Giovanni Pierluigi da Palestrina

 

Die ergreifende Klage der Karwoche

 

Wie die berühmte Komposition „Popule Meus“ von Palestrina entstand

 

Über die Ewige Stadt Rom warf die Augustsonne des Jahres 1555 vom wolkenlosen Himmel ihre unbarmherzigen, glühend heißen Strahlen herab, als wollte sie alles Leben wie in einer Feuersglut ersticken und töten. Auch die Abende waren ohne Kühle, und kein einziges Lüftchen brachte auch nur ein wenig Erfrischung.

 

In dem dunklen eines älteren Hauses nahe der Engelsburg lag ein Mann auf dem Krankenlager. Er mochte die Dreißig nur wenig überschritten haben. Seine Hände bewegten sich unruhig, aber regelmäßig wie im Takt, und die Augen starrten unbeweglich zu der Decke des Zimmers empor. Das Fieber brannte wie Feuer in seinem Innern, und die Lippen waren trocken und ausgedörrt, während der Schweiß perlengleich über die eingefallenen Wangen auf den kurzen Bart herabsickerte.

 

Dieser Mann, der da fieberkrank litt, war der berühmte Tonmeister Giovanni Pierluigi da Palestrina.

 

Nun bewegten sich plötzlich seine Lippen. Ein schmerzlicher Zug prägte sich auf seinem bleichen Angesicht aus, und wie von weither sprach der Mund halblaut die Worte: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? – “

 

In diesem Augenblick trat ein Besucher, der schon einige Zeit schweigend den leidenden Meister beobachtete, mit vorsichtigem Schritt an das Krankenlager heran.

 

„Freund“, sprach er, nachdem er des Kranken Hand in die seine genommen hatte, „Freund, glaube mir, Gott hat dich gewiss nicht verlassen!“

 

Palestrina wandte das Haupt herum, ein prüfender Blick, und ein leises Lächeln überflog seine Züge: „Pippo Buono!“

 

„Ich bin´s!“ Ja, es war der „gute Philipp“, wie man ihn allgemein in der Ewigen Stadt nannte: Philippus Neri.

 

Wie leicht lag dem Heiligen sonst immer ein Scherzwort auf den Lippen. Hier aber erkannte er auf den ersten Blick, dass er damit nichts Gutes erwirken würde. Hier galt es, den Kranken erst von inneren Lasten zu befreien.

 

„Freund“, begann wiederum Philippus Neri, indem er sich ans Krankenbett setzte, „sag mir einmal, was drückt dich da drinnen? Erzähl mir doch kurz deinen Kummer!“

 

Und Palestrina, der Meister, erzählte zuerst langsam, dann immer leidenschaftlicher von seinem tiefen inneren Leid. „Ihr wisst doch, Pippo,“ sagte er, „dass ich auf ausdrücklichen Befehl des Papstes Julius in die Kapelle der päpstlichen Sänger aufgenommen worden bin. Das war im Januar dieses Jahres.“

 

„Ich weiß es“, sagte Philippus Neri.

 

„Nun aber starb mein Gönner auf dem päpstlichen Thron, und auch sein Nachfolger Marcellus, der mir ebenfalls gewogen war, starb schon nach wenigen Wochen.“

 

„Ich weiß es“, wiederholte ruhig Philippus Neri.

 

Palestrina aber fuhr nach einer Pause fort: „Da ward Giovanni Pietro Caraffa, der gefürchtete, überstrenge Kardinal zum höchsten Lenker unserer Kirche erhoben. Kaum hatte er sich Paul IV. genannt, da berief er vor wenigen Wochen einige Sänger aus unserer Kapelle zu sich und verhörte sie: ob in der päpstlichen Kapelle auch alles nach den Vorschriften des letzten Conciliums geschehen würde? Man antwortete: Ja! – Der Papst frug weiter: Wie es mit der Sittenreinheit der Sänger stehe, er habe hören müssen, es seien in der Kapelle einige Sänger, die nicht Priester seien, ja nicht einmal die niederen Weihen besäßen sie, das sei doch ganz und gar gegen die Vorschriften. Man antwortete: es seien zwar drei verheiratete Laien unter den Sängern, aber des Papstes Vorgänger hätten diese drei Sänger ausdrücklich auf Lebenszeit in die Kapelle berufen.“

 

„Freund,“ unterbrach hier Philippus Neri den Kranken, „zu diesen drei Sängern gehörst wohl auch du?“

 

