Nachfolge Christi

 

Das ganze Leben, Dichten und Trachten der Heiligen ging darauf aus, dem göttlichen Heiland möglichst ähnlich zu werden und an seinem Leiden den innigsten Anteil zu nehmen. Uns allen aber gilt das Wort des Herrn: „Kommt und folgt mir nach!“ Die Nachfolge Christi ist für jeden eine unabweisbare Pflicht, deren Erfüllung er uns durch sein Beispiel lehrt.

 

1. Das Christentum legt als unabweisbare Pflicht die treue Nachfolge seines göttlichen Stifters auf. Die Geheimnisse nehmen die Einsicht unseres Geistes gefangen, die Sittenlehre regelt die Neigungen unseres Herzens, die Ausübung der Tugenden aber muss die Seele unseres ganzen Lebens werden. Damit niemand in Zweifel gerate, was er zu tun habe und wie er das ewige Heil gewinnen könne, stellte sich Christus als Vorbild dar und ruft uns allen zu: „Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr tut, wie ich getan habe.“ (Joh 13,15) Alle Heiligen haben sich Christus zum Muster genommen. Diese Nachfolge Jesu ist eine so unerlässliche Pflicht, dass in ihr das ganze Wesen des Christentums besteht. Nur insofern sind wir wahre Christen, als wir treue Nachfolger Jesu sind und sein Bild in unserem Leben ausprägen. Nur in der Nachfolge Jesu können wir zur himmlischen Seligkeit gelangen. Niemals dürfen wir hoffen, Teil an seinem Reich zu nehmen, wenn wir nicht dem Stifter unserer Religion ähnlich werden. Nur seinen treuen Jüngern, „gab er Macht, Kinder Gottes zu werden.“ (Joh 1,12) Kann es aber einen schöneren Trost, ein größeres Glück für uns geben, als in Freundschaft und Liebe mit dem himmlischen Vater vereinigt zu sein? Welch eine Ehre, welch eine Seligkeit für uns, wenn Christus zu uns sagt: „Ich nenne euch nun nicht mehr Knechte, sondern meine Freunde.“ (Joh 15,15) Durch die Nachfolge Christi nehmen wir Teil an allen seinen Verdiensten und werden ihm immer gleichförmiger. Aus diesen kostbaren Vorteilen ergibt sich die unerlässliche Pflicht der Nachfolge Christi.

 

2. Auf welche Weise sollen wir denn Christus nachfolgen? Das lehrt er uns selbst mit den Worten: „Wer mir nachfolgen will, verleugne dich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“ (Mt 16,24) In diesem Ausspruch sind drei wesentliche Punkte enthalten, die wir erfüllen müssen. Der Jünger Christi „verleugne sich selbst“. Er muss fortwährend die sündhaften Leidenschaften bekämpfen, sein Fleisch kreuzigen, den sinnlichen Gelüsten absterben und, wenn es der Herr verlangt, selbst das leibliche Leben hingeben, um das Leben der Seele zu retten. – „Er nehme sein Kreuz auf sich.“ Kein Stand in dieser Welt ist von jedem Kreuz frei. Mancher trägt ein schwereres Kreuz, aber ohne Kreuz bleibt niemand. Wollen wir nun Verdienste von unserem Kreuz haben, so müssen wir bedenken, dass unser Kreuz nur ein Partikelchen vom Kreuz unseres Erlösers ist. Dann wird uns kein Leid zu groß, kein Schmerz zu empfindlich, und wir werden nicht mehr klagen, da uns die Gnade Gottes tragen hilft. – „Er folge mir nach!“ Es genügt noch lange nicht, bloß den alten Adam auszuziehen, wir müssen auch den geistigen, himmlischen Menschen, der nach dem Vorbild des Gottmenschen geschaffen ist, anziehen. Wir müssen in die Fußstapfen Christi treten, seine Gesinnungen annehmen, seinem heiligen Willen uns ohne Rückhalt hingeben, nach seinem Leben unser Leben einrichten. Alle unsere Gedanken und Urteile, unsere Neigungen und Wünsche, all unser Handeln und Ringen müssen das eine Ziel verfolgen, Christus möglichst ähnlich zu werden. Das ist freilich ein großes Werk, aber mit Gottes Gnade wird es leicht. Sollte uns das Beispiel unseres Erlösers nicht anziehen? Sollte uns der reiche Lohn nicht locken? Nehmen wir freudig aus Gottes Hand alles entgegen. Alles wird uns leicht in der Nachfolge Jesu. Je länger wir Ausdauer haben, desto vollkommener werden wir den Ausspruch des göttlichen Meisters verstehen: „Mein Joch ist süß und meine Bürde leicht.“ Amen.