Memento mori

 

Das Beichtkind des Papstes

 

Ein Mann von hohem Stand, aber ein großer Sünder, fasste den Entschluss, sich zu bekehren. Er kam daher nach Rom und wollte den Trost haben, beim Papst selbst zu beichten. Der Papst hörte ihn an und wurde erbaut von der Genauigkeit seines Bekenntnisses, von seiner lebendigen Reue und seinen großmütigen Entschlüssen. Als er ihm aber eine Buße auferlegen wollte, wollte der Büßer keine annehmen, keine fand sich nach seinem Geschmack. Fasten! Dazu hatte er die Kräfte nicht. Lesen, beten! Dazu hatte er keine Zeit. Bußwerke verrichten! Das verstand er nicht. Sich in die Einsamkeit zurückziehen, eine Wallfahrt übernehmen! Er hatte Geschäfte. Wachen, auf hartem Boden schlafen! Seine Gesundheit erlaubte ihm das nicht. Und dazu kam noch ein anderer, allgemeiner Grund, den er nicht sagte: er war ein Mann von Stand! Was hatte also ein Mann von Stand zu tun? Der Papst gab ihm einen goldenen Ring, worauf die Worte geschrieben waren: „Memento mori! Gedenke, dass du sterben musst!“ Er legte ihm zur Buße auf, diesen Ring an seinem Finger zu tragen und die zwei Worte, die darauf geschrieben waren, täglich wenigstens einmal zu lesen.

Der Edelmann begab sich sehr zufrieden damit hinweg und wünschte sich zu einer so leichten Buße Glück. Aber diese zog alle übrigen nach sich. Der Gedanke an den Tod drang so stark und so glücklich in sein Inneres, dass er ihm aufs klarste zeigte, wie es mit ihm, einem sterblichen Menschen stehe. Und er sagte zu sich selbst: „Ach, weil ich denn doch sterben muss, was habe ich anderes zu tun auf der Welt, als mich auf einen guten Tod vorzubereiten? Wozu soll ich denn zu sehr meine Gesundheit schonen, die der Tod zerstören muss? Warum soll ich einen Körper so viel schonen, der in der Erde vermodern soll?“ Auf diese Betrachtung hin kam ihm jedes Bußwerk leicht vor. Er übernahm und behielt die Bußgesinnung standhaft bis an seinen Tod, der kostbar vor Gott, erbauend vor den Menschen und voll Trost für ihn war.

Ach, wenn wir doch dies Wort wohl erwägen würden: „Ich muss sterben!“ Wenn wir doch die richtigen und heilsamen Folgerungen ziehen wollten aus dem Wort: „Weil ich sterben muss!“ Wenn wir doch auf die Weisung ernstlich aufmerksam wären, die uns dies Wort: „Muss ich denn nicht sterben?“ an die Hand gibt!