Der Neid

 

Fragen wir nach der Ursache, aus der so mancher Mörder einen Mitmenschen tötet, so werden wir denselben Beweggrund finden, der den ersten Mörder, Kain, zum Brudermord veranlasste, nämlich den Neid. Betrachten wir die Bosheit und die Strafe des Neides.

 

1. Der Neid ist eine Ausgeburt der Hölle. Der Teufel ist der Vater des Neides. Durch den Neid des Teufels ist die Sünde in die Welt gekommen. Daraus lässt sich die Bosheit des Neides leicht erkennen. Der Neider empört sich gegen Gottes Macht und Güte. Gott gibt jedem Menschen Dasein, Kräfte, Fähigkeiten und Güter wie es ihm gefällt. Niemand kann sich beklagen, dass er zu wenig empfangen habe. Denn worauf könnte der Mensch Anspruch erheben? Wer will Gott Vorschriften machen, wie er seine Güter verteilen soll? Hat er nicht das Recht, Reichtum, Ehre und Ansehen nach Belieben auszuteilen? „Ist dein Auge darum schalkhaft, weil ich gut bin? Ist es mir nicht erlaubt, zu tun, was ich will?“ – Der Neidische handelt aber noch schändlicher gegen Gott, der nicht bloß mit unbegrenzter Macht, sondern auch mit unendlicher Liebe seine Gaben austeilt. Gott will alle seine Geschöpfe glücklich sehen, der Neid will, dass sie trauern und weinen. Gott will, dass alle Menschen heilig und ewig selig werden, der Neid missgönnt die Gnaden und Freuden anderen, er trauert über das Glück und freut sich über das Unglück seiner Mitmenschen. Heißt das nicht, alle Liebe aus der Welt verbannen? Was für einen Gott mag der Neider wünschen, da ihm der Gott der Liebe verhasst ist? – Der Neid ist ein Feind aller Menschen, weil er ihr Glück und ihre Tugend vernichten will und nur in ihrem Unglück seine Freude findet. Kain beneidete seinen Bruder Abel um der Gnade Gottes willen und ruhte nicht eher, bis er ihn getötet hatte. Jakobs Söhne beneideten ihren Bruder Joseph, weil der Vater ihn wegen seiner Tugenden besonders liebte, sie strebten ihm nach dem Leben, verkauften ihn in die Sklaverei und freuten sich über sein Elend. Die Pharisäer missgönnten dem göttlichen Heiland die Liebe des Volkes und verschworen sich gegen sein Leben. Der Neidische mordet schon mit der Zunge und sucht durch Tadel und üble Nachrede die Ehre des Nächsten zu vertilgen. Er tut selbst nichts Gutes und kann nicht dulden, dass andere etwas Gutes tun. O Geheimnis der Bosheit! – Der Neid ist das vollkommene Ebenbild des Teufels. Er brachte die ersten Menschen um das Glück des Paradieses, obgleich er selbst durch das Unglück der Menschen nicht glücklich wurde. So zerstört der Neider alles Glück und alle Tugend in anderen. Wird er dadurch selbst glücklich?

 

2. Ach, der Neider straft sich selbst am härtesten. Er ist unglücklich, weil andere glücklich sind. Er ist betrübt, weil andere fröhlich sind. Er ist krank, weil andere gesund sind. Die Glückseligkeit anderer verursacht ihm Pein, die Tugend anderer nur Qual. O Elend des Neides! Welch grausame Schmerzen zerreißen das Herz des Neidischen! Er verzehrt sich selbst in Hass und Ingrimm. Der Neidische hat keinen Anteil an den guten Werken und Verdiensten der Gerechten. Wie arm und elend ist er also! „Daran will ich erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr euch einander liebt“, spricht der göttliche Heiland. Dagegen spricht Satan: „Daran will ich erkennen, dass ihr die Meinigen seid, wenn ihr euch einander hasst.“ – Bin ich nicht auch vom Laster des Neides angesteckt? Betrübe ich mich nicht über das Glück meiner Mitmenschen? Erfreue ich mich nicht über sein Unglück? Missgönne ich ihm nicht seine Glücksgüter? Vielleicht beneide ich den Mitmenschen wegen seiner Glücksgüter, wegen seiner Kenntnisse und Geschicklichkeit! Missgönne ich ihm wohl gar die übernatürlichen Güter, die Gnade, die Tugend, die Vollkommenheit, durch die er mich übertrifft? O abscheuliches Laster! „Der Neid ist jene Motte, die das Ehrenkleid der Tugend benagt, der Rost, der an dem Glanz des fremden Verdienstes sich anzusetzen sucht, die Heuschrecke, die alles Grün der Hoffnung auf fremdem Feld verzehren möchte.“ Der Neid ist der Mörder und Totengräber der Nächstenliebe. Er versenkt sie in das Grab der Vergessenheit und setzt den Stein des Grolls darauf. Verabscheuen wir den Neid, der die Mutter so vieler Süden und so vielen Kummers ist! Amen.