Pius XII. - Der Friedenspapst

 

aus „Fides“, Rom, Via della pigna 13a, Januar 1949

zum Papstkrönungstag (12.3.) und –geburtstag (2.3.)

 

Die 50 Jahre, die Papst Pius XII. nunmehr als Priester gewirkt hat, haben seine Kräfte nicht aufzehren können. Vor 50 Jahren ist er die hohe Verpflichtung eingegangen, Mittler zu sein zwischen Christus und den Menschen, sich um Seinetwillen für sie aufzuopfern. In all diesen Jahren hat er seine Verpflichtung eingehalten, ganz gleich, auf welchen Posten er jeweils gerade gestellt wurde.

 

Dabei hatte er Kämpfe mit Gegnern jeder Art zu bestehen, auch mit sich selbst. Einfach und offen von Natur aus, wie jeder weiß, der ihn kennt, musste er sich in entscheidenden, gefahrvollen Stunden schwierigen diplomatischen Aufgaben unterziehen. Der geborene „Pastor angelicus“ musste den Teufeln des Rassenwahns und des Materialismus Widerpart leisten, die auf den apokalyptischen Pferden des Hasses und des Krieges einherjagten. Geboren und bestimmt für Gebet und Sammlung, ernstes Studium und Geistesbildung, musste er sich selbst zu einem Tatmenschen erziehen, der die höchste Verantwortung auf seinen Schultern trägt.

 

Er hat seine persönliche Veranlagung mit den Pflichten des Hirten zu vereinen gewusst: er hat alle Kräfte und Tugenden in den Dienst des Lehrens und Regierens und des Kampfes für das Gute gestellt. Diese Vereinigung einander scheinbar widerstrebender Eigenschaften und Fähigkeiten verdanken wir es, das Pius XII. in einer Zeit des schrecklichsten Kampfes seiner hohen Aufgabe unbeirrbar treu geblieben ist, den Frieden verkörpernd und das Band der Einigkeit allen Menschen erhaltend, gegen alle widerrechtlichen Machtansprüche der Diktaturen und Waffengewalt die Vorherrschaft des Rechtes betonend und bewahrend, den fortwirkenden Einfluss des Guten und der Nächstenliebe gegen die Ruinen und das Blutvergießen sichernd, wiederaufbauend, wo andere zerstörten, in einem Wort, über dem Wahnsinn der Menschen die Vaterliebe des Erlösers verkörpernd. Über den Gebärden des Hasses, den Symbolen des Todes, den Fäusten und Köpfen, den Schlagwörtern und Schreien haben die Völker von diesseits und jenseits der Weltmeere im Vatikan jederzeit die weit ausgebreiteten Arme und die segnende Hand des treu sorgenden und zärtlich über sie wachenden Vaters erblickt. Und sie fühlten in dieser unendlichen Liebe die Katholizität, nach der sie mehr und mehr verlangten.

 

Man kann sagen, dass Papst Pius XII. sozusagen all die Päpste, die seit einem Jahrhundert zusehends das Ansehen der ganzen Welt gewannen, beerbt hat, indem er ihre hervorragendsten Eigenschaften in sich vereinigte: die Geduld Pius` IX., die Fürsorge Leos` XIII., die Güte Pius` X., die diplomatische Kunst Benedikts XV., die Vielseitigkeit Pius` XI. Indem er alle diese Eigenschaften in einer unverkennbaren Synthese in seiner Person vereinigt, hat er sich eine geschmeidige Waffe für den Kampf geschmiedet, den er zu führen hat, vor allem für den Krieg gegen den Krieg. Gerade hierin sind seine unablässigen Bemühungen einzig dastehend und bilden ein hervorragendes Beispiel für die Welt.

 

Diesen einzigartigen Eigenschaften und seinem erfolgreichen Wirken als Priester, Diplomat und Wissenschaftler war es zu verdanken, dass die Welt nicht überrascht war, ihn am 2. März 1939 nach noch nicht einmal eintägiger Konklavedauer zum Nachfolger Petri erwählt zu sehen. Alles, was man von ihm und seiner Arbeit wusste, ließ ihn wahrhaft als den für dieses Amt Auserwählten erscheinen. Man jubelte ihm zu und setzte alle Hoffnungen auf ihn, nicht nur Katholiken, auch außerhalb der Kirche Stehende, Protestanten, Mohammedaner, Israeliten und Heiden, sie alle kannten seine Universalität. Und seit seiner ersten Botschaft an jenem 3. März grüßte er immer auch „alle jene, die außerhalb der Kirche stehen und die es freuen wird zu wissen, dass der Papst Gebete und Segenswünsche für sie zu Gott dem Allmächtigen emporsendet“. So empfanden auch die Nichtkatholiken von Anfang an dankbar das aufmerksame Interesse, das ihnen von diesem Mann entgegengebracht wird.

 

Die Entfaltung dieser Persönlichkeit in den vergangenen 50 Jahren folgte einer einzigen geraden Linie. Schon in dem jungen Seminaristen Pacelli vermeint man den kommenden Papst zu spüren, der sich dem Gebet hingibt, glänzende Reden hält, den Ruhm der Kirche zu vermehren trachtet und den Frieden der Welt in Ordnung und Gerechtigkeit zu verankern und zu stärken sucht. Beim Überschreiten des Platzes vor der Kirche S. Maria della Pace (Maria vom Frieden) las er schon als Knabe die Inschrift „Opus justitiae pax“ (Gerechtigkeit schafft Frieden). Die wurde ihm zum Wahlspruch fürs Leben.

