Der Christ in der Politik

 

Papst Pius XII. hat klar ausgesprochen, dass ein echter Christ die Politik nicht unbeachtet lassen darf, „wenn immer lebenswichtige Interessen auf dem Spiel stehen, wo Gesetze beraten werden, welche die Gottesverehrung, die Ehe, die Familie, die Schule, die soziale Ordnung betreffen, wo immer durch die Erziehung der Geist einer Nation geschmiedet wird.“

 

Die wirkliche Aufgabe des Christen ist nicht, über die Welt zu urteilen, sondern sie zu retten. In dem großen Kampf zwischen Gut und Böse ist keine Front wichtiger als die politische. Das bedeutet nicht, dass jeder einen politischen Posten haben oder auch nur aktiv in einer Parteiorganisation tätig sein solle. Aber jede menschliche Gesellschaft ist politisch aktiv, und jedes erwachsene Mitglied einer solchen Gesellschaft hat die Pflicht, sich für die Politik zu interessieren. Wer erklärt: „Politik ist ein schmutziges Geschäft, mit dem ich nichts zu tun haben will“, weicht nicht nur seiner Bürgerpflicht, sondern auch seiner Christenpflicht aus.

 

Was kennzeichnet den wahren Christen in der Politik? Es ist nicht notwendigerweise der, den man am häufigsten an öffentlichen religiösen Veranstaltungen teilnehmen oder sich mit christlichen Führern unterhalten sieht; auch nicht der, der am lautesten behauptet, dass seine Ansicht die christliche sei, und ebensowenig der, der aus jeder Sache einen „Kreuzzug“ macht.

 

Der wahre Christ in der Politik ist der, dessen Entscheidungen oder dessen Unterstützung von Entscheidungen die Sache der Gerechtigkeit fördern. Wenn ein politisches Problem auf die einfache Frage gebracht werden kann, den Hungrigen zu speisen oder nicht, den Schutzlosen aufzunehmen oder nicht, dann kann es keinen Zweifel über die Stellung des Christen geben. Er wird mit Problemen wie Überbevölkerung, Heimatvertriebene und politische Flüchtlinge – soweit er irgend kann – so verfahren, wie Christus mit ihnen verfahren wäre.

 

Der Christ in der Politik muss ständig auf der Hut sein, die Rechte des Einzelnen und die der religiösen Einrichtungen vor Verletzung durch den Staat zu schützen. Er sollte auch der erste sein, der eine totalitäre Bedrohung erkennt und sich ihr widersetzt, woher immer sie kommen mag, von innerhalb oder außerhalb seines eigenen Staates.

 

Er sollte den Namen Christi vor Missbrauch und Profanierung schützen und selbst jede unberechtigte Berufung auf die Religion vermeiden. Er hat die besondere Pflicht, die Dinge Gottes von denen des Kaisers zu trennen.

 

Er sollte stets die Wahrheit sagen und Verleumdung und Ehrabschneidung, die ihm widerfährt, nur mit Wahrheit und Ehrlichkeit bekämpfen, selbst auf das Risiko einer Niederlage um der Wahrheit willen hin.

 

Er sollte eher optimistisch als pessimistisch sein, da die Hoffnung eine christliche Tugend ist. Sein Optimismus aber braucht nicht blind oder töricht zu sein; denn der wahre Christ weiß, dass Irren menschlich ist. Seine Haltung sollte vielmehr das hoffnungsvolle Vertrauen eines Mannes sein, der weiß, dass er sich auf Gott verlassen kann.

 

Der Christ in der Politik sollte auch Respekt vor der Meinung und den Motiven der anderen haben. Er kann dies, ohne dass er seine eigene Überzeugung aufgibt oder zugibt, dass diejenigen, die anderer Meinung sind, recht haben.

 

Und schließlich – und das ist das Wichtigste von allem – sollte er demütig sein, und in seinem Tun sollte sich widerspiegeln, dass er sich des großen Geheimnisses der Erlösung und der Würde aller Menschen bewusst ist.

 

Eugene J. McCARTHY

Aus „Commonweal“, New York, 1955