Petrus, der Fels

 

Eine Säule des Glaubens und göttlicher Kraft steht der erste Papstkönig – Petrus – vor den Augen aller Zeiten. Wohl erhob sich sein Thron noch in den Katakomben, aber von ihm aus strahlte das Licht des Glaubens sieghaft durch das stolze, heidnische Rom und die Christen weiter Reiche lauschten in Ehrfurcht den Worten des schlichten Bischofs von Rom, der da sprach und handelte wie einer, „der Macht hat“. Eine unerhörte Aufgabe hatte er zu lösen: das Christentum trotz tausend Gefahren und Hindernisse einzuführen in das Römische Reich. Und dass es ihm gelang, verkündet seit Jahrhunderten der mächtige Dom, der sich über Petri Grab wölbt, der Dom der heiligen Kirche Gottes, an der die wildesten Stürme und Wogen von Unglauben und Gotteshass machtlos zerschellten.

 

Wie eine Säule, sagten wir, steht Petrus vor uns – und doch – diese Säule ist in einer grausen Nacht gebrochen. Petrus heißt Fels – und dieser Fels hat in unseliger Stunde gewankt. „Ich kenne diesen Menschen nicht“, und er schwur zu Gott: „Ich kenne ihn nicht!“

 

In der Heiligen Schrift lesen wir weiter: „Da wurde Jesus aus dem Gerichtshaus geführt, wandte sich um und sah Petrus an. Und Petrus ging hinaus und weinte bitterlich.“

 

Wohl hat der Heiland seinen guten, aber schwachen Apostel „Fels“ genannt, bisher war es ein leeres Wort. Aber in den unheilvollen Stunden dieser Nacht wurde der Felsgrund gelegt, der nimmer wanken sollte, und die Säule gestärkt, die nimmer brechen würde. – Der Heiland hatte den Verräter angeblickt. Welch ein Blick! Liebe, Vorwurf, schmerzlichste Trauer! Alle haben ihn verlassen, den göttlichen Meister, und er, den er am höchsten auszeichnete, hat ihn dreimal verleugnet. Es war ein Blick göttlicher Liebe, aber auch unendlichen Erbarmens. Wie Feuerfunken fiel er in die sündige Jüngerseele. Und plötzlich stand das Verbrechen nachtschwarz vor ihr. Durch diese gräuliche Nacht leuchtete aber auch schon verzeihend und begnadigend das Heilandsauge. Und da glühte ein Feuer auf in der Seele des treulosen Jüngers, ein Feuer, das nimmer erlöschen sollte -, bittere Liebesreue. Und Petrus ging hinaus und weinte bitterlich. Wo mag der Apostel herumgeirrt sein? Nicht achtend auf Wege und Menschen. Es heißt, er sei in einer Straße einer Schar Frauen begegnet – Maria und Jüngerinnen des Herrn -, die, von Johannes benachrichtigt, zum Gerichtshof eilten. In wortlosem Schmerz soll Petrus vor der Schmerzensmutter auf die Knie gefallen sein, und Maria, seine Schuld ahnend oder kennend, ihn leise und mild getröstet und Mutterworte in seine wunde Seele geflüstert haben – Maria, die Zuflucht der Sünder! Und weiter eilte Petrus. Wohin? Vielleicht in die schweigende Ruhe des Gartens Getsemani, und dort mag er mit sich gerungen haben – stundenlang. Ob nicht sein ganzes Leben an ihm vorüberzog und er es nun sah in anderem Licht, fast wie vor Gottes Gericht? Er sah den See Genezareth schimmern und sich als Junge und junger Mann Netze werfen. Und dann kam sein Bruder, ein Jünger des Täufers Johannes, ihn holen, weil der Messias komme. Er sah den Heiland und hörte seine Begrüßungsworte: „Du sollst Petrus, das ist Fels, heißen.“ Das Bild des Heilands unauslöschlich in seiner Seele, kehrte er zu seinem Handwerk zurück, bis – der Heiland selbst kam und Petrus nach dem wunderbaren Fischfang ausrief: „Herr, gehe hinweg von mir, ich bin ein sündhafter Mensch!“ Und doch nicht mehr wegkonnte, sondern alles verließ und dem Heiland folgte auf immer. Nun kamen drei Jahre seliger Jüngerschaft. Er lernte den Herrn kennen und ihn über alle Maßen lieben, er sah seine Heiligkeit, seine Wunder, er hörte die göttliche Lehre und wunderbare Gottesworte, die ihm galten, ihm allein. Mit Johannes war er immer an der Seite des Heilands, besonders bevorzugt und geliebt. Wie von selbst erkannten alle Jünger ihn gleichsam als ihren Führer an und in ihrem Namen sprach er so stolz und frei, als viele den Herrn ob seiner eucharistischen Verheißungen verließen: „Herr, zu wem sollen wir gehen, du allein hast Worte des ewigen Lebens!“ Und ein andermal: „Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes.“ Mit seinem Heiland durfte er, nach seiner Einsetzung zum Oberhaupt der Kirche, in die Glorie des Tabors eingehen und für kurze Stunden ging sein Glaube in Schauen über. Dann wieder zog er vor dem Heiland her, das Volk auf sein Kommen, auf seine Gnaden vorbereitend. O, wie er den Heiland liebte, wie er für ihn kämpfen, arbeiten, ja selbst leiden wollte! Wie bei solchen Gedanken sich seine Glieder strafften und das Blut stolz und selbstbewusst durch die Adern schoss! Und da lag der Stein des Anstoßes, die Ursache des schmählichen Falles! So groß war die irdische Freundschaft und Liebe zum Herrn, dass sie, der eigenen Kraft bewusst, gar nicht auf Gnadenhilfe dachte. In dem Punkt musste Petrus geläutert werden, musste Nichts werden, um zu schwindelnder Höhe steigen zu können. War er nicht erst gestern so stolz und sicher vor den Herrn getreten: „Wenn sich alle an dir ärgern, so werde ich es nicht tun. Ich bin bereit, mit dir in den Kerker und den Tod zu gehen!“ – Der Geist ist zwar willig, aber das Fleisch ist schwach.