 

Am 24. August 1939, als ringsum schon der Krieg alles zu beherrschen anfing, erinnerte er daran, dass Gott dem Papsttum die geistige Autorität gegeben hat, „die Seelen auf den Weg der Gerechtigkeit und des Friedens zu führen“. Und er fügte hinzu: „Mit der Kraft der Vernunft, nicht mit Waffengewalt, bricht sich die Gerechtigkeit ihre Bahn . . .“ „Die von jeder Moral losgelöste Politik wird gerade diejenigen vernichten, die dies gewollt haben . . .“ Und mit höchster Klarheit schloss er: „Durch den Frieden wird nichts verlorengehen, alles aber durch den Krieg.“ Dies sind lapidare Sätze, die das priesterliche und das politische Bewusstsein des Papstes schlagartig beleuchten und zugleich den wahren Willen der Menschen zum Ausdruck bringen.

 

Er wollte gehört und verstanden sein als der Vater, der einer friedlosen Welt den Frieden und einer gefühllosen Gesellschaft die Seele wiedergeben wollte „um der höchsten Güter der großen menschlichen Familie willen“.

 

Damals schrieb die anglikanische Zeitung „Church Times“, dass dem neuen Papst die erdrückende und unabwälzbare Verantwortung zugefallen sei, die menschliche Gesellschaft in einer neuen Ordnung zu formen.

 

Diese neue Ordnung ist die christliche, die es wieder aufzubauen gilt aus dem Zusammenbruch der rationalistischen und materialistischen Systeme, deren zerstörende Wirkung der Papst in ihrer inneren Erniedrigung und in ihren blutigen Kriegen erlebt hat. Und der Papst verfolgte dieses Ziel des Neuaufbaus einer christlichen Ordnung von Anfang an, als er seine ganze Erfahrung und Weisheit in jener programmatischen Enzyklika „Summi Pontificatus“ zusammenfasste, der er all die Zeit her Tag für Tag treu geblieben ist: Wiedererweckung der christlichen Persönlichkeit, Festigung der Familie, Wahrung der Rechte der Arbeiter und der Staatsbürger, Beschränkung der staatlichen Macht, Einigkeit und Brüderlichkeit unter den Völkern, Wiederherstellung der Rechtssicherheit, Freiheit des Gewissens, Katholische Aktion. Also geistige und materielle Erneuerung des Einzelnen und der Gesellschaft, die beide von der völligen Vernichtung bedroht sind.

 

Über diese Enzyklika schrieb ein Protestant, S. H. Church: „Gegen das kannibalische Recht des Urwaldes, genau gegen dieses, glaube ich, ist die Enzyklika gerichtet, die Papst Pius XII. soeben an die Welt gerichtet hat.“

 

Ein anderer Protestant, H. N. Mc. Craken, nannte sie „ein edles Dokument der Freiheit des 20. Jahrhunderts“, Und die New Yorker Times beurteilte sie „mit der ganzen Welt als das Werk eines großen Papstes . . .“, als eine Botschaft, die zweifellos der Geschichte unserer Zeit ihren Stempel tief aufdrücken wird.

 

Berühmt werden die Weihnachtsbotschaften bleiben, die der Papst über den Rundfunk verlas und die, wie Ignazio Silone, der bekannte italienische Schriftsteller, sagte, die Menschenrechte machtvoll und erhaben dem totalitären Staat gegenüber aufrichteten und Papst Pius XII. zum wahren Repräsentanten der Menschheit machten. Dies ist mit derartigem Nachdruck und Weitblick geschehen, dass es einen Wendepunkt im Wiedererwachen der Völker bedeutete.

 

Pius XII. ist gleich Gregor dem Großen und anderen großen Päpsten „defensor urbis“ (Verteidiger der Ewigen Stadt) gewesen. Rom verdankt ihm die Rettung im zweiten Weltkrieg. Doch ist er darüber hinaus auch „defensor civitatis“ (Verteidiger des Staates) gewesen, indem er das zivile Leben in der ganzen Welt verteidigte.

 

Doch damit ist sein Werk noch längst nicht erschöpft.

 

Er hat die Liturgie bereichert, die Theologie weitergeführt, Wissenschaft und Kunst sowie die Caritas und die Rechtspflege gefördert, die Aufgaben des Films fest umrissen usw.; er ist mit einem Wort der Papst, wie ihn unsere verwirrte Zeit mit ihren Umwälzungen braucht. Wenn Europa und die Welt nicht dem Chaos der Diktatur des Krieges und des Materialismus verfallen, wenn wir nicht einen schweren Rückschritt erleben, so verdanken wir dies größtenteils diesem Oberhirten, der, auf Christus vertrauend, noch nach 50 Priesterjahren kerzengerade wie ein Jüngling zum Altar schreitet.

 

Für ihn beten heute in Dankbarkeit und Vertrauen Millionen von Katholiken und Nichtkatholiken in allen Teilen der Welt.