Über 550 Jahre Mittagsläuten

 

Ein Gedenken der Bedrohung und der Hilfe

 

Täglich erklingen die Glocken zur Mittagszeit überall in der ganzen Welt, wo Christen leben und sich Kirchtürme zum Himmel erheben. Täglich rufen die Stimmen der Glocken zum Beten, um der Menschwerdung des Gottessohnes zu gedenken und die allerseligste Jungfrau zu verehren. Zwar folgen Millionen von Menschen mit heiliger Andacht dem Ruf des Mittags-Angelus-Läutens, es sind aber wahrscheinlich nur wenige, die dessen Bedeutung oder historischen Ursprung verstehen.

 

Allen jenen, die dem Klang der Glocken Gehör leisten und nachdenken, wird eine Zeitepoche vor ca. 550 Jahren vergegenwärtigt, eine Zeit des gottsuchenden Mittelalters, da sich schicksalsentscheidende Kämpfe für das Bestehen des christlichen Abendlandes, für die Herrschaft des Kreuzes gegenüber der des Halbmondes zugetragen haben. Die Frage war: soll das Kreuz oder der Halbmond Europa beherrschen?

 

In dieser geschichtlichen Stunde hat sich das Volk Ungarns, des „Regnum Marianum“, für die Idee des Kreuzes eingesetzt, Blut und Leben reichlich auf dem Altar des Glaubens und des Vaterlandes dargebracht. Es sah seine Mission darin, gegen die vordringende heidnische Macht des Islam die Vormauer Europas zu sein.

 

Die Gefahr aber schien viel größer zu sein, als dass die ungarische Nation sie allein abwenden konnte. Darum forderte Papst Kallistus III. schon im Jahr 1455 die ganze christliche Welt zur Hilfeleistung auf und ließ nachher auch seine rufende Stimme im Interesse des gefährdeten Europas hören. Aber seine Legaten stießen meistens auf Gleichgültigkeit oder wenig Verständnis. Bald musste er einsehen, dass von den irdischen Fürsten und Mächten nicht viel zu erwarten war. Denn die damaligen internationalen Besprechungen „auf höchster Ebene“ in Regensburg (im Frühling 1454), in Frankfurt (im Herbst 1454) und in Wienerneustadt (im Frühling 1455) scheiterten wegen der Gleichgültigkeit der europäischen Fürsten, von denen Aeneas Sylvius, der große Schriftsteller dieser Zeit und spätere Pius II., in einem an den hl. Johannes von Capistrano gerichteten Brief folgendes Bild gab: Mit drei Bestien müsse Kapistran den Kampf aufnehmen, die jetzt die ganze Christenheit bedrohten: dem weichlichen Leben, dem Ehrgeiz und der Habsucht der Fürsten. Keiner wolle dem andern sich unterordnen, keiner ein Ungemach auf sich nehmen. Sie würden lieber das Gemeinwesen zugrunde gehen lassen, als bei schlechtem Wetter aus dem Haus gehen. Wenn sie den Untergang des Menschengeschlechtes dadurch verhindern könnten, dass sie nur einen Tag auf ihre Vergnügen verzichteten, sie würden es nicht tun . . . „Die ganze Christenheit könnte gekauft werden, wenn sich ein Käufer fände; alles gehorcht den Türken, wenn sie Geld geben.“

 

In dieser kritischen Lage nahm der Papst seine Zuflucht zu den überirdischen Gewalten und veröffentlichte am 29. Juni 1456 seine „Bulle der Gebete“, in der er das tägliche Mittagsläuten anordnete (Das Abendläuten zu Ehren der Muttergottes findet sich fast überall bereits im 14. Jahrhundert – 1327 für Rom von Papst Johannes vorgeschrieben. Das Morgenläuten entwickelte sich fast gleichzeitig, in Deutschland im 15. Jahrhundert, doch stand beides noch nicht in unmittelbarem Zusammenhang. Das Mittagsläuten kam am spätesten auf, vor allem aufgrund der im Artikel beschriebenen Ereignisse. Die heutige Form des „Angelus“ wurde, gefördert von den Päpsten, erst zu Beginn des 18. Jahrhunderts allgemein üblich.) Das Ziel der Bulle war, einen Kreuzzug des Gebetes zu organisieren, um anstatt der menschlichen Solidarität die Hilfe des Himmels zu erflehen und zu sichern.