 

Die Bäume des Gartens Getsemani flüstern leise. Todmüde Jünger schlafen unter ihnen und der Heiland ringt in Todesangst. Und welch trauriger Vorwurf in seinen Worten: „Simon, du schläfst? Könnt ihr nicht eine Stunde mit mir wachen?!“ Aber Simon Petrus schläft weiter. Der Anfang vom Fall! Der Heiland ist allein, verlassen in der bitteren Ölbergstunde. Dann aber kam all das Schreckliche. Petrus fuhr auf. „Die Stunde ist da, der Verräter naht!“ Wie in einem Wirbel von Blut und Schatten zuckten Lichter auf, Häscher drängten sich an den Heiland heran und nahmen ihn gefangen. Wo blieb sein Heldenmut? Oder hat er nicht das Schwert gezogen? Ist er nicht dem Herrn gefolgt? Ja – aber fern, zaghaft. – Und dann flammt ein Wachtfeuer auf, spielende Knechte herum -, eine Magd. „Der war auch bei Jesus!“ Da kam die Furcht, alle Erkenntnis ist wie geblendet von lähmender Scham: „Nein, ich kenne ihn nicht!“ Ein Hahn kräht und des Heilands Wort wird lebendig: „Ehe der Hahn zweimal kräht, wirst du mich dreimal verläugnen.“ – „Du bist auch einer von ihnen!“ – „Ich bin es nicht! Ich kenne den Menschen nicht!“ Und abermals schwur er: „Ich kenne ihn nicht!“ Der Hahn krähte zum zweiten Mal. Und dann ruhten zwei Augen auf ihm – und diese Augen strahlten einen Himmel von Liebe und Erbarmen.

 

So gingen in bitteren Gedanken und Tränen brennender Reue Stunden um Stunden dahin. Was Petrus da gelitten und wie er im tiefsten Innern erneuert und von der Gnade gestählt wurde, können wir nur ahnen. Das Irdische wurde von ihm abgestreift und ein neuer Mensch in Gottes Gnade und Kraft geboren. Ein Mensch, der nie wieder fallen würde. Groß und schwer waren die Verfolgungen, Gefahren und Aufgaben, die auf ihn, den Papstkönig, warteten. Petrus wird alles tragen können. Linder als das Feuer der Liebesreue in seiner Seele werden Rutenstreiche und Verfolgungen ihm dünken und den Tod wird er willkommen heißen, den Martertod, in dem er seines Lebens große Schuld wird sühnen dürfen. Es ist eine schwindelnde Höhe, die er bald wird einnehmen müssen, aber er wird vor Schwindel sicher sein. Seine Wangen werden lebenslang Reuetränen netzen, seine Hand wird immer die Brust finden mit den Worten: „Herr, sei mir armem Sünder gnädig!“ Solcher Demut kann kein Versucher zur Hoffart nahen. Und Petrus wird das echte Hirtenherz besitzen, das keinem Sünder, keinem armen, elenden Menschen verschlossen bleibt. Er wird Schmerzen lindern können, weil er selbst leidet, er wird von flammendem Eifer erfüllt sein, seinem Heiland Seelen zu gewinnen, die ihm treuer sein werden als er. Und das ist die schönste Genugtuung.

 

Zweimal berichtet uns die Heilige Schrift, dass der Heiland nach seiner Auferstehung ganz besonders mit Petrus sprach. Das erste Mal heißt es nur: „Er erschien dem Petrus.“ Ganz allein, niemand kennt die Seligkeit dieses Wiedersehens. In Liebe und Reue aufgelöst, wird Petrus die Füße des strahlenden Erlösers umschlungen und von ihm Worte der Liebe und Verzeihung empfangen haben. Neiden wir nicht Petrus diese Beicht und Osterkommunion?!

 

Und Wochen später. Im Frühlicht schimmerte der See Genezareth und der Herr erschien den Aposteln an dessen blütenreichem Ufer. Der Heiland sprach: „Simon, Sohn des Jonas, liebst du mich mehr als diese?“ Und dreimal fragte er Petrus, ob er ihn liebe. Jedes Mal erwiderte Petrus: „Herr, du weißt, dass ich dich liebe“, und zum dritten Mal wurde er traurig, da er meinte, der Heiland glaube seinen Worten nicht. Die Fragen aber sollten den demütigen, reuevollen Apostel nur zum seligen Bewusstsein seiner Gottesliebe bringen. „Mehr als diese!“ Der Tiefgefallene liebte mehr in schmerzlicher Reue als die getreuen Jünger. Welch wunderbare Wirkung der Liebesreue! Und jetzt war der Felsgrund so tiefgegründet und das Priesterherz von so überirdischer Liebe und Hingabe erfüllt, dass der Heiland seinem Stellvertreter auf Erden sein Teuerstes anvertrauen konnte: die Menschenseelen mit den Worten: „Weide meine Lämmer, weide meine Schafe!“