Marionetten kommt von Maria

 

Marionetten haben das Herz von Königen und Königinnen, von arm und reich, von Weisen und Narren entzückt. Marionettenbühnen gab es an Straßenecken und in Palästen, in Theatern, Kirchen, Städten und Dörfern. Fast scheint es, als ob sie bereits seit Beginn der Welt existieren.

 

Im Mittelalter wurden Marionetten nicht zur Unterhaltung, sondern nur bei religiösen Zeremonien verwendet. Wir haben Gründe zu der Annahme, dass sie wie das Theater überhaupt zuerst in Kirchen auftauchten. Der Name Marionetten kommt von kleinen Muttergottesstatuen. Einige der Figuren waren wunderhübsch, und die Leute verglichen sie mit den kleinen Muttergottesfiguren in ihren Häusern. Allmählich wurde dieser Name, der wörtlich ja nichts anderes als „kleine Marien“ bedeutet, auf die Spielpuppen allgemein angewendet.

 

Doch gab es diese Spielfiguren lange vorher schon. Es ist möglich, dass die ersten in China aufkamen. Wir wissen jedenfalls, dass sie schon im alten Ägypten, in Rom und in Griechenland verwendet wurden. Das Sanskrit-Wort „sutrad hara“ für Theaterunternehmer bedeutet wörtlich „Fadenhalter“.

 

Puppen sind so alt wie die Menschen. Wahrscheinlich waren die ersten Marionetten Puppen, denen phantasievolle Väter bewegliche Glieder anfügten, um ihre Kinder damit zu belustigen. Puppen aus Terracotta mit beweglichen Armen und Beinen fand man jedenfalls in alten Gräbern überall in der Welt.

 

Einige Sachverständige nehmen an, die ersten Marionetten seien Götzenbilder gewesen, denn schon vor Tausenden von Jahren verfertigten kluge Mechaniker Figuren, die sich wie durch ein Wunder bewegten. Solche Götterstatuen konnten die Arme heben und senken, den Kopf bewegen und sogar die Augen öffnen und schließen.

 

Bewegliche Götterbilder in der einen oder anderen Form kannte man in vielen Ländern. Die klugen Chinesen verwendeten Quecksilber, um die Bewegungen damit zu erzielen. Bei anderen Völkern verwendete man zu diesem Zweck eine Waage, ein Uhrwerk, die Ausdehnung von Metall durch Hitze oder auch Fäden und Drähte. Die Konstruktion war oft so gut und die Ausführenden so geschickt, dass man die Bewegungen einem Wunder zuschrieb. Eine Beschreibung, die uns erhalten ist, schildert eine kleine Götterstatue auf einem Altar. Auf diesem Altar, der einen kleinen Wasserbehälter enthielt, wurde Feuer angezündet. Wenn das Wasser heiß genug war, wurde der Dampf durch eine enge Röhre geleitet, die mit einem Gefäß in der Hand des Götzen verbunden war. Die Gewalt des Dampfes hob das Gefäß und bewirkte so ein „wunderbares“ Brandopfer.

 

Ursprünglich waren die