Mitleid

 

Was bewog so viele Heilige der Kirche, gar oft große Opfer zu bringen, manchmal die Heimat zu verlassen und heidnischen Völkern unter großer Gefahr das Evangelium zu verkünden? Was ließ sie an Jammer und Not der Menschen teilnehmen? Was veranlasste sie zu den Ärmsten der Armen zu eilen und den Himmel um Wunder zu bestürmen? Das Mitleid, die innige Teilnahme an dem Leiden der Nächsten. Das Mitleid ist eine schöne und herzerquickende Tugend.

 

1. Gott hat von seiner unermesslichen Güte und Barmherzigkeit einige Tropfen dem Menschenherzen eingegossen. Von Natur aus trägt jeder Mensch das Mitleid in seiner Seele, und nur eine verkehrte Erziehung und Verwilderung kann es ersticken. Sehr nachdrücklich hat uns der Allgütige das Mitleid befohlen: „Barmherzigkeit will ich und nicht Opfer.“ „Weint mit den Weinenden.“ „Wenn einer deiner Brüder oder Schwestern verarmt, so sollst du dein Herz nicht verhärten und deine Hand nicht verschließen, sondern sie den Armen öffnen.“ Durch das Mitleid wird das Leben schöner. Was wäre das jammervolle Erdendasein ohne Mitleid? Nehm den Eltern das Mitleid gegenüber den Kindern, den Herrschaften das Mitleid gegenüber den Untergebenen, nehmt den Gesunden das Mitleid gegenüber den Kranken, nehmt den Reichen das Mitleid gegenüber den Armen, ertötet das Mitleid in jedem Herzen! Was habt ihr getan? Ihr habt das Licht in Finsternis verwandelt. Treten wir dagegen in ein düsteres Kämmerlein, wo die Nacht und das Elend haust, sprechen wir menschenfreundlich Worte der Liebe und des Trostes, bringen wir reichliche Unterstützung, wie wird sich das Auge des Leidenden verklären, wie wird sich sein Angesicht erheitern! Geht in die Kranken- und Armenhäuser, die das Mitleid gegründet und erhalten hat! Wie viele Unglückliche finden dort Unterkunft und Verpflegung, so dass sie ohne Sorgen der Zukunft entgegensehen können! Wie gut werden sie verpflegt von barmherzigen Schwestern und Brüdern, wie mütterlich getröstet in ihren Schmerzen, wie sorgsam hingewiesen auf den duldenden Erlöser, der uns allen das schönste Vorbild des Mitleids und Erbarmens, wie der Geduld und Gottergebenheit geworden ist! Wie herrliche Blüten treibt das Mitleid!

 

2. Das Mitleid ist eine herzerquickende Tugend, sie gewährt Trost und Erquickung der leidenden Menschheit. Wie ein Engel des Himmels kommt das Mitleid und gießt Balsam in die Wunden und lindert den Schmerz. Das Mitleid kommt in die Hütte der Armut und bringt Speise und Trank, es wacht am Lager des Kranken, es spricht den Zagenden Mut ein und verschafft den Bedrängten Hilfe. Da verstummen die Klagen und die Tränen fließen nicht mehr. Wie fühlt sich der Traurige wunderbar getröstet, wenn man ihm seine Teilnahme zeigt und freundlich mit ihm redet. Wie fühlt sich der Verlassene erfreut, wenn man sich seiner annimmt. Wie wohl tut es dem Armen, wenn man ihm seine Not erleichtert. Tränen der Freude und des Dankes vergelten die gute Tat. Mein Freund, versuche es einmal selber, geh in die ärmliche Wohnung einer notleidenden Familie, die kaum den Hunger stillen und kaum die Blöße bedecken kann, teile ihr von deinem Überfluss mit und du wirst Freude aus den Herzen und Augen der Erfreuten locken. Das Mitleid entzückt auch den Himmel. Sagt doch der Herr: „Selig, wer des Armen und Dürftigen gedenkt, am Tag des Unglücks wird ihn der Herr erretten.“ (Ps 40) „Wer dem Armen gibt dem wird nichts mangeln.“ (Spr 27) Am Tag des Gerichtes wird der Allgerechte zu den Mitleidigen sprechen: „Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, besitzt das Reich, das euch seit Grundlegung der Welt bereitet worden ist, denn ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben“ usw. (Mt 26,34-41)

 

Wie schön, wie edel, wie herzerquickend erscheint doch in den Augen Gottes und der Menschen und Engel die Tugend des Mitleids. Übe diese Tugend! An Gelegenheit fehlt es dir zu keiner Zeit. Tröste und hilf, wo du kannst! Hast du nur wenig, so gib auch das Wenige mit freudigem Herzen! Und hättest du nichts zu schenken, so kannst du doch ein tröstliches Wort zu dem Betrübten sprechen. Jede Gabe des Mitleids fügt einen neuen Edelstein in die Krone. Mitleid und Barmherzigkeit öffnen dir das Himmelstor, wie es der Allwahrhaftige verheißen hat: „Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.“ Amen.