Poverello (Der kleine Arme)

 

St. Franziskus unter den Tieren des Waldes.

 

Durch die grünen Waldeswipfel zittert goldner Sonnenschein,

Zieht ein wundersames Rauschen wie von Himmelsmelodei`n,

Und das Bächlein murmelt leise träumerische Zaubermähr,

Und die Blümlein nicken lauschend dort im Moose rings umher.

 

Unter einer alten Buche hochgestammt und dichtbelaubt

Ruht ein Mönch in grober Kutte, unbedeckt das edle Haupt,

Aber heller als die Sonne spielt ein wunderbarer Schein

Um die gottverklärten Züge, um die Stirn so hehr und rein!

 

Ganz versunken in Betrachtung hält ein Buch er in der Hand,

Wie sein Auge auf die Blätter, ist sein Herz auf Gott gewandt;

Stiller noch in seiner Seele, als der abendstille Hain,

Atmet – lesend und betrachtend – schon des Himmels Luft er ein.

 

Plötzlich aber wird`s lebendig um den Heil`gen mehr und mehr,

Mit dem zackigen Geweihe steigt ein stolzer Hirsch daher,

Und ein Falke durch die Lüfte schwebt hernieder auf den Baum,

Falk und Hirsch, sie blicken beide auf Franziskus wie im Traum.

 

Kommt ein sanftes Reh gezogen, schmiegt sich traut an seinen Schoß,

Dort das Köpflein still zu bergen scheint ihm allerschönstes Los,

Und zwei munt`re Häslein spielen ihm zu Füßen wohlgemut,

Bitten mit erhob`nen Pfötchen: „Sei auch uns, den Kleinen, gut!“

 

Eichhorn hüpft von Fels zu Felsen eilig in des Heil`gen Näh`,

Scheint fast traurig zu beneiden das von ihm liebkoste Reh. –

Sinnend, ernst und majestätisch steht Herr Storch auf einem Bein,

Kann sich nicht genug beschauen hier den Mann im grünen Hain!

 

Weiße Täublein flattern schmeichelnd ihm auf Schulter, Hand und Arm,

Niemals war`s in ihrem Leben ihnen doch so wohl und warm!

Taubenunschuld, Taubeneinfalt in des Heil`gen Blick und Sinn

Lockt mit wunderbarem Zauber in verwandte Nähe hin!

 

An Franzisci bleiche Wange schmiegt sich Lerchlein sanft und still,

Das nicht singen heut`, nein, leise lieben, lernen, lauschen will,

Lauschen auf ein Wort, ein einz`ges aus des Mönches heil`gem Mund,

Lernen von den Seraphsliedern, quellend ihm aus Herzensgrund.

 

Und so sitzt er ganz umrungen von den Tierlein groß und klein

Wie der König aller Schöpfung dort im abendstillen Hain;

Denn des Paradieses Unschuld leiht ihm wundersame Macht,

hat des Paradieses Zustand nochmals neu zurückgebracht.

 

Voll Erstaunen sehn zwei Brüder, die von Ferne zieh`n daher,

Wie des Waldes Tiere huldigen ihrem Vater lieb und hehr;

Nie noch haben sie gesehen wohl ein lieblicheres Bild

Und sie steh`n wie in Verzückung, Himmelslust ihr Herz erfüllt.

 

Wie die Tiere er beherrschte, so die Menschenherzen auch,

Alles war wie hingerissen, Alles fühlte Himmelshauch!

So, Franziskuskinder, sollte Euer Herz und Leben sein,

Einfalt, Unschuld, Lieb` und Demut nimmt die Erde für Euch ein.

 

 

Die hl. Einöde, oder hl. Maria zu den Kerkern.

(Il santo eremo, sante Maria delle Carceri.)

 

Die Kirche Maria delle Carceri liegt eine kleine Stunde nördlich der Stadt Assisi, mitten im Wald von Eichen umgeben. Hier war der Ort, wo sich der hl. Vater häufig von der Welt zurückzog und seinem Gemüt im Lobe Gottes und in der Betrachtung himmlischer Dinge freien Lauf ließ. Der Platz wurde ihm später von den Benediktinern geschenkt. Ursprünglich war hier nur ein Kirchlein mit einigen Hütten, später wurde ein großes Kloster gebaut; der hl. Bernardin von Siena war hier Guardian.

 

Vor dem Tor steht eine Kapelle, dem seligen Bruder Salvator geweiht. Nahe dabei ist auch das Wunderwasser, dessen Quelle der hl. Franziskus durch sein Gebet erlangte. Im Archiv des Klosters sind mehrere Krankenheilungen von diesem Brunnen verzeichnet.

 

Das Kirchlein wurde wahrscheinlich vom hl. Bernardin erbaut, da man über dem Altar den Namen Jesu sieht (IHS). In einer Nische steht ein berühmtes Kreuz, das mehrere Male zur ehrwürdigen Dienerin Gottes Diomira Bini, aus dem dritten Orden, gesprochen haben soll. Als sie einst vor dem allerheiligsten Sakrament betete, kamen zwei Religiosen in die Kirche. Da sprach der Gekreuzigte zu Diomira: „Wisse, meine Tochter, diese zwei Religiosen sind mir so lieb, dass ich, wenn ich die ganze Welt der Sünden wegen zerstören wollte, von ihnen um Schonung gebeten, sie erhören würde!“ So erzählt die Chronik der Provinz von Siena.

Dasselbe Bild sprach auch zum Bruder Silvester, als er einst aus Ermattung in der Kirche eingeschlafen war. Er erhielt einen sanften Backenstreich und vernahm die Worte: „Mein Sohn, gehe ins Dormitorium, denn hier ist kein Ort zum Schlafen.“ Er sah darauf Christus die Hand ans Kreuz zurückziehen.

 

Von Reliquien findet man in dieser Kirche: Blut aus den Wundmalen des hl. Franziskus; einen Tuchfleck, der ihm zum Trocknen des Blutes gedient hatte; das Gefäß, worin Franziskus das allerheiligste Sakrament aufbewahrte; einen Kelch, aus dem er die Ablution trank; den Stock, den er auf Reisen trug; ein Stück seines Habits und ein Silizium der hl. Klara.

 

Uralt ist in der Seitenkapelle das Bild über dem privilegierten Altar, Maria mit dem Jesuskindlein; es war schon in der Einsiedelei der Benediktiner vorhanden; hier pflegte der hl. Vater mit seinen Brüdern häufig dem Gebet obzuliegen, und das Bild stand bei ihnen in hoher Verehrung.

 

Der Chor ist noch im ursprünglichen Zustand, wie ihn der hl. Bernardin hatte erbauen lassen; auch zeigt man noch den Chor des hl. Franziskus. Von der Sakristei kommt man unterirdisch in eine Felsenhöhle. Hier auf nacktem Stein war das Bett des hl. Vaters, die Stelle ist mit einem Gitter abgegrenzt. Es geschahen mehrmals hier wunderbare Krankenheilungen. Von der Grotte kommt man ins Oratorium des hl. Franziskus, den ehrwürdigsten Ort der Einsiedelei.

 

Als kostbare Reliquie des hl. Vaters sei noch erwähnt das Kruzifix, welches er auf Reisen mit sich trug und auch in Ägypten gehabt haben soll.