 

In der Bulle schilderte Kallistus III. vor allem die große Gefahr, in der sich das christliche Abendland befand: „Der Tyrann der Türken (Mohammed II.) hat sich entschlossen . . . der christlichen Welt und dem Abendland ein Ende zu machen . . . und den heiligen Namen Christi von der Erde auszurotten.“

 

Gegen die der ganzen Christenheit drohende Gefahr gebe es kein anderes Mittel, betont der Papst, als sich an Gott zu wenden. Um die Menschen an die gefährdete Lage des Christentums zu erinnern und ihre Aufmerksamkeit auf das Gebet als Hilfsmittel zu lenken, sollten die Glocken jeden Tag um Mittagszeit geläutet und darauf drei Vaterunser und Ave Maria gebetet werden. Außer der Vorschrift des Mittagsläutens finden sich in der Bulle auch andere Anordnungen: Alle Priester, die die heilige Messe zelebrierten, wurden verpflichtet, die Oration gegen die Heiden zu nehmen. An jedem ersten Monatssonntag sollten allgemeine Prozessionen stattfinden, denen der ganze Klerus, die Ordensleute beiderlei Geschlechts und das Volk beizuwohnen hatten. Für alle Teilnehmer am großen Gebetskreuzzug erteilte der Papst reichliche Ablässe.

 

Die Bulle wurde in Rom am 29. Juni 1456 in feierlicher Weise veröffentlicht. Der Papst selber zelebrierte die heilige Messe in der Basilika des Apostelfürsten, und der Kardinal von Venedig las den Text der Bulle dem Volk vor. An diesem Tag erklang das Mittagsläuten in der Ewigen Stadt zum ersten Mal in der Geschichte. Bald darauf auch in den anderen Städten und Dörfern Italiens. Am ersten Julisonntag 1456 wurden feierliche Prozessionen gehalten. Und noch in demselben Monat (21./22. Juli) folgte der glorreiche Sieg der Ungarn über die Türken bei Nándorfehérvár (Nandoralba, Belgrad). Das Abendland atmete auf. Ungarn und damit ganz Europa war gerettet. An diesen Sieg erinnert uns das tägliche Mittagsläuten.

 

Obwohl Kallistus III. die Bulle in allen Ländern veröffentlichen ließ, kam die Gewohnheit des Mittagsläutens später wahrscheinlich doch vielerorts außer Übung, so auch in Rom selber. Deswegen erneuerte Alexander VI. den von Kallistus III. eingeführten Brauch des Mittagsläutens und schrieb ihn im Jahr 1500 für die ganze Kirche wieder vor, so wie er „in der Zeit Kallistus` III. angeordnet wurde.“ Der Papst betonte, dass „das Mittagsläuten in der Folge an jedem Tag des Jahres bis zu ewigen Zeiten gehalten werden müsse“.

 

Seither hat sich die Praxis des Mittagsläutens überall verbreitet. Große Verdienste haben diesbezüglich der heilige Ignatius von Loyola in Spanien, der heilige Petrus Canisius in Böhmen, der heilige Karl Borromäus in Italien. In den deutschen Landen erinnerte an die päpstliche Vorschrift wieder nachdrücklich der Wiener Bischof Friedrich Nausea in seinem Katechismus vom Jahr 1543. Zur Verbreitung des Mittagsläutens trugen auch Kaiser Ferdinand I. und sein Sohn Erzherzog Ferdinand viel bei. Die Reichstage Deutschlands betonen im 16. Jahrhundert (1542, 1556, 1594, 1598) wiederholt das Mittagsläuten im Geist der „Bulla Orationum“.

