Der moderne Pilatus

 

Nach einer alten Sage muss der römische Landpfleger als Buße für seine Verdammung des Herrn zum Kreuztod als Gespenst umherirren und Schuld und Fehl allen jenen bringen, die ihm auf seinem verderblichen Gang begegnen. Liegt in dieser naiven Fabel, die der ziemlich ungeographische Volksglaube an die Gestade des schweizerischen Juwels, an den Vierwaldstättersee, verlegt, nicht eine tiefgründige Allegorie des modernen Atheisten?

 

Dieser, durch eigenen Willen von der Erkenntnis der wahren Lehre des Nazareners sich lostrennend, sündigt doch tausendfach bewusster als der durch Menschenfurcht, durch Standespflichten zu ungerechtem Urteil gedrängte Römer. Pilatus hatte vor der wie rasend tobenden Menge der Juden dennoch den Mut, zu sagen: „Ich wasche meine Hände in Unschuld an meinem Spruch über diesen Mann; nehmt ihr ihn hin.“ Seine Schuld war demnach mehr passiven, denn gewalttätigen Charakters. Und trotzdem büßt er nach den Worten der grauen Frau Sage alljährlich wieder seine fast zweitausendfach verjährte Schuld!

 

Also auch an dir, aufgeklärtes Menschenkind des einundzwanzigsten Jahrhunderts, wird durch all den wie mit Zaubergewalt erwachenden Osterjubel der Natur und der Kirche diese Schattengestalt vorüberhuschen, doch wie wenigen ein Memento? Allen jenen gewiss nicht, die, angesichts des erblühten Frühlings (verfasst im Monat April), der Gloriafeier in den Tempeln des Herrn, dessen Existenz rundweg leugnen.

 

Und wie viele, viele der heutigen Menschen huschen, nein, schreiten recht selbstbewusst als solch ein Gottverurteiler, als ein das höchste Wesen in das Fabelland kleiner Kinder und erwachsener Idioten verwerfender Christusfeind an dir vorüber, tausendfach eitler und von ihrem Wert durchdrungener als der römische Landpfleger dem angeklagten Davidsohn gegenüberstand.

 

Diese Pilatusse, diese modernen Gottesleugner, die bergen unschätzbar mehr Gefahren bei einer Begegnung mit einem noch von allen Zweifelslehren unangetasteten, aber wankelmütig veranlagten Christenherzen in sich, als das Gespenst des Pilatus einem ruhigen, nüchternen Glauben bringen könnte.

 

Vielleicht würde heute so mancher der Aufgeklärten sich scheuen, in der Karfreitagsnacht diesem armen Schemen unter die Augen zu treten auf einsamem Bergpfad, aber er würde es mit seiner sozialen Stellung als modern-freigeistiger Mensch unvereinbar finden, den Umgang mit einem Menschen zu meiden, der sich ganz frei und offen als Atheist bekennt.

 

Es wird diesem solch ein Freimut sogar hin und wieder als Heldentat angerechnet; mein Gott, es kann doch jeder nach seiner Fasson selig werden und niemand wird in solch einem Apostel des Unglaubens einen modernen Pilatus schauen.

 

Oder müsst ihr nicht zugeben, dass Pilatus, der über Gott zu richten sich Anmaßende, tausendfach sein Gespensterhaupt erhebt aus den Spalten fast der gesamten modernen Literatur, von den Brettern der armseligsten Brettelbühne grinst es uns entgegen, denn, dass das Geschöpf seinen Schöpfer zu analysieren versucht, nicht nur im wissenschaftlichem Sinn, sondern auch zu verkleinern, zu persiflieren mit Hilfe oft der traurigsten Mittel, das ist auch ein eigenartiges Zeichen der Zeit des modernen Pilatus.

 

Wieder naht das gewaltigste der Vereinigungsfeste des kleinen Menschengebildes mitsamt der ihm väterlich geschenkten Natur, an deren Brust er lebt, mit eben jenem Herrschervater über Zeiten und Welten, mit seinem Gott!

 

Möchte nun der arme Pilatus der Volkssage endlich die verdiente Ruhe finden für sein friedlos Gebein, damit vielleicht dann auch die so mannigfaltige Spukgestalt des modernen Pilatus hinweggehaucht werde vom Zorn des Herrn, zum Frieden der österlichen Herzen, auf dass sie freier und glücklicher jubeln dürften ihr „Halleluja“!