Pflichten des Christen

 

Die erste und höchste Sorge vieler heiliger Frauen und Männer war die, die Pflichten als Christ gewissenhaft zu erfüllen und andere Christen zur treuen Pflichterfüllung anzuhalten. Jeder Mensch hat in dem Stand, in den ihn Gott gesetzt hat, gewisse Pflichten zu erfüllen. Denke recht oft nach über die Pflichten, die du als Christ zu beobachten hast.

 

1. Ich bin ein Christ. Welch unaussprechliche Gnade ist mir vor vielen anderen zuteil geworden, dass ich von christlichen Eltern geboren, im Glauben unterrichtet bin, während so viele noch in der Finsternis und im Schatten des Todes wandeln. Die Güte Gottes hat mich vor der Finsternis und dem ewigen Verderben bewahrt und mir den Weg zum Himmel gezeigt. Die Mutter Kirche hat mich in ihren Armen empfangen, im heiligen Taufbad mit himmlischen Gnaden erfüllt, durch mein ganzes Leben hat sie mich an ihrer Hand geleitet, sie will mich auch im Tod nicht verlassen und gewährt mir über das Grab hinaus Teilnahme an ihren Opfern und Gebeten. Welche Gunst! Die reiche Quelle aller Gnaden wäre für mich verschlossen, wenn ich kein Christ wäre. O Gott, wie wenig habe ich diese Gnade gewürdigt und benutzt. Wären die Ungläubigen und die Heiden im Schoß des Christentums aufgewachsen, sie wären längst große Heilige geworden. Wo aber ist mein Dank für meine Begnadigung? Wo sind die Tugenden, die Gott von mir erwartet? In Reue und Zerknirschung erkenne ich meinen Undank und beschließe, fortan meinem Christennamen Ehre zu machen.

 

2. Ich bin ein Christ. Übe ich auch die guten Werke eines Christen? Ein Christ soll das lebendige Abbild Christi sein. Habe ich Ähnlichkeit mit ihm? Ein Christ soll der Welt und ihrer Lust gekreuzigt sein, ich aber folge den falschen Grundsätzen und bösen Beispielen der Welt. Ein Christ soll Stolz und Eitelkeit aus dem Weg gehen, ich aber suche Ruhm und Achtung vor meinen Mitmenschen. Ein Christ soll die Leidenschaften bekämpfen und sich täglich Gott zum Opfer bringen, ich aber lebe nur meiner Bequemlichkeit und Lust. Ein Christ soll sanftmütig, geduldig, liebreich sein, und ich bin so oft zum Zorn, zum Neid, zu Eifersucht geneigt. Welch ein Trugbild von einem Christen war ich! Der Christ soll in der Welt leben, als lebte er nicht darin, er soll besitzen, als besäße er nicht, seine Gedanken sollen gen Himmel gerichtet sein. Gleicht mein Leben diesem Bild? Wohnen solche Gesinnungen in meinem Herzen? Ach Gott, ich habe den Namen eines Christen und entehre ihn so oft. Werde ich nicht von Gott verworfen werden?

 

3. Ich bin ein Christ, und als solcher werde ich einst gerichtet werden. Wie furchtbar wird der Richterspruch sein, wenn ich Rechenschaft geben muss von so vielem Zeitverlust, von so vielen missbrauchten Gnaden, von so vielen verletzten Pflichten, von so vielen Anregungen zum Guten, die ich nicht beachtete. Der furchtbare Richter wird mir zurufen: „Was hätte ich noch tun sollen, das ich nicht getan?“ Unwürdiger Christ, gib Rechenschaft über die Wohltaten, die meine Barmherzigkeit dir zufließen ließ. Ich habe dir das Licht des wahren Glaubens angezündet, habe dich mit meinem Blut erkauft, mit Wohltaten überschüttet und zur ewigen Glückseligkeit berufen. Was konnte ich mit Recht von dir erwarten? Unglückseliger! Ich wollte dein Erlöser sein und du zwingst mich, dein Rächer zu werden. In den Feuerpfuhl hinabgeworfen, wirst du ewig Seufzer ausstoßen und blutige Tränen weinen über die missbrauchten Gnaden. Du wirst um Hilfe rufen, aber niemand wird dich erhören. Weder die Barmherzigkeit, die dir geboten wurde, noch der Himmel, der dir offen stand, noch die Hölle, die dich bedrohte, haben dich auf die rechte Bahn zurückgeleitet. Besser wäre es für dich gewesen, du wärest nie geboren. Ein Christ in der Hölle. Welches Unheil!

 

O Gott der Güte, bewahre mich vor solchem Unglück. Ich will fortan, wie die Heiligen, meinem Christennamen alle Ehre bereiten, will meinen Glauben freudig bekennen und christliche Werke üben, damit ich dem allgerechten Richter ohne Furcht und Schrecken entgegensehen kann. Als wahrer katholischer Christ will ich leben und sterben. Barmherziger Gott, habe Mitleid mit meinen bisherigen Verirrungen und stärke meine guten Vorsätze. Amen.