 

Gegen Ende des 16. Jahrhunderts sehen wir das Mittagsläuten so sehr verbreitet, dass es als allgemeine Praxis der Kirche betrachtet werden kann. Als die Türken aus Mitteleuropa langsam verdrängt wurden, änderte sich auch das Ziel des Mittagsläutens und damit der Text des Gebetes. Schon 1543 verknüpfte der Kölner Katechismus die zwei Ideen: das Gebet gegen die Türken und die Marienverehrung. Es war also eine natürliche Entwicklung, dass aus dem Glockenläuten gegen die Türken das Angelus-Läuten geworden ist. Diese Behauptung bestätigt auch die Gebetsform des „Angelus Domini“, die unter dem heiligen Papst Pius V. (+ 1572) als vollendet vorkommt und täglich dreimal rezitiert wurde.

 

Heute, unter gleichen Umständen wie vor ca. 550 Jahren, da die moderne Gottlosigkeit die ganze christliche Welt zu verschütten versucht, fordern von uns Not und Einsicht, zur alten und gut bewährten Idee der „Bulle der Gebete“ zurückzukehren. Es wäre also sehr zu wünschen, dass alle Christgläubigen der ganzen Welt heutzutage auf den Klang der Glocken zur Mittagszeit für ihre versklavten Brüder und Schwestern, die leidende und unterdrückte Kirche und für den Sieg der Christenheit gegen die Feinde Gottes beteten und gleichzeitig die der ganzen christlichen Welt drohende Gefahr ins Auge fassten. In diesem Sinn sollte das Angelusläuten von neuem ein Signal der Gefahr und eine Ermahnung zum Beten und zur Buße sein: „zum Herrn zurückzukehren, damit er sich wieder zu uns wende“.

 

Dr. Ludwig Vecsey, in „Maria Einsiedeln“ 1956/6

 

Das Ave Maria der Glocken

 

Als das Morgen- und Abendläuten immer mehr zu einem hellen, weittönenden Klang zu Ehren der Gottesmutter wurde, weihte man auch immer mehr Glocken auf den Namen Mariens. Der „schönste Kirchturm der Welt“, der Turm des Freiburger Münsters, birgt eine der ältesten Marienglocken, die fast 100 Zentner schwere „Hosanna“. Sie trägt die Inschrift:

 

+ Im Jahr des Herrn 1258, den 18. Juli ist die Glocke gegossen worden.

+ O König der Herrlichkeit, bringe Frieden.

+ Schallt mein Geläute, so hilf dem Volke, gütige Maria.

 

Hallgarten im Rheingau hat zwei zwischen 1366 und 1379 gegossene Glocken mit den Inschriften:

 

„Maria heißen ich – Den Bürgern von Hallgarten bin ich.“

 

„Maria Glock heiß ich – zu der Ehr Gottes läut ich.“

 

Eine Glocke von St. Cäcilia zu Köln (1483) trägt die Inschrift:

 

„Gabriel heiß ich, Marien Lob verkündige ich.“

 

Vom Jahr 1419 an meldete eine Glocke im Fraumünster zu Zürich:

 

„O Maria, Mutter, Gottes Zell /

Hab in deiner Hut, was ich überschell.“

 

Zu Hildesheim bat seit 1503 im Stift zu St. Johann eine Glocke:

 

„Heilige Maria, rufe das Volk mit deinem melodischen Ton, /

Damit lobst Du Christus, Dich, den Vorläufer und Brautführer.“

 

In feiner lateinischer Form sagt die große Glocke zu Dortrecht:

 

„Warum vertraust du nicht, der du mich siehst und von meinem süßen Ton angelockt wirst? Wenn du vertraust in fester Hoffnung, wirst du durch Marias Hilfe glücklich befreit.“

 

Auf den Zweck ihres Geläutes, besonders auf die tägliche Mahnung, zu Maria zu beten, weist eine Glocke in St. Jakob zu Aachen hin:

 

„+ Im Jahr des Herrn 1401 am 1. Tage des Monats September bin ich, Jacoba (gegossen). Ich melde die Feste und gebe das Zeichen zum Begräbnis, und täglich (mahne ich), dass man bete zu Maria.“