„Gewiss! Leonardo Barre, Domenico Ferrabosco und ich! – Aber nun hört weiter! Der Papst machte ein ernstes Gesicht, und nachdem er den Segen gegeben, sprach er, in Bälde werde er kundtun, wie er darüber denke. . .“

 

Palestrina schwieg. Philippus Neri aber fragte: „Und jetzt?“

 

Mit einem Ruck fuhr der kranke Meister in seinem Kissen empor: „Und jetzt? – Was ich schon längst geahnt – gestern, den 30. Juli, hat es der Heilige Vater durch ein Motuproprio uns eröffnet: Entlassen hat uns der Papst aus seiner Kapelle! Entlassen! – Da nehmt! – Hier – lest selbst!“

 

Nachdem Philippus Neri den Kranken mit sanftem Zwang wieder in die Kissen zurückgebettet hatte, nahm er die Abschrift des päpstlichen Schreibens zur Hand: Die drei verheirateten Individuen – hieß es da –, die zum Skandal des Gottesdienstes und der heiligen Kirchengesetze mit den Sängern der päpstlichen Kapelle zusammenlebten, würden aus dem Sängerkollegium ausgestoßen. Doch solle jeder der drei Entlassenen aus der Kasse auch weiterhin pro Monat 6 Skudi erhalten.

 

„Und jetzt!“ begann Palestrina in neuer Erregung. „Und jetzt? – Sechs Skudi nur für den Monat! Aber meine Frau und meine Kinder Rodolfo, Angelo, Iginio . . . Warum hat man mir das angetan? Warum? – Ist das so schlimm, dass ich verheiratet bin? Hab ich nicht ennoch in der päpstlichen Kapelle treu gedient?! –“

 

„Freund,“ begann der Heilige, „hör mich ruhig an! – Fürs erste: Das Gesetz besteht nun einmal so, dass kein Verehelichter in der päpstlichen Kapelle singen darf. Und wenn ein Unrecht je geschehen ist, dann war es dies, dass jenes Gesetz bei euch drei Sängern einst durchbrochen ward! – Fürs zweite: Wenn nun der Papst jenes Gesetz ganz genau durchführt, so tut er den drei Ausgestoßenen hierdurch sicherlich kein Unrecht, und keiner von euch soll glauben, man habe ihm wehtun wollen. Sieh, die Gesetze und ihre Erfüllung erscheinen bisweilen sehr hart, doch wirken sie letztlich als Heil! – Sieh hier, Pierluigi, den Erlöser am Kreuz, und dann bete zu ihm: Sanctus Deus! Sanctus Fortis! Sanctus Immortalis – miserere nobis! – Heiliger Gott! Heiliger Starker! Heiliger Unsterblicher – Erbarme dich unser!“

 

Palestrina schaute unverwandt auf das Kruzifix, das ihm der Heilige vor Augen und Seele hielt, und je länger, desto mehr glätteten sich seine Züge, das arme Herz wurde ruhiger, ja seine Hände falteten sich langsam, und ein wohltuender, erlösender Schlummer umfing den gequälten Meister der Töne.

 

Philippus Neri aber gab ihm seinen Segen und entfernte sich leise. –

 

Als Palestrina nach Stunden erwachte, war der Bann in ihm gebrochen. Energisch verlangte er von seiner Gattin Lucrezia Notenpapier, Tinte und Federkiel, und langsam reihte sich Note an Note: aus eigenstem Leid geboren, aber auch von göttlicher Tröstung erleuchtet, schuf Palestrina sein berühmtes, unsterbliches „Popule meus, quid feci tibi – O du mein Volk, was tat ich dir?“

 

Der kranke Meister genas und erhielt auf den 1. Oktober des gleichen Jahres 1555 die Kapellmeisterstellean der Kirche St. Johann im Lateran.

 

Sein Popule meus (auch „Improprien“ genannt), das ihm zum Tor der Genesung geworden, bewahrte er noch jahrelang als sein ureigenstes Geheimnis verborgen. Erst am Karfreitag 1560 sang er dieses Werk zum ersten Mal mit seinen Sängern im Lateran. Die wenigen, aber in ihrer Einfachheit so rührenden Akkorde ergriffen die Zuhörer so mächtig, dass später Papst Pius IV. dieses mächtige Popule meus von Palestrina auch von seiner päpstlichen Kapelle singen ließ, was bis zum heutigen Tag an jedem Karfreitag geschieht.

 

(Aus: „Kath. Sonntagsblatt d. Diözese Rottenburg“, Stuttgart, 2.4.1950, von A. Bopp)