolle, eine schwere Rolle, beginnt genau in dem Augenblick, wo die Kunst des anderen aufhört. Er soll seine Macht, die Macht, mit der ihn Christus bekleidet hat, in dem Augenblick zeigen, wo der Arzt dieser Welt seine Ohnmacht eingesteht.

 

Das ist entschieden eine Übertragung der Kraft, deren Feierlichkeit den Menschen in den Tagen der Stärke und Gesundheit nicht zum Bewusstsein kommt. Der Priester nähert sich seinem Bruder, dessen Kräfte versagen, um ihm beizustehen im dunklen, letzten Kampf, in einem Augenblick, wo die anderen, die Gefährten der frohen Stunden, ihm den Rücken kehren. Er spricht ganz nahe bei ihm, spricht ihm ins Ohr, unterstützt ihn, ermutigt ihn. Er hat die ganze unermessliche Kraft des Beistandes der Kirche zu seiner Verfügung. So begleitet er den Menschen auf dem dunklen Weg bis zum letzten Schritt.

 

Wie sind die Rollen vertauscht! Mit welcher Überheblichkeit, mit welcher Geringschätzung für seine armselige Macht hat man ihm lange Zeit, bis zuletzt, den Professor Soundso, den berühmten Spezialisten, vorgezogen! Mit welcher Verbissenheit hat man an die Arzneimittel und an die Spritzen geglaubt! Aber nun hat der Arzt nichts mehr in den Händen, wenn der Priester mit dem heiligen Öl ankommt.

 

Was ist der Priester für uns? Ist die einfachste Antwort darauf nicht die: jener Mann, dessen Hauptaufgabe darin besteht, in allen entscheidenden Punkten unserer kurzen Erdenbahn einzugreifen?

 

Über die Größe seiner Rolle, über die Macht, die ihm die Sakramente geben, deren Spender er ist, schrieb Goethe im 7. Buch seiner Erinnerungen Seiten, die zu den ergreifendsten seines ganzen Werkes gehören. Er, der Protestant, hat uns, nachdem er den Seufzer verlauten ließ, in dem so viel verdienstliche Offenheit liegt, „der Protestant hat zu wenig Sakramente“, ein Bild unerreichter Schönheit über die Sakramente der katholischen Kirche gegeben, in denen durch einen „glänzenden Zirkel gleich würdig heiliger Handlungen Wiege und Grab in einem stetigen Kreise verbunden“ sind, über die Letzte Ölung und die Kraft der Hilfe im Augenblick, „wo jede irdische Garantie verschwindet“. Mit einer gewissen Trauer über diese Schätze, die dem Nichtkatholiken fehlen, sprach er auch vom Bußsakrament der katholischen Kirche, von der Größe der Rolle des „einsichtigen frommen Mannes“, der im Beichtstuhl harrt, „um Irrende zurechtzuweisen“ und „Gequälte zu erlösen“, bereit zur Lossprechung, der seinem sündigen Bruder „rein und abgewaschen die Tafel seiner Menschheit wieder zu übergeben weiß“.

 

Ich habe erzählt, was für mich der katholische Priester in einer besonders schweren Stunde meines Lebens gewesen ist und welchen Trost ich ihm verdankte in dem Augenblick, wo mich die größte Angst erfasste. Aber es gibt noch einen anderen Punkt, den ich unterstreichen möchte. Jener Priester, der sich im Dunkel eines deutschen Lazarettsaales in der Nacht über mein Bett beugte, war für mich noch etwas anderes als der mächtige Spender der Sakramente der Kirche. Er war mein Freund. Die Kirche Christi hatte dieses Wunder zustande gebracht: Der Priester der feindlichen Nation war nicht mein Feind! Inmitten des Krieges sanken die Grenzen des Hasses. Wir sprachen nicht die gleiche Sprache, und doch verstanden wir eine gemeinsame Sprache: die Weltsprache der Liebe Christi. Aber braucht es einen Sturm des Hasses und der Kriegsleidenschaft, um dem Wort katholisch erst die volle Bedeutung seines Wortsinnes zu geben?

 

Die flüsternde Stimme des Priesters, die gütige Tiefe seines Blickes, die Wärme seiner Hand waren ein lebendiger Kommentar zu den Worten des Evangeliums: „Dies ist mein Gebot, dass ihr einander liebt!“

 

Der zweite Weltkrieg sollte mir wiederum eine Gelegenheit geben, diese Kraft der Freundschaft in Christus festzustellen. Diesmal nicht in einem Lazarettsaal, sondern in den Gefängnissen der Nazis, und nicht am eigenen Leib, sondern an meinen zwei Söhnen, die in die Hände der Gestapo gefallen waren.

 

Wie kann ich alles aufzählen, was ich den deutschen Gefängnisgeistlichen schulde, die die politischen Gefangenen in Fresnes besuchten und in ihre Zellen jenes Licht brachten, mit dem sie Christus beschenkt hat? Wie soll ich die Dankbarkeit ausdrücken, die alle Eltern dieser Gefangenen den beiden hervorragenden Priestern namens Stock und Steinert schulden. Ich muss die Namen hier nennen, damit diesen deutschen Priestern von einem Franzosen die Anerkennung zuteilwird, die ihnen gebührt. Der eine dieser Priester ist gerade jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe, gestorben. Der zweite lebt bescheiden in einem fränkischen Städtchen. Ich sehe Pfarrer Steinert noch vor mir, sein rundes Gesicht, die Güte in seinem Blick hinter der Brille, die rührige Nächstenliebe, die in so schlichter Weise von seiner Person ausging. Zwar trug er die Uniform eines Offiziers der Wehrmacht, aber ein paar Minuten Unterhaltung mit ihm genügten, um sich zu überzeugen, dass seine einzige Kleidung die des Priesters Jesu Christi war.

 

Welchen Kommentar zu dem berühmten Kapitel des heiligen Paulus über die Liebe, „die nimmer aufhört“, bildete das ganze Leben dieses Priesters, der jede Stunde dieser Liebe opferte und sich dafür der Gefahr aussetzte! Man kann die erstaunliche und ruhige Geringschätzung der Gefahr nicht genug schildern, die Pfarrer Steinert zeigte. Wie oft riskierte dieser Priester, der wohl wusste, dass er von der Gestapo beobachtet wurde, seinen Kopf, wenn er den Familien der Gefangenen Botschaften und Briefe überbrachte. Wenn eine solche Mitteilung in die Hände der Gestapo gefallen wäre, hätte es das Todesurteil für ihn bedeutet. Unermüdlich hielt er die Verbindung zwischen den Gefangenen und ihren Angehörigen aufrecht. Oft konnte er durch rechtzeitige Benachrichtigung weitere Verhaftungen verhindern.

 

Die Zahl der Franzosen, die ihm sein Leben verdanken, ist groß. Noch größer aber ist die Zahl der Franzosen, die ihm ihr religiöses Leben verdanken. Wie viele Seelen fanden in diesen Gefängnismauern heim zu Gott! Gott, dem sie sich aufopferten, weiß wie viele gottergeben ihr grausam hartes Schicksal in diesen Zellen annahmen.

 

ROBERT D`HARCOURT

Auszug aus dem Buch „Was erwarten wir vom Priester?“

Aus der Sammlung „Présences“, Plon Editeur, Paris 1949