 

Bemerkenswert neben dem Kloster ist eine uralte Steineiche, die zur Zeit des hl. Franziskus schon gestanden haben soll. Nicht weit davon kommt man zur Kapelle des sel. Rufinus, der ein Schüler des hl. Vaters und ein Verwandter der hl. Klara war. In der einstigen Grotte hatte er sich ein Altärchen errichtet und hier strenge Buße geübt. Franziskus gab ihm das Zeugnis: „Mir wurde geoffenbart, dass der Bruder Rufin eine jener drei Seelen ist, die Gott gegenwärtig auf der Welt am liebsten sind. Ich stehe nicht an, ihn jetzt schon einen Heiligen zu nennen, da er von Christus in der Gnade befestigt worden ist.“ Hier war einst dem seligen Rufin der Teufel erschienen in Gestalt eines schönen Engels und gab ihm den Rat, er möge als Einsiedler leben und nicht mehr dem hl. Franziskus anhangen, der nur ein einfältiger und ungelehrter Mensch sei. Rufinus ließ sich anfangs täuschen und erschien nicht mehr bei den gemeinschaftlichen Gebeten. Der hl. Vater suchte aber selbst seinen irregeführten Sohn auf und belehrte ihn über die Fallstricke des Lügengeistes. Rufin kehrte reumütig zurück und verdoppelte seinen Bußeifer. – Ein anderes Mal erschien ihm der Teufel in Gestalt des Gekreuzigten und ermahnte ihn, von der Buße abzulassen, da er sowie Franziskus doch zur ewigen Verdammnis bestimmt wären. Rufin wurde wieder tief betrübt. Allein St. Franziskus ließ ihn durch Massäus holen und richtete ihn wieder auf durch ein heldenmütiges Vertrauen auf Gott. Der selige Rufin erhielt fortan eine große Macht über die bösen Geister.

 

Man findet noch in der Nähe die Grotten des seligen Massäus, des seligen Antonius von Stroncone, des seligen Bernard von Quintavalle, des seligen Ägidius, des seligen Silvester, des seligen Andreas von Spello und des frommen Barnabas von Terni.

Ein merkwürdiges Bewandtnis hat es mit dem Bach, der einstens nahe am Kloster „zu den Kerkern“ vorbei rauschte, jetzt aber nur zu gewissen Zeiten fließt. Die Überlieferung erzählt, der hl. Franziskus habe durch sein Gebet das Ausbleiben des Wildbaches erlangt, der durch sein Tosen die Einsamkeit der Brüder störte. Seit jener Zeit sieht man auch bei den stärksten Regengüssen hier kein Wasser mehr fließen, obschon natürlicher Weise in diesem Rinnsal das Wasser des ganzen Berges sich sammeln müsste. Nur von Zeit zu Zeit kommt wieder der ganze Fluss durch dieses Tal herab und dies gilt immer nach mehrfacher Erfahrung als ein Zeichen großen Unglücks, welches über die Kirche oder Italien hereinbricht.

 

Vom Jahr 1739-1844 kommen 8 solche Fälle vor, wo der Bach wieder floss, und jedes Mal war das Ereignis von einem großen Unglück in Italien begleitet. Im Jahr 1870, dem großen Unglücksjahr Italiens, floss das Wasser wieder.

 

 

Maria von den Engeln.

(Maria degli Angeli. Portiunkula.)

 

Diese Kirche wurde schon 352 von Einsiedlern erbaut unter dem Namen Maria von Josaphat. Später besetzten sie die Benediktiner, welche sie auch vergrößerten und Maria von den Engeln nannten. Öfters will man in diesem Heiligtum eine himmlische Musik gehört und hellen Glanz um Mitternacht gesehen haben. Der hl. Vater Franziskus hatte hier seinen Lieblingsaufenthalt und restaurierte dieses Kirchlein mit eigener Hand, da es sehr baufällig geworden war. Hier fasste er zuerst den Entschluss zur apostolischen Lebensweise. Da er in Rivo Torto mit seinen vielen Jüngern nicht mehr genug Platz hatte, wandte er sich an den Abt der Benediktiner und bettelte um das Kirchlein Maria von den Engeln, welches er auch erhielt. Als Bedingung wurde ihm gesetzt, wenn seine Genossen zu einem Orden heranwachsen würden, so sollten seine Söhne das Kirchlein Maria von den Engeln allzeit als ihre Wiege betrachten.

 

Der hl. Franziskus gab den Benediktinern aus Dankbarkeit und freundlicher Verehrung sofort alljährlich für diese Schenkung ein Körblein voll Fische – gleichsam als Tribut, wodurch er die Abhängigkeit der mindern Brüder aussprechen wollte.

 

Die Freude des hl. Vaters über diese Eroberung war eine himmlische. Er durchwachte die erste Nacht im Gebet in diesem Kirchlein. Da erschien ihm der göttliche Heiland mit seiner hl. Mutter und sprach zu ihm: „Ich komme mit meiner Mutter, um dich und deine Brüder an diesem Ort einzusetzen, der uns sehr teuer ist.“ Den folgenden Tag zog St. Franziskus mit seinen Söhnen hier ein, er beherbergte sie in dem an dem Kirchlein stehenden Haus und ermahnte sie, diesen Ort vor allen heilig zu halten, ihn durch ein heiliges Leben zu verherrlichen. Es war im Jahr 1210.

 

Von Maria von den Engeln aus unternahm St. Franziskus seine großen geistlichen Feldzüge nach den verschiedensten Gegenden Italiens, sowie nach Ägypten und Syrien; von hier aus sendete er seine ersten Jünger als Missionare nach Deutschland, Frankreich, Spanien und Afrika, von denen mehrere die Marterpalme erlangten.

 

Hier empfing 1212 die hl. Klara aus den Händen des hl. Franziskus das Ordenskleid. 1219 wurde das große Generalkapitel hier abgehalten, bei welchem 500 Brüder zugegen waren und der Kardinal Hugolino den Vorsitz führte.

 

Seinen Namen Portiunkula erhielt das Kirchlein von der kleinen Pforte, porta piccola, oder von „der kleinen Herde“, wie St. Franziskus seine Brüder zu nennen liebte. Unter diesem Namen ist auch das Heiligtum besonders berühmt geworden wegen des großen Ablasses, den der Herr dem hl. Franziskus hier für das Heil der ganzen Christenheit gespendet hat.

Portiunkula ist das Zentrum des hl. Ordens geblieben, bis auf den heutigen Tag das seraphische Loretto.

 

Die gegenwärtige Kirche, welche das Portiunkula-Kirchlein umschließt, wurde 1569 grundgelegt. Die vom hl. Franziskus ursprünglich um das Kirchlein herum gebauten Zellen wurden durch den Großbau verdrängt.

 

Die Kirche ist dreischiffig, in den Seitenschiffen sind große Kapellen. Unter der majestätischen Kuppel steht das Portiunkula Kirchlein frei da, wie das heilige Haus von Loretto in der großen Basilika dortselbst. Im inneren Umfang der Kuppel liest man: „Ave, Regina Coelorum! Sei gegrüßt, o Königin des Himmels!“ An den vier Kuppelpfeilern ist in Gemälden die Erlangung des Portiunkula-Ablasses dargestellt:

1. Der Engel führt den hl. Franziskus zum Kirchlein Portiunkula.

2. Franziskus erbittet vom Herrn durch Vermittlung Mariä den kostbaren Ablass.

3. Franziskus erlangt vom Papst Honorius III. die Bestätigung des Ablasses.

4. Die Verkündigung des Ablasses durch die Bischöfe.

 

Durch Benedikt XIV. erhielt diese Kirche den Rang einer Patriarchal-Basilika.

Das Portiunkula-Kirchlein selbst zeigt noch die gleiche Gestalt und dieselben Mauern wie zur Zeit des hl. Franziskus. An der Vorderseite sieht man das schöne Gemälde von Overbeck: Christus mit seiner hl. Mutter, umgeben von Engeln, erscheint dem hl. Franziskus und bewilligt ihm den Ablass. Über dem Eingang stehen die Worte: „Haec est porta vitae aeternae. Das ist die Tür zum ewigen Leben!“

 

Die Heiligkeit des Ortes macht sich dem Eintretenden fühlbar; der Wohlgeruch der Gebete, die hier zum Thron Gottes aufgestiegen, scheint nicht verraucht; ein Hauch der Himmlischen, die hier so oft zu den Sterblichen sich herabgelassen, weht uns an.

Das Bild der Madonna datiert sich vom Jahr 1300, also nicht mehr dasselbe, vor dem einst Franziskus gekniet war.

 

Über dieses Kirchlein hatte einst ein frommer Mann folgendes Gesicht: Er sah eine große Menge Blinder um das Kirchlein herum auf den Knien mit ausgebreiteten Armen und zum Himmel gerichteten Augen um Barmherzigkeit und Erleuchtung flehen. Da kam auf einmal ein starkes Licht vom Himmel, welches Allen die Augen öffnete. In der Tat haben sehr viele geistig Blinde in diesen heiligen Mauern das innere Licht der Gnade empfangen.

Das kleine Kirchlein füllt sich am 2. August jedes Jahr von Sonnenaufgang bis Untergang mit Andächtigen, welche hier den hl. Ablass zu gewinnen zusammenströmen.

 

Die Kapelle über dem Ort, wo der hl. Franziskus starb, steht in der Kirche Maria von den Engeln zwischen Portiunkula und der Sakristei. Als der Heilige im Palast des Bischofs sehr schwer krank darnieder lag und sein Ende herannahen fühlte, ließ er sich nach dem Kirchlein Maria von den Engeln tragen, um dort sein Leben zu beschließen, wo er den Grund zur Vollkommenheit, sowie zu seinem hl. Orden gelegt hatte. Am 3. Oktober, am Vorabend seines Todes, versammelte er seine geistlichen Söhne um sich, gab ihnen die zärtlichsten Ermahnungen und segnete sie wie der Patriarch Jakob seine Söhne. Das Beispiel des göttlichen Heilandes nachahmend, ließ er sich ein Brot bringen, segnete es und gab einem jeden ein Stücklein davon als Sinnbild der brüderlichen Eintracht. Der Bruder Elias war der einzige, der seinen Teil nicht aß, sondern weinte, vielleicht aus trauriger Vorahnung der Spaltung, die er in den Orden bringen sollte.

 

Franziskus befahl seinen Söhnen ausdrücklich, die Kirche Maria von den Engeln allezeit in hohen Ehren zu halten, und trug dem General auf, Sorge zu tragen, dass immer nur die frömmsten Brüder bei diesem Heiligtum wohnen sollten.

 

„Hütet euch“, sprach er unter anderem, „diesen Ort zu verlassen, und wenn man euch auf der einen Seite hinausjagt, so geht auf der andern wieder hinein; denn er ist heilig; hier ist die Wohnung Jesu Christi und der hl. Jungfrau; wer hier andächtig betet, wird erhalten um was er bittet; wer aber hier sündigt, wird um so strenger bestraft werden.“

 

Es war am 4. Oktober 1221, an einem Samstag, da nahte die Todesstunde des hl. Franziskus. Um zu zeigen, dass er mit der Welt nichts gemein habe, ließ er sich nackt auf den Boden legen und nahm nur ein Kleid an, welches man ihm als Almosen gab, um so die hl. Armut getreu bis zum Tod zu bewahren. Hierauf diktierte er sein geistliches Testament, segnete noch alle anwesenden und abwesenden, gegenwärtigen und zukünftigen Kinder und ließ sich das Evangelium: „Von dem Osterfest“ vorlesen. Er selbst stimmte darauf den Psalm an: „Voce mea ad Dominum clamavi“, und betete ihn fort bis zum letzten Vers: „Educ de custodia animam meam ad confitendum nomini tuo; me expectant justi, donec retribuas mihi!“ – „Führe aus dem Kerker meine Seele, damit sie deinen Namen preise; die Gerechten warten mein, bis du mir vergeltest.“

 

Nach diesen Worten verschied der hl. Vater, und wie einen Stern in wunderbarem Lichtstrahl sahen die Brüder seine Seele zum Himmel fliegen.

 

Der hl. Leib wurde nach dem Tod ein Gegenstand allgemeiner Verehrung und Andacht. Alles lief herbei, um die merkwürdigen Wundmale zu sehen. Man sah deutlich die Nägel aus den Händen und Füßen hervorstehen und auch die Seitenwunde konnte man sehen, die der Heilige im Leben immer sorgfältig verborgen hatte. Seine sonst bräunliche Haut war schneeweiß geworden, seine Glieder blieben biegsam. Die Nacht über blieben die Brüder beim hl. Leichnam, und verherrlichten Gott in seinem hl. Diener, ihrem Vater, mit Lobgesängen.

 

Sein Begräbnis in der Hauptkirche zu Assisi glich nach den Worten des hl. Bonaventura einem Freudenfest himmlischer Geister. Das Herz des hl. Vaters wurde nach seinem Wunsch in Maria von den Engeln beigesetzt und ruht heute noch in der genannten Kapelle.

Von anderen Merkwürdigkeiten in Portiunkula ist noch erwähnungswert: In einer Kapelle der großen Kirche sieht man eingegittert ein Stück Holz, das noch von der Kanzel erhalten ist, von der aus der hl. Franziskus und die sieben Bischöfe den Portiunkula-Ablass verkündet haben.

 

Außerhalb der Kirche, unweit der Sakristei, findet man die Grotte, auch die Kapelle der Rosen genannt, wo Franziskus betete, als ihm der Engel die Nachricht brachte, dass der Herr Jesus ihn in dem Kirchlein erwarte. Wie die Einladungen der Engel, fanden hier auch die großen Versuchungen des Satans statt.

 

Neben dieser Kapelle sieht man noch die Rosenstöcke, die sich aus den Dornsträuchen wunderbar gebildet haben; sie sind stets grün und ohne Dornen und ihre Blätter zeigen Makeln von Blutflecken. In der Sakristei werden solche Blätter den Pilgern ausgeteilt.

 

 

Rivo Torto.

 

Auf der Landstraße von Foligno nach Perugia liegt die Kirche Rivo Torto. Sie hat den Namen von dem Bach, der in Krümmungen um sie herum durch die Ebene fließt. Zur Zeit des hl. Franziskus war hier eine Kapelle mit einer armen Hütte, worin der hl. Vater eine lange Zeit wohnte und seine Jünger unterrichtete. Es war hier das Noviziat der ersten seraphischen Söhne, und darum bleibt der Ort merkwürdig.

 

Den 12 Aposteln gleich, wählte sich der hl. Stifter 12 Jünger aus, die seinen Orden in alle Welt verbreiten sollten. Es waren folgende: Bernard von Quintavalle, Petrus Cataneus, Aegidius, Sabbatin, Moricus, Johannes de Capella, Philippus Longus, Constantius, Barbarus, Vigilantius, Silvester und Angelus Tancredi.

 

Darunter war ein Judas, nämlich Johannes de Capella. Er hatte das Amt erhalten, das empfangene Almosen zu verteilen und geriet dabei in die Fallstricke des Geizes. Der hl. Vater warnte ihn oft davor, aber der unglückliche Jünger war unverbesserlich. Er fiel in eine Krankheit, entfernte sich von den Brüdern und erhängte sich selbst.

 

Alle Übrigen zeichneten sich durch einen hohen Grad der Heiligkeit aus.

 

 

Agnes von Assisi

 

Die Stadt Assisi erkennt es an, dass sie durch den hl. Franziskus nicht allein eine heilige Stadt geworden ist, sondern dass sie durch sein Gebet und durch seinen Segen eine Stadt der Heiligen geworden ist. „Benedicta civitas“, „Gebenedeite Stadt“, sprach er, „weil in dir und durch dich viele Seelen werden gerettet werden.“ In der Tat hat das Gebet und der Segen des seraphischen Vaters über seine Vaterstadt die Segnungen des Himmels herabgezogen. Besonders ergoss sich die Gnade des Himmels in reichlichem Maße über die Familie Scesi, so dass sie vorzugsweise eine benedicta familia – eine gesegnete Familie genannt werden muss. Der Graf Favorino aus dem alten Geschlecht der Scesi war ein tapferer Rittersmann und dabei auch ein guter Christ, während seine Gemahlin Hortulana aus dem Hause der Fiumi, Grafen von Sterpeto, von ganzer Seele fromm war. Ihre Frömmigkeit zog sie in das heilige Land, um zu Bethlehem an der Wiege des Erlösers um gute Kinder zu beten, und um auf dem Kreuzweg zu Jerusalem die Gnade zu erflehen, das Kreuz einer Ehefrau und Mutter standhaft zu tragen. Wenn nach den Worten des göttl. Erlösers ein guter Baum gute Früchte bringt, so müssen die Kinder, womit Gott Hortulana beschenkte, auch gute Kinder gewesen sein. Und das waren in der Tat die fünf Kinder Hortulana`s, besonders ihre vier Töchter. Denn eine davon war die hl. Klara, eine die hl. Agnes, die dritte Beatrix, sowie die Mutter selbst starben als Klarissinnen ebenfalls im Rufe der Heiligkeit. Folgte auch die älteste Tochter Hortulana`s ihren Schwestern nicht ins Kloster, so schickte sie doch ihre drei Töchter, Amata, Balbina und Agnes und ihre Enkelin Klara, welche alle als Klarissinnen in großer Heiligkeit ihre Tage beschlossen, als Ersatz dahin. Endlich waren die seligen Silvester und Rufinus, Schüler des hl. Franziskus, Enkel von zwei Brüdern des Vaters der hl. Agnes, deren Lebensumriss nun folgen mag.

„Höre, Tochter, und schaue, und neige dein Ohr; und vergiss dein Volk und das Haus deines Vaters“ (Psalm 44,11). Klara, die 18jährige Tochter des gräflichen Ehepaares, Favorino und Hortulana, hatte bereits diesen Worten, welche der himmlische Bräutigam ihr sanft ins Ohr flüsterte, und welche der Brautwerber des himmlischen Königs, Franziskus, ihr laut wiederholte, Gehör gegeben, hatte das väterliche Haus verlassen und aus den Händen des hl. Franziskus das Ordenskleid empfangen. Sie wurde, weil sie noch allein war, vom heil. Ordensstifter zuerst in das Kloster der Benediktinerinnen von St. Paul und bald nachher in das von St. Angelo del Panso versetzt. Klara`s Verschwinden brachte ihre ganze Verwandtschaft in Alarm. Kaum hatte man ihren Aufenthalt erfahren, stürmte man zum Kloster. Allein Schmeicheleien, Befehle und Drohungen konnten die Standhaftigkeit der Braut Christi nicht erschüttern. Sie umklammerte den Altar, entblößte ihr geschorenes Haupt und erklärte, dass keine Gewalt sie von hinnen bringen würde, worauf sich die Verwandten zurückzogen und sie in Ruhe ließen. Man erlaubte jedoch ihrer jüngeren Schwester Agnes hie und da einen Besuch bei ihr, in der Hoffnung, sie könnte dadurch wieder Sehnsucht nach der Familie bekommen und endlich in dieselbe zurückkehren. Allein die Sache kam ganz anders. Klara hatte inständig zu Gott gebetet, er möchte auch ihre Schwester Agnes aus den Gefahren der Welt herausführen, und der göttliche Bräutigam ließ unaufhörlich seine Worte an deren Herz ergehen: „Höre, Tochter ... und vergiss das Haus deines Vaters.“ So konnte endlich Agnes 16 Tage nach der Flucht ihrer Schwester mit ihrer Namenspatronin der hl. Martyrin Agnes, Gott danken, dass er die weltliche Liebe aus ihrem Herzen genommen, und konnte ihrer Schwester ihren Entschluss erklären, bei ihr bleiben und sich ganz Gott weihen zu wollen. War der Kampf Klara`s mit ihren Verwandten ein harter, so war der Sturm, welcher über dieses Lämmlein (denn das bedeutet der Name Agnes) zu kommen drohte, noch viel wuchtiger. Denn kaum hatten die Verwandten von dem Entschluss Agnesens Kenntnis erhalten, stürmte Monaldus, ein Bruder des Vaters, der sich zur Ausführung dieses Unternehmens erboten hatte, mit zwölf Bewaffneten dem Kloster zu, und als gütliches Zureden und grimmige Drohungen erfolglos blieben, schritt man zu roher Gewalt. Man ergriff die Jungfrau an den Haaren und schleppte sie unter Stößen und Schlägen aus dem Kloster und den Abhang des Hügels hinab, während sie nach dem Vorbild Jesu, der sich schweigend wie ein Lamm zur Schlachtbank führen ließ, ihren Mund zu keiner Klage öffnete, wohl aber zu Hilferufen: „Klara,“ so rief sie aus, „hilf mir, liebe Schwester, damit ich Jesus Christus nicht entrissen werde!“ Die Hilfe bestand darin, dass Klara zu Gott um Hilfe flehte, die auch wunderbar kam. Denn auf einmal bekam der Körper der Jungfrau ein solches Gewicht, dass alle zusammen sie nicht mehr von der Stelle bringen konnten, und erstarrte ihrem Onkel der Arm, mit dem er einen Schlag auf sie führen wollte, worauf die Rotte, durch das doppelte Wunder erschreckt, beschämt ihre Beute verließ. Hierauf umarmte Klara ihre Schwester und führte sie wieder in das Kloster zurück. Franziskus gab nun auch ihr das Ordenskleid und versetzte sie mit Klara nach St. Damian, welches Kloster nun das Mutterhaus des zweiten Ordens der Klarissen, der Schauplatz der Tugenden der hl. Klara und ihrer Schülerinnen und die Pflanzschule für die vielen Klöster wurde, welche schon bei Lebzeiten der hl. Klara in verschiedenen Ländern entstanden. Insbesondere schickte die hl. Klara ihre Schwester, unsere hl. Agnes, nach Florenz, Mantua, Padua, Venedig und nach anderen Orten, um Klöster zu gründen und sie durch Wort und Beispiel in den seraphischen Geist einzuführen und sie darin zu befestigen. Ein Porträt der hl. Agnes, einen Spiegel, worin sich ihre schöne Seele treu abgespiegelt, bildet der rührende Brief, den sie aus Florenz der hl. Klara und der ganzen Klostergemeinde von St. Damian geschrieben hat. Wie ein Lämmlein, wenn es allein dasteht, nach dem Mutterschaf und nach der Herde blökt, so seufzt Agnes in diesem Brief mit Sehnsucht nach dem Wiedersehen und nach der Heimkehr in den heiligen Schwesternkreis von St. Damian. Wie ergreift es, wenn man da liest, wie Agnes ihre Schwester „ihre Herrin und Mutter“ heißt, und sich selbst „als niedrige Schwester und geringste Schülerin Jesu“ im Geist allen Mitschwestern „zu Füßen“ wirft; wie sie dann klagt über ihr Heimweh nach ihnen, das sie verzehrt, obschon, wie sie sagt, auch die Mitschwestern in Florenz ihr alle Liebe und pünktlichen Gehorsam erweisen.

Was soll man von ihren Arbeiten und Tugenden sagen, indem das Wenige, was auf uns gekommen ist, nichts sagt im Vergleich zu dem, was sie wirklich getan hat, und doch mehr als genügend ist, ihre große Heiligkeit zu beweisen. Gott weiß es genau, wie viel und wie segensreich sie in Ausbreitung des Ordens gearbeitet hat; noch mehr sind ihre Bußwerke und ihre stillen Tugenden nur Gott vollkommen bekannt. Während sie noch einfache Nonne war, hatte sie in Mitte ihrer frommen Gefährtinnen durch eine so ungewöhnliche Heiligkeit geleuchtet, dass sie einen den übrigen unbekannten Weg der Vollkommenheit gefunden zu haben schien. In der langen Zeit, die sie entfernt von der Schwester lebte, hörte sie nicht auf, das Beispiel heldenmütiger Tugenden zu geben. Von Kindheit an bis zum Tod ein Bußhemd tragend, lebte sie nur von Wasser und Brot, und auch davon genoss sie nur wenig. Hart und rau gegen sich, war sie voll Güte und Mitleid gegen andere. Ihr Eifer im Gebet und in der Betrachtung grenzt ans Wunderbare. Oft brachte sie ganze Nächte damit zu. Als sie einst in einem Winkel des Chores zur Nachtzeit betete, beobachtete die hl. Klara, wie sie in den Lüften schwebend nach einander mit drei Kronen gekrönt wurde. Als sie am Tag darauf von der hl. Klara im Gehorsam beauftragt wurde zu sagen, was sie zu jener Stunde betrachtet hätte, sagte sie: „Zuerst betrachtete ich die Güte und Langmut Gottes, womit er die Sünder, welche seine Rache täglich durch ihren Undank herausfordern, geduldig erträgt. Zweitens seine unaussprechliche Liebe gegen die Sünder, indem er das bitterste Leiden und den schmählichsten Tod für sie ertrug. Drittens endlich betrachtete ich die Leiden der armen Seelen im Fegefeuer, die sich nicht helfen können.“ – In der Christnacht sah sie alles, was die Brüder in weiter Ferne taten, hörte ihren Psalmengesang und sah das Jesuskindlein leibhaftig und lebend in der Krippe liegen. Vom Gründonnerstag bis Karsamstag betrachtete sie in Verzückung das Leiden Jesu mit solcher Innigkeit, dass sie, den Sinnen wiedergegeben, nur eine Stunde lang geschlafen zu haben glaubte. Von den Wundern, womit sie vor und nach dem Tod leuchtete, sei nur eines erwähnt. Als sie mit dem Tode rang, liefen viele Leute herbei, um sie noch einmal zu sehen, und drängten sich über die Stiege des Klosters hinauf, so dass diese unter ihren Füßen brach und viele schwer verletzt wurden. Da riefen sie alle die sterbende Dienerin Gottes an, worauf sie alle gesund aufstanden. Endlich starb sie am 16. November 1253 im 56. Jahr ihres Alters zu St. Damian bei Assisi drei Monate nach dem Tod ihrer Schwester, der hl. Klara, und ging hinüber, um sich durch alle Ewigkeit an dem Hochzeitsmahl des Lammes, ihres göttlichen Bräutigams nämlich, mit allen heiligen Jungfrauen zu laben. Ihr heiliger Leib wurde mit dem der hl. Klara im Jahr 1260 in die im Innern der Stadt für die Klarissen gebaute und der hl. Klara geweihte Kirche gebracht, wo er noch gegenwärtig verehrt wird.

 

Es wird wohl kaum ein Tier geben, dem so hohe Ehren widerfahren, wie es beim Lamm der Fall ist. Denn das Lamm hatte im alten Bund die Ehre, den Welterlöser vorzubilden: es wurde auf Befehl Gottes als Brand- und Sühnopfer geschlachtet, und Gott hatte Wohlgefallen an Opfern, nicht weil es ein Lamm war, sondern weil es das Kreuzesopfer seines Sohnes vorbildete; die Propheten führten den künftigen Welterlöser den Israeliten gleichfalls unter dem Bild eines Lammes vor die Augen, das unter der Schere den Mund nicht öffnet und sich geduldig zur Schlachtbank führen lässt, und der heilige Vorläufer zeigte auf den bereits erschienenen Erlöser mit den Worten hin: „Siehe da das Lamm Gottes, siehe, der die Sünden der Welt hinwegnimmt.“ Der Apostel Petrus nennt ihn ebenfalls das unbefleckte Lamm, durch dessen Blut wir erlöst sind, Johannes heißt ihn in der geheimen Offenbarung sehr oft das Lamm und preist diejenigen glücklich, welche zur Hochzeit des Lammes geladen sind, und die hl. Kirche hat diese Bezeichnung in Wort und Bild beibehalten. – Wie der menschgewordene Sohn Gottes uns in allem, die Sünde ausgenommen, gleich sein und unser Bruder werden wollte, so ließ er uns auch Anteil an seinem Ehrentitel eines Lammes. Er gibt dem Apostel Petrus die Gewalt, seine Lämmer zu weiden, und nennt sich den guten Hirten, der die zärtlichste Sorge für seine Schafe hat und für sie sogar sein Leben hingibt.

Bin ich auch ein gutes Lämmlein des Herrn, wie es die heilige Agnes war? Habe ich eine Lammesnatur? Das Lamm ist das Sinnbild der Unschuld, und die hl. Agnes war so ein unschuldiges Lämmlein. Ich bin auch aus dem Taufbrunnen als rein gewaschenes Lämmlein hervorgegangen; bin ich noch rein und unschuldig, so wandle ich vorsichtig, bewahre die Unschuld, und ich bin zur Hochzeit des Lammes eingeladen, d.h. ich bin ein Kind der Seligkeit; habe ich aber unglücklicher Weise mein Hochzeitskleid durch Sünden beschmutzt, so wasche ich die Schmutzflecken durch Bußtränen ab, und dann gehöre auch ich zu den Hochzeitsgästen des Lammes. Ferner ist das Lamm geduldig, und die hl. Agnes war so ein geduldiges Lämmlein, und öffnete ihren Mund zu keiner Klage, als man sie misshandelte, wohl aber rief sie die hl. Klara um Hilfe an. Ich will es auch so machen. Ich will die Geduld bewahren aus Liebe zu Gott bei allen Vorkommnissen und Prüfungen und rufe Gott und seine Heiligen um Hilfe an; zögert diese, so bete ich um Geduld. Das Lamm ist folg- und lenksam, es lässt sich vom Hirten leiten und hört auf die Stimme des Mutterschafes, und unsere hl. Agnes war so ein gehorsames Lämmlein, gehorchte aufs bereitwilligste und pünktlichste der hl. Kirche und deren Oberhaupt, dem Ordensstifter Franziskus und ihrer Oberin, der hl. Klara; sie fühlte in ihrer langen Entfernung vom Mutterkloster schwer das Opfer des Gehorsams, aber sie brachte es Gott ohne Vorbehalt. Ich soll sie auch darin nachahmen: ich soll freiwillig und pünktlich gehorchen aus Liebe zu Gott, der hl. Kirche und meinen geistlichen und weltlichen Vorgesetzten, kurz, ich folge der hl. Agnes, welche mich durch ihr Beispiel zur Hochzeit des Lammes ladet, ich soll ein so unschuldiges, geduldiges und folgsames Lämmlein sein, wie sie, und ich werde gleich ihr zur Hochzeit des Lammes gelangen. Will sich aber ein Wolf an mir vergreifen und mich fortschleppen, so rufe ich zum Himmel um Hilfe, wie die hl. Agnes in der größten Not ausgerufen hat: „Hilf mir, hilf mir, liebe Schwester, damit ich Jesus Christus nicht entrissen werde!“

 

 

Der Sonnengesang

unseres heiligen Vaters Franziskus.

(In freier Übersetzung.)

 

Herr, mächtig, gut und hoch und hehr, -

Kein Mensch ist würdig, Dich zu nennen,

Nur Dir gebührt Lob, Preis und Ehr`,

Und Alles soll in Lieb` entbrennen, -

Gelobt seist Du - und Du allein -

Durch all die edlen Werke Dein!

 

Gelobt seist Du durch jeden Strahl,

Durch allen Glanz der edlen Sonne,

Die - als von Dir das Bild zumal -

Die ganze Welt erfüllt mit Wonne;

Sie wirkt den Tag, weckt Groß und Klein,

Gelobt seist Du durch ihren Schein!

 

Gepriesen seist Du, Herr, alsdann

Auch durch des Mondes sanften Schimmer, -

Die Sternlein, wandelnd ihre Bahn,

Verkünden Deine Allmacht immer;

Wie hast Du sie so schön gemacht,

So hell und klar als Licht der Nacht!

 

Gelobt sei durch des Windes Weh`n,

Und durch der Wolken rastlos Eilen,

Durch Wetter, Luft und das Besteh`n

Der Zeiten, die das Jahr uns teilen,

Denn so gedeiht die Kreatur,

So grünt das Feld, so blüht die Flur!

 

Gepriesen sei, Herr, immerdar

Durch Meer und Strom, durch Bach und Bronnen;

So keusch und köstlich, kühl und klar

Dient sie der Welt zu Nutz und Wonnen

Des Wassers Flut, - sei benedeit

Durch jedes Tröpflein jederzeit!

 

Gelobt sei durch des Feuers Macht,

Das stark und schön und allbezwingend,

Das uns erhellt in dunkler Nacht,

Den Wesen Licht und Wärme bringend;

Von Dir der Glanz, von Dir die Glut,

Sei drum gelobt, Du höchstes Gut! -

 

Gelobt, gepriesen und geehrt

Sei, Herr, durch unsre Mutter Erde,

Die uns erhält, beherrscht, ernährt,

Dass Allem Kraft und Labung werde,

Die Kräuter, Blüt und Frucht uns bringt,

Und Jahr um Jahr sich neu verjüngt!

 

Gelobt, gepriesen sollst Du sein,

Durch Alle, die im Leben leiden,

Die - Trübsal duldend - gern verzeih`n,

Die Zorn und Zank und Zwietracht meiden; -

Solch Friedenskind ist selig schon,

Du reichst, o Herr, ihm einst die Kron!

 

Gelobt seist Du, o Herr, zum Schluss

Auch durch den Tod mit seinen Wehen,

Dem jeder Mensch sich beugen muss,

Kein Lebender mag ihm entgehen!

Drum selig, wer von Sünden rein,

Ihn führt der Tod zum Leben ein!

 

So singe denn die ganze Welt,

O Herr, die Wunder Deiner Werke!

Der Alles schuf und es erhält,

Dem sei allein Preis, Ruhm und Stärke;

Ihm dank und diene Jedermann

Und bete Ihn voll Demut an!

 

 

Die selige Viridiana aus dem III. Orden - Reklusin

(Ein lieblich tönendes Glöcklein in der vermauerten Klause.)

 

„Dieses Tor soll verschlossen bleiben und nimmermehr geöffnet werden,

und niemand soll durch dasselbe gehen.“ Ezech. 44,2

In der schönen Toskana und, genauer bezeichnet, in dem wein- und getreidereichen Elsa-Tal erblickt der Reisende, wenn er mit der Eisenbahn von Florenz nach Siena fährt, links auf einer Anhöhe die blühende Ortschaft Castelfiorentino, wie sie mit ihrer alten Burg, die ihr den Namen gab, hernieder winkt. Es ist der Geburtsort der seraphischen Klausnerin, der seligen Viridiana. Einer vornehmen Familie entsprossen glich sie schon in ihrer Kindheit einem Baum, der durch seine Blütenpracht reichliche Früchte verspricht. Irdischer Tand und weltliche Vergnügungen waren nie im Stande ihr Herz zu fesseln; hingegen hatte sich dieses im Bewusstsein, für etwas Höheres geschaffen zu sein, schon frühzeitig von der Welt und von allem, was diese bieten konnte, abgeschlossen, um für ihre Seele ein geheimes Kämmerlein, ein Heiligtum zu sein, worin diese fortan nur Gott und seiner Liebe leben sollte. Weil sie aber befürchtete, die Feinde ihrer Seele könnten durch die morsche Mauer ihres Leibes eine Bresche machen und sie in ihrer geheiligten Einsiedelei überfallen, so umgab sie diesen mit einem scharfen Bußgürtel und mit einem eisernen Reif, und zog überdies um denselben durch Fasten und andere Bußwerke einen tiefen Graben, den die Feinde nicht überschreiten sollten. Durch solche Gewaltmittel zahm und unterwürfig erhalten würde der Leib gerne der Seele in die Einsamkeit nachgefolgt sein, wenn sich ihm vor der Hand nicht Hindernisse in den Weg gestellt hätten. Viridiana kam nämlich in das Haus eines reichen Verwandten, dessen Frau, wie es scheint, zur Führung des Hauswesens weniger Geschick hatte, und musste, obschon noch zart an Jahren, die Leitung der ganzen Hauswirtschaft übernehmen. Diese Stellung benützte sie, um den Lieblingen des Geliebten ihres Herzens, den Armen, deren zur Zeit einer großen Teuerung nicht wenige vor Hunger verschmachteten, zu Hilfe zu kommen, und teilte einst eine ganze Kiste voll von Hülsenfrüchten unter sie aus, zeigte aber dem deshalb über sie aufs höchste aufgebrachten Herrn, nachdem sie die ganze Nacht zu Gott um Hilfe gefleht hatte, des andern Morgens die Kiste wunderbar wieder angefüllt. Weil jedoch dieses und andere von ihr gewirkte Wunder und die all umher strahlende Heiligkeit ihres Lebens ihr nicht bloß die Achtung ihres Verwandten, sondern auch die allgemeine Verehrung des Volkes zuzog, so unternahm sie, um den Ehrenbezeugungen aus dem Wege zu gehen, in Begleitung einiger frommer Frauen eine Wallfahrt zum Grab des hl. Apostels Jakob nach Kompostella und zu den Gräbern der Apostelfürsten nach Rom. Nach ihrer Rückkehr konnte sie der süßen Einladung des Geliebten ihres Herzens, der sie in die Einsamkeit führen, in ihr die Liebe ordnen und an ihr Herz sprechen wollte, nicht mehr widerstehen. Sie baute sich daher an der Kirche des hl. Antonius eine kleine Zelle, in die sie nun als Nonne gekleidet trat, und deren Tür sie nicht bloß hinter sich schloss, um im Verborgenen zum Vater im Himmel zu beten, sondern die sie hinter sich sogar vermauern ließ, um für ihr ganzes übriges Leben darin i Gebet und strenger Buße mit Gott allein zu weilen, und nur ein Fensterchen daran anbringen ließ, um durch dasselbe die himmlische Seelenspeise und die notwendigste körperliche Nahrung zu empfangen. Hier empfing sie nach einigen Jahren nebst dem notwendigen Unterricht in der Regel des dritten Ordens aus den Händen des hl. Franziskus selbst auch das Kleid desselben, während sie bisher ohne bestimmte Regel einfach ein Einsiedlerleben nach der Anleitung der inneren Einsprechungen geführt hatte. Jedoch sollte Viridiana in dieser Abgeschlossenheit nicht mit Gott allein sein. Denn, wie sich der ersten Frau, als sie allein im Paradiesgarten lustwandelte, die höllische Schlange zugesellte, um sie zu verführen, so sparte sie auch bei Viridiana, die, selbst ein verschlossener Garten in ihrer einsamen Zelle, welche ihr ein himmlischer Lustgarten war, worin sie sich mit dem himmlischen Bräutigam ihrer Seele vergnügte, keine Künste und keine Gewalt, um sie von ihrem allgeliebten Jesus loszureißen, und da ihr dieses nicht gelang, so schickte sie ihr zwei wirkliche Schlangen als ebenso übermütige, wie unheimliche und ekelhafte Gesellschafterinnen in ihre Zelle. Jedoch, lassen wir nicht der höllischen Schlange die Ehre, der Seligen diese Gelegenheit sich Verdienste zu sammeln geboten zu haben. Es war vielmehr Viridiana selbst, welche den Herrn darum gebeten hatte, um den heiligen Einsiedler Antonius nachahmen zu können. Diese fürchterlichen Tiere nun, welche der Dienerin Gottes schon durch ihren Anblick Schrecken einjagten, betrugen sich gegen sie auch sehr „liebenswürdig“. Nicht damit zufrieden, aus ihren Händen die Nahrung zu empfangen, wollten sie keinen Rangunterschied dulden, sondern verlangten mit ihr aus derselben Schüssel zu essen und ihr auch bei ihrer Nachtruhe Gesellschaft zu leisten, und geißelten die zarte Jungfrau im Weigerungsfall mit ihren Schwänzen. Obwohl, oder eben weil diese Gesellschafterinnen Viridianas so viel Gelegenheit zu dulden gaben, waren sie ihr so lieb, dass sie den Erzbischof von Florenz, der sie von den Schlangen befreien wollte, bat, ihr diese Geduldlehrerinnen noch weiter zu lassen. Ja, als die Schlangen einst von einem Streifzug, den sie in die Umgebung der Einsiedelei unternommen hatten, mit verstümmelten Schwänzen zurückkamen, stellte sie ihnen Viridiana durch das Kreuzzeichen wieder zurück, wofür sie aber ihre Wohltäterin noch grausamer behandelten. Erst, nachdem eine von ihnen von den Leuten getötet worden war, blieb auch die andere aus, woraus die Selige erkannte, dass ihr selbst der Tod nicht mehr fern war. Kurz gesagt, war diese Braut Christi in der Tat „ein verschlossener Garten“ (Hohel. 4,12), unversehrt und unzugänglich, dessen Tugendblumen den göttlichen Bräutigam erfreuten und den ganzen Himmel entzückten. So stand diese kluge Jungfrau, nachdem sie 34 Jahre in der vermauerten Klause nach dem göttlichen Bräutigam gesucht hatte, bei seiner Ankunft mit gefüllter Lampe bereit, um ihm nach in den himmlischen Hochzeitssaal einzuziehen. Sie starb reich an Verdiensten und durch Wunder glänzend am 1. Februar des Jahres 1242. Kaum hatte ihr liebendes Herz zu schlagen aufgehört und waren die letzten Klänge dieses lieblich tönenden Glöckleins in der einsamen Klause verklungen, erschollen alle Glocken von Castelfiorentino von selbst in festlichem Feiergeläut, um ihrer reinen der Erde entschwebten Seele zur ewigen Ruhe Glück zu wünschen. Als die Bewohner über das wunderbare Geläut erstaunt nach dessen Grund forschten, gab ein unmündiges Kind darüber Aufschluss, indem es eben so wunderbar die Zunge zum Sprechen löste und sagte: „Die Heilige Gottes Viridiana ist gestorben.“ Da zog die Geistlichkeit und das gesamte Volk zur Zelle der Seligen, deren entseelten Leib sie, nachdem sie die Mauer durchbrochen hatten, nicht etwa in einem Winkel der Zelle liegend fanden, sondern in deren Mitte aufrecht kniend mit den Händen zum Himmel erhoben und einen wunderbaren Wohlgeruch verbreitend. Um der Andacht der Leute, die sogar von Florenz, Siena, Pisa und Volterra haufenweise herbeiliefen, Rechnung zu tragen, ließ man sie 16 Tage unbegraben, während welcher Zeit manche wunderbare Krankenheilungen vorkamen. Eine besondere Macht bekundete sie aber in Austreibung von bösen Geistern und in Heilung von Wunden. Papst Klemens VII. erlaubte die kirchliche Feier ihres Festes, welche auf den 13. Februar angesetzt wurde.

 

Die selige Viridiana, diese gelehrige Schülerin Jesu Christi, ist eine vortreffliche Lehrerin der vom Herrn so eindringlich empfohlenen Zurückgezogenheit oder Einsamkeit. Der göttliche Erlöser nämlich, der selbst Nächte allein im Gebet durchwachte und auch auf dem Ölberg allein zu Gott dem Vater flehte, gibt jedem von uns den Rat, die Einsamkeit aufzusuchen, wenn er spricht: „Du aber, wenn du betest, gehe in deine Kammer, und schließe die Tür zu, und bete zu deinem Vater im Verborgenen; und dein Vater, der im Verborgenen sieht, wird es dir vergelten“ (Matth. 6,6). Maria, die unbefleckte Braut des hl. Geistes, befand sich in ihrem Kämmerlein zu Nazareth allein im Gebet und erschrak, als der Erzengel eintrat und sie grüßte. Als die Apostel bei verschlossenen Türen einmütig versammelt waren, trat der auferstandene Heiland in ihre Mitte und wünschte ihnen den Frieden. Sie bereiteten sich auch in dem verschlossenen Speisesaal auf die Ankunft des hl. Geistes vor. Und so müssen alle, die den hl. Geist, die von Gott große Gnaden empfangen wollen, sich von dem Lärm der Welt in die Einsamkeit zurückziehen; denn da spricht Gott an ihr Herz.

Wie nun? Soll ich mich selbst hinter Schloss und Riegel setzen, oder gar einmauern, wie die selige Viridiana? Nun das gerade nicht. Es gibt eine doppelte Einsamkeit: die des Leibes und die der Seele. Was die Einsamkeit des Leibes anbelangt, musst du, ja sollst du nicht überall dabei sein, wo ein blauer Rauch aufsteigt, und mitmachen, wo es lustig hergeht. Die Unterhaltungen sind bei weitem nicht alle so unschuldig, für die du sie ausgibst. Wenn du irgendwo eine giftige Schlange im Gras verborgen weißt, so weichst du jener Stelle aus, um nicht einen giftigen Biss zu bekommen und dein leibliches Leben zu gefährden. Lauert nicht auf den meisten Schaubühnen, wie sie jetzt sind, die höllische Schlange, um Seelen zu vergiften? Und auf den Tanzböden, sind dort keine giftigen Schlangen? Ferner, sind in manchen Gesellschaften keine giftigen Schlangen zu fürchten? Ist in der sogenannten Unterhaltungslektüre nicht häufig Gift, das langsam tötet? Ist der Verführer, der dir schmeichelt, nicht eine äußerst gefährliche Schlange? Alle diese Schlangen sind zu fürchten und zu fliehen, weil sie der Seele den Tod bringen können, während die selige Viridiana ihre zwei Schlangen lieben konnte, weil sie ihre Seele mit Verdiensten bereicherten. Der Schlusssatz vom ganzen ist also: Halte dich von der Welt und ihrem Treiben, so viel als möglich, fern, wenn du deine Seele sicher retten willst. Das raten dir die Geisteslehrer, das lehren dich die Heiligen durch ihr Beispiel.

 

Doch man muss in der Welt leben, man muss auch notwendig mit ihr verkehren. Kann man daher dem Leib nach sich von der Welt nicht gänzlich abschließen, so tue man es der Seele nach. Richte also, lieber Christ, dein Herz so zu einer Klause her, worin deine Seele als Einsiedlerin mit Gott allein verkehren kann. Da aber der Leib gar zu gebrechlich ist, um eine feste Ringmauer um die Klause deines Herzens zu bilden, so musst du vor allem die Türen desselben gut schließen d.h. die Sinne des Leibes streng bewachen, und ihn selbst durch Abtötung und Buße befestigen. Ist dann dein Herz so befestigt und bewacht, und haltet deine Seele darin fleißig Klausur d.h. schweift sie nicht in der Welt herum, sondern wandelt sie innerlich mit Gott, so wird auch Gott in deinem Herzen wie in seinem Lustgarten mit ihr lustwandeln, und deine Seele wird so schon auf dieser Welt einen Vorgeschmack des Himmels finden und mit der Braut im Hohenlied entzückt ausrufen: „Mein Geliebter ist mein und ich bin sein“, bis endlich der göttliche Bräutigam sie, wie die Seele Viridianas, aus der Verbannung und dem Kerker erlöst und sie in den himmlischen Hochzeitssaal einführt, wobei nicht der Schall metallener Glocken, sondern die Stimmen aller Engel und Heiligen ihr Glück wünschen werden, dass der Geliebte ihr eigen sein wird durch die ganze Ewigkeit.

 

 

Der Zitronenbaum des hl. Vaters Franziskus.

 

Im Klostergarten des Conventes des hl. Franziskus am Tiberufer in Rom stand mehrere Jahrhunderte hindurch ein großer Zitronenbaum. Auf mächtigem Stamm emporstrebend teilte er sich in drei große Äste, welche dann in kleineres Gezweig ausliefen. Nach uralter Überlieferung ward derselbe fortwährend „der Baum des hl. Franziskus“ genannt, da man allgemein glaubte, der hl. Vater habe eigenhändig ihn gepflanzt. Als Papst Paul V. im Jahr 1613 im genannten Klostergarten eine große Zisterne graben ließ, stellte sich die Notwendigkeit heraus, diesen Baum zu entfernen. Man grub ihn aus und brachte ihn in den Klosterhof, nahe der Pforte neben der Kapelle des dritten Ordens. Dort wuchs und blühte er wie früher, so dass häufig Pilger aus allen Landen sich zum Kloster begaben und in frommer Verehrung die abgefallenen Blätter aufsammelten und wie hl. Reliquien mit sich nahmen, und wenn je es ihnen gelang, auch eine Frucht davon zu erhalten, so fühlten sie sich glücklich wie im Besitz eines Schatzes. Der Ordenschronist, Wadding, schreibt darüber wie folgt:

 

„Noch steht im Klosterhof der Zitronenbaum des hl. Franziskus, vom hl. Vater selber gepflanzt, und obgleich er jedes Jahr um das Fest des hl. Vaters all seines Blätterschmuckes beraubt wird, um der frommen Habgier des Volkes zu genügen, so steht er doch immer bald wieder in frischem Grün und weist fortwährend hin auf den hl. Vater durch eine merkwürdige Erscheinung an seiner Frucht: denn am Stiel, von welchem die Zitrone herabhängt, sieht man im Kreis fünf Narben, gleichsam um die fünf Wundnarben am Leib dessen in Erinnerung zu bringen, der den Baum einst gepflanzt.“

Als am 26. August 1871 durch ein Dekret von Viktor Emanuel II. (König von Italien) die Franziskaner den größten Teil dieses Klosters samt dem Garten verloren, so waren sie mit der eifrigsten Sorgfalt bemüht, diesen Baum zu retten und zu erhalten. Er ward mit der größten Emsigkeit samt allen Wurzeln ausgehoben und in das kleine Gärtlein, das ihnen noch geblieben, übertragen und mit der zartesten Aufmerksamkeit gepflegt.

Voll Besorgnis und in banger Erwartung schauten die Religiosen im Frühling des Jahres 1872 nach dem Baum, ob er wohl zu Leben und Blüte gelangen werde. Aber – drei dünne Zweige nur zeigten sich, welche gleich wieder verdorrten; weiter gab der Baum kein Lebenszeichen mehr. Alles hielt ihn für gänzlich erstorben, und so ward er samt der Wurzel ausgegraben und in einen Winkel des Gartens geworfen, um bei Gelegenheit als Brennholz zu dienen.

 

Im Sommer 1873 schnitt ein Laienbruder, Fr. Joseph a Carpineto (gestorben im Dezember 1881), von diesem verdorrten Stock eine beiläufig zwei handlange Wurzel ab und pflanzte sie in die Erde zu großem Gelächter der übrigen Laienbrüder, die das für pure Torheit hielten und behaupteten, das sei ja ganz unmöglich, dass eine vollkommen verdorrte Wurzel je zu keimen imstande sei. Fr. Joseph, dem nach dem natürlichen Augenschein auch kein anderer Gedanke kommen konnte, trug sich aber mit der sicheren Hoffnung, der hl. Franziskus werde die dürre Wurzel keimen machen und den alten Zitronenbaum wieder ins Leben bringen. Voll Zuversicht darauf vertrauend, pflegte er seinen Setzling mit aller Emsigkeit und unter fortwährendem Gebet, der liebe Gott möge seiner Sorge und Mühe Gedeihen geben. Und richtig – im August sah er an der genannten Wurzel drei grüne Knospen und bald drei kleine Schösslinge hervorwachsen. Es lässt sich nicht beschreiben, mit welcher Freude dies alle Religiosen erfüllte, die sofort herbei eilten, das neu erwachte Leben an dieser ihnen so teuren Reliquie des hl. Vaters zu bewundern, während natürlich Fr. Joseph mit erneutem Mut zur Fortsetzung seines begonnenen Werkes erfüllt ward.

Aber am 5. November 1873 wurden die Franziskaner vollends aus diesem Kloster vertrieben und ward von der italienischen Regierung auch dies Gärtlein in Beschlag genommen. Da hatten die Brüder nichts Eiligeres zu tun, als diese Wunderpflanze den räuberischen Händen zu entreißen. Sie setzten dieselbe in ein Geschirr und übergaben sie einem braven, geschickten Gärtner, Franz Morini, zu weiterer Pflege. Jedoch, obgleich er zur Erhaltung der Wunderpflanze alle Sorgfalt verwendete, so zeigte sich doch zwei Jahre lang kein Wachstum an derselben; vielmehr begann sie fahl und dürr zu werden, so dass die Brüder voll Trauer schon alle weitere Hoffnung aufgeben wollten. Grund davon war, wie es sich später herausstellte, dass das Geschirr nicht die gehörige Form hatte. Die Furcht, die Pflanze zu verlieren, steigerte sich noch durch den Umstand, dass Fr. Joseph und der Gärtner Morini über seine weitere Pflege verschiedener Ansicht waren: der Erstere behauptete, man solle sie im bisherigen Geschirr lassen, sonst werde sie sicher zugrunde gehen; Morini aber war der Überzeugung, es sei notwendig, sie aus dem Geschirr zu entfernen, damit man sehen könne, was daran fehle. Endlich pflichtete man dem Vorschlag des erfahrenen Gärtners bei. Dieser nahm die Pflanze heraus, schnitt einen Teil davon, welcher bereits in Fäulnis übergegangen war, ab, setzte den noch frischen Teil mit neuer Erde bedeckt wieder an die Sonne und begann im Verein mit Fr. Joseph wieder dessen eifrige Pflege, die endlich zum gewünschten Ziel führte. Denn die kleine Pflanze zog bald wieder zu neuem Leben und drei starke, kräftige Zweige wuchsen heran; in den Jahren 1877 und 1878 erschien das kleine Bäumchen schon in vollem Blätterschmuck, und endlich 1879 fand sich dasselbe mit vielen wohlriechenden Blüten bedeckt und zeitigte siebzehn Früchte von vortrefflichem Geschmack.

 

Nach dieser wahrheitsgetreuen Darstellung wird uns niemand Übertreibung zum Vorwurf machen, wenn wir sagen, der hl. Vater Franziskus selber habe durch seine Fürbitte seinen alten Zitronenbaum wieder zum Leben gebracht und in dem dreifachen Zweig desselben gleichsam seine drei Orden sinnbildlich dargestellt und seinen Söhnen die süße Hoffnung ins Herz gelegt, es werde dieser dreifache Orden zu Nutz und Frommen der hl. Kirche und der bürgerlichen Gesellschaft aus der jetzigen fast allgemeinen Unterdrückung mit Gottes Gnade zu neuem und frischen Leben wieder erstehen. O möge dies bald geschehen! Amen.