Papst Pius VII. und Napoleon

Napoleon I.

 

 

Der Kreuzweg des Papstes Pius VII. im Juli 1809

 

Am 10. Juni 1809 verkündete Kanonendonner zu Rom das Ende des Kirchenstaates. Von der Engelsburg sank das päpstliche Wappen, stolz wehte dafür Frankreichs dreifarbige Fahne. So raubte Napoleon I. voll Übermut den mehr als tausendjährigen Besitz des Papstes. Was tat Pius VII. gegen diese Willkür und Gewalt? Sogleich ließ er die Bannbulle an Roms Hauptkirchen bekannt machen. Doch trotzig höhnte der Korse: „Deswegen fallen meinen Soldaten die Waffen nicht aus den Händen!“

 

Die Völkergeißel schwingt Napoleon:

„Vor meinem Tritt erzitt`re Petri Thron!

Was will gen mich der blöde Priestergreis?

Er fällt in Staub wie seine Locke weiß.

Und die Tiara? Die zerbricht mein Zorn;

Das Papstgewand zerreißen meine Spor`n!“

 

Welch düsteres Bild brachte aber erst der 6. Juli 1809 zu Rom! Nächtliches Dunkel umfängt noch den Quirinal, den päpstlichen Palast. Französische Truppen umzingeln ihn. Unheimliche Gestalten ersteigen auf Leitern die Gartenmauer, sie rennen mit Fackeln durch den Garten und zertrümmern mit Äxten die Türen. General Radet dringt ins Audienzzimmer des Papstes. Pius, rechtzeitig geweckt und angetan mit Mozetta und Stola, erklärt würdevoll, lieber alle Verfolgung zu leiden, als auf die Rechte des apostolischen Stuhles zu verzichten. Da muss er sogleich den im großen Hof bereitstehenden Wagen besteigen, nur von einem Kardinal begleitet, von Bartholomäus Pacca, der in seinen „Denkwürdigkeiten“ sich glücklich preist, der Simon von Cyrene des Statthalters Christi auf diesem Kreuzweg gewesen zu sein.

 

Im ersten Frührot schimmern die Zinnen der ewigen Stadt, als eilends der Wagen, von Gendarmen umringt, zum Tor hinausrollt. In Monterosi stehen viele Frauen an den Haustüren; sobald sie den Papst als Gefangenen behandelt sehen, erschallt herzzerreißendes Weinen und Wehklagen: „Sie führen uns den Heiligen Vater fort! Sie führen uns den Heiligen Vater fort!“ Pius gedenkt tief bewegt des Mitleids, das einst Jerusalems Töchter dem kreuztragenden Heiland selbst geweiht. – Nur in Viterbo ist ihm etwas Rast und Labung vergönnt, aber erst um 11 Uhr nachts, also nach 19 furchtbaren Leidensstunden, findet er Nachtherberge. Doch was für eine! Ein kleines Zimmer im elenden Posthaus zu Radicofani dient dem ehrwürdigen Greis als Schlafgemach. Wehmütig sieht Kardinal Pacca den leidenden Zustand des Heiligen Vaters und bewundert seine Seelenstärke. Lebhaft schwebt ihm das Evangelium dieses denwürdigen Tages, der Oktav vom Fest der Apostelfürsten, vor der Seele: der göttliche Heiland wandelt über den stürmischen See Genezareth und bietet dem sinkenden Petrus mild die hilfreiche Hand.

Noch viele Qualen bringt die Weiterfahrt am 7. Und 8. Juli. In Toskanas Gefilden hat der Wagen sogar einen Unfall. Eine Menge Volkes sieht es und eilt voll Mitleid heran, zu helfen. Die Gendarmen, totenblass im Gesicht, versuchen mit Säbeln das Volk zurückzuweisen, aber es umringt kindlich den Heiligen Vater, ehrfürchtig seine Hände zu küssen, ja schätzt sich glücklich, seine Kleider zu berühren. Mit lächelndem Mund dankt der Papst für die liebevolle Teilnahme und erteilt freundlich allen den Segen. Noch manche Toskaner bitten am Weg stehend innig um den Segen des Papstes, bis schließlich am Abend des 8. Juli die Kuppeln und Türme von Florenz winken. Hier im Kloster der Karthäuser hofft Pius, ganz ermüdet und kraftlos, doch etwas mehr Ruhe zu finden. Aber schon frühmorgens – es ist Sonntag – muss er, ohne den Trost des heiligen Messopfers genossen zu haben, weiter wandern, weit fort, über die Alpen nach Valence und das nur, um bald wieder zurückgeschleppt zu werden bis Savona, wo er in höchster Dürftigkeit ankam und selbst Kleider als Almosen anzunehmen gezwungen war. Mit zwei Mark pro Tag wurde er auf Hungerkost gesetzt und sogar sein Brevier wurde ihm genommen. Wahrlich ein Kreuzweg voll Schmach und Schmerz, der Anfang langer Gefangenschaft!

 

Gegen Ende des Jahres 1811 befahl Napoleon, seinen hohen Gefangenen wiederum nach Frankreich zu verbringen. Obwohl der Papst schwer erkrankt war, so dass er mit den heiligen Sterbesakramenten versehen werden musste, schleppte man ihn doch Tag und Nacht weiter, und wenn man anhielt, um zu speisen, durfte er den Wagen nicht verlassen, sondern man schob ihn in eine Remise, wo Pius seine dürftige Nahrung zu sich nahm. So kam er nach Fontainebleau. Dort traf er endlich mit Napoleon selbst zusammen, aber ohne von seiner Festigkeit im Kampf für die Sache der Kirche und von seiner Geduld zu lassen. Von Napoleon hart bedrängt, ja sogar mit Absetzung bedroht, ahmte Pius in unüberwindlicher Milde die Sanftmut und Geduld des göttlichen Herzens nach und erwiderte ruhig: „Ich will die Drohungen zu den Füßen des Gekreuzigten niederlegen und es ihm überlassen, meine Sache zu rächen, denn sie ist seine eigene.“ Er hoffte nicht vergeblich. Der göttliche Heiland half der Kirche, seiner heiligen Braut, mächtig auch in diesen Stürmen und Kämpfen und gab ihr endlich die glorreiche Siegeskrone.

 

Noch während der Statthalter Christi in Fontainebleau gefangen saß, bereitete Gott seine ernsten Strafgerichte gegen dessen Henker vor, um ihn die Folgen des Kirchenbannes, den er verlacht hatte, fühlen zu lassen. Mit einer halben Million Krieger und 1500 Kanonen, der stärksten Armee, die Europa je gesehen hatte, zog Napoleon zum großen Feldzug gegen Russland aus. Doch Gottes Zorn erreichte ihn in Gestalt eines überaus strengen Winters, der sein Heer auf den Eisfeldern von Russland aufrieb, und die Flammen von Moskau raubten ihm auch noch die letzte Zufluchtsstätte.

 

Gründlich gedemütigt, ließ der Korse Pius VII. endlich nach Savona zurückkehren und bald darauf in Freiheit setzen. Am 24. Mai 1814 konnte der edle Dulder, mit unendlichem Jubel als Papst-König begrüßt, wieder seinen Einzug halten ins ewige Rom. 60 junge Männer zogen den Triumphwagen durch die reichgeschmückten Straßen. Alles eilte in den Petersdom, um dem zu danken, der den Demütigen erhöht und den Stolzen in den Staub geworfen hatte. Napoleon selbst musste in demselben Schloss, in dem er in seinem Übermut den Papst gefangen gehalten hatte, seine Abdankung unterzeichnen. In der Einsamkeit in St. Helena konnte er dann lange genug nachdenken über die Verheißung, die Christus uns gegeben hat: „Ich bin bei euch alle Tage, bis ans Ende der Welt.“

Für die katholische Kirche aber blühten von neuem Freiheit und Friede:

 

Aus dem Blut hervorgegangen,

Das vom Kreuze niederfloss,

Von der Purpurflut umfangen,

Die sich Meeresgleich ergoss,

Hat sie höchsten Sieg errungen

Und die Macht der Welt bezwungen.

 

An den felsenfesten Türmen

Brachen List sich und Gewalt;

Herrlicher aus allen Stürmen

Trat hervor die Lichtgestalt,

Tragend an der Stirn das Zeichen,

Dem der Hölle Pforten weichen.

Pius VII. und Napoleon I. in Fontainebleau
Pius VII. und Napoleon I. in Fontainebleau

Napoleon Bonaparte in einer Sonnengloriole

König Ludwig XIV. von Frankreich