Pontius Pilatus

 

(Übersetzung aus dem Spanischen von P. Matthias Grammer C.Ss.R. – Aus „Hormiga de oro“ 1912)

 

I. Seine Frau, eine Spanierin, eine vornehme, stattliche Dame, hatte ihm die Botschaft von den sie beängstigenden Träumen geschickt: „Gib ihn frei, den Galiläer, gib ihn frei, denn er ist unschuldig.“ – „Ja, aber das Volk!? Aus allen Kräften begehren die Juden den Tod des Galiläers“, entgegnete Pilatus. „Wahr ist es, dass das Volk vom hohen Rat angereizt wird. Wenn ich mich nur von diesen Schlemmern und aufrührerischen Köpfen des Synedriums frei machen könnte!“ – Die Händewaschung in einer seiner Porzellanschüssel in mit wohlriechenden Essenzen durchsetztem Wasser schien ihm ein kluger Ausweg aus seiner richterlichen Verlegenheit. Das Volk nimmt alle Verantwortung auf sich. Wie einfach war doch das Mittel! Die Hände verbreiteten angenehmen Geruch, aber sein Gewissen wollte doch nicht recht ruhig werden. „Verurteilt hast du, Pilatus“, rief eine innere Stimme.

 

II. Der Thronsaal des Augustus, des Cäsars, wie der römische Kaiser, der Herr der Welt, genannt wurde, war voll besetzt. Kaiser Tiberius in seiner ersten Regierungszeit ein Freund und Gönner der Künste und Wissenschaften, saß auf dem Kaiserthron. Wo ein Gelehrter, ein hochbegabter Mensch auftauchte – sie wurden nach Rom gerufen in des Kaisers Umgebung. Des Öfteren vernahm nun Kaiser Tiberius auch den Namen des berühmten Propheten und Rabbi von Judäa, Jesus von Galiläa. Natürlich gehörte auch er nach des Kaisers Anschauung in seine Gelehrtengesellschaft. Tiberius hatte viel von den Großtaten und weisen Lehren Jesu vernommen. Er war neugierig, ihn zu sehen, wie einst Herodes. Tiberius befahl also, Jesus von Galiläa soll an seinen Hof nach Rom kommen.

 

„Das ist unmöglich“, hüstelte, sklavisch geknickt, ein Hofschranze.

 

Der Kaiser in seinem Cäsaren-Größenwahn faltete die Stirn. „Was unmöglich, wer erdreistet sich, kaiserlichen Befehlen zu trotzen? Man schreibe augenblicklich an den Statthalter von Syrien, dass er alsbald Jesus von Galiläa hierher schicke.“

 

„Mein Herr und Gebieter“, winselte der Sklave-Kammerdiener, „Jesus von Galiläa ist tot, ist hingerichtet worden, ist verurteilt worden von einem deiner Günstlinge, von einem hohen Beamten, dem Landpfleger Pontius Pilatus.“

 

Tief bewegt antwortete in einer Aufwallung edler Entrüstung der Kaiser Tiberius: „Aber ich hörte doch immer, dass Jesus von Galiläa nur Gutes tat, sein Wandel fleckenlos war. Das muss ein Justizmord gewesen sein. Wie konnte Pilatus ein solches Urteil fällen! Wo ist Pilatus?“

 

„Herr und Kaiser, er ist noch dein Knecht in Asien, in Judäa. Entweder in Jerusalem oder in Cäsarea hat er seinen Amtssitz.“

 

Tiberius: „Schreibe, Pontius Pilatus habe sofort vor mir, dem Kaiser in Rom, zu erscheinen. Schreibe dies dem syrischen Statthalter, er möge sich sputen, den Pilatus hierher zusenden. Für den Pilatus werde ich bald wieder einen Ersatz finden. Der tüchtigste Beamte scheint Pilatus ohnehin nicht gewesen zu sein. Schicke die Eilpost nach Asien.“

 

Das war viel auf einmal verlangt. Indes war man das bei der heidnischen Kaiser-Allmacht schon gewohnt. Bald furchten die kaiserlichen Schiffe das mittelländische Meer. Schnell war der Hafen von Joppe erreicht und alsbald führte man Pontius Pilatus fort von Jerusalem. Ebenso schnell war die Rückkehr nach Italien. Des Cäsaren Gebote machten nicht bloß schnelle Füße, sondern auch geschwellte Segel. Bald stand Pilatus vor Tiberius. Wie vom Blitz geblendet mochte Pilatus dagestanden haben. Im kalten Angstschweiß gebadet, musste er in einem fort daran denken, wie schnell sich das Blatt gewendet hat. Erst vor wenigen Jahren war er, Pilatus, in einer wichtigen Gerichtsverhandlung Richter, und ein Angeklagter, vor dem ihm selbst bange wurde, stand vor ihm. Wird heute Tiberius auch zu Pilatus sprechen: „Ich finde keine Schuld an ihm?“ Pilatus schüttelte es. Längst war ihm die damalige Händewaschung als Komödie erschienen. Wird Tiberius den Pilatus dem Tod überliefern, wie er es bei Christus getan hat? Er sollte bald sein Los erfahren.

 

Der Kaiser: „Was für ein Verbrechen beging Jesus von Galiläa?“

 

Pilatus: „Keines, Herr.“

 

Tiberius: „Und doch hast du ihn hinrichten lassen, wie?“

 

Pilatus: „Ja wohl, es war die Volksstimmung, die mich dazu drängte.“

 

Kaiser Tiberius: „Was höre ich! das Volk darf sich unter einem meiner Beamten gegen die Justiz, gegen Rechtsspruch und Gerechtigkeit auflehnen! Dieses Volk verdient, dass es über das Messer springt.“

 

„Aber, gestatte, Herr, dies Volk drohte mit der Empörung.“

 

Der Kaiser darauf: „Eher soll das Reich untergehen, als das Recht und Gerechtigkeit mit Füßen getreten werde. Pilatus, du warst ein Verräter an der Gerechtigkeit, darum auch ein Verräter am Vaterland. Du verdienst die ewige Verachtung aller Völker, aller Zeiten, aller Länder. Du sollst an deiner Schmach und Schande in der Verbannung zugrunde gehen!“

 

III. Pontius Pilatus wurde in seine Heimat Gallien, nach Lugdenum (dem heutigen Lyon), verbannt. Auch dort wartete seiner gemäß der kaiserlichen Kundmachung Verachtung und Abscheu. Dort in Lyon fand er kein Porzellanwaschbecken mehr. Die Leute, die von seiner nichtswürdigen Händewaschung in Jerusalem erfahren hatten, sie gewährten ihm nicht einmal einen Becher zum Wassertrinken. Das hielt Pilatus nicht aus. Er floh aus Lyon, er eilte in die Wälder, in das Gebirge, er flüchtete über Stock und Stein, Dornen und Gestrüppe. Aber auch die Einsamkeit bot ihm keine Ruhe. Er sah überall seinen Schatten, er entsetzte sich über seinen Schatten. „Verräter an der Gerechtigkeit, Feind des Kaisers, Mörder des Gerechten, Händewascher“ – so tönte es grausig in seinen Ohren. Pilatus flüchtete vor sich selbst auf die unnahbarsten Bergspitzen, wohin kein Jäger und kein Wildschütze kam. Eines Tages war er auf hoher Bergzinne, um ihn Nebel, Ruhe, Einsamkeit. Hier glaubte er einige Ruhe genießen zu können. Vergebens. Die Nebel zauberten die Gestalt seines Justizmordes, seiner Feigheit und Ungerechtigkeit hervor. „Verräter der Gerechtigkeit“, hörte er vom Felsen her brüllen. „Verräter der Gerechtigkeit“, gab das Echo des gegenüberliegenden Felsens zurück. Das konnte Pontius Pilatus nicht mehr aushalten. Unter ihm gähnte ein schauerlicher Abgrund, vergleichbar der Unterwelt in der Götterlehre. Pilatus nimmt einen rasenden Anlauf, er stürzt in die Tiefe. Infolge öfteren Anschlagens an die schroffen Felskanten ist sein Kopf und sein Antlitz bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Hirten und Jäger fanden nach einiger Zeit die zerfetzte Leiche. Die Toga, durch viele Risse verunstaltet, ließ doch noch den vornehmen Römer erkennen, dem sie gehörte. Der kostbare Fingerring verriet den Namen des Toten: „Pontius Pilatus“ war in das Gold eingraviert. Der Ring war ein Geschenk des Herodes. Pilatus bekam ihn von seinem früheren Feind, nachdem beide am Todestag Jesu Freunde geworden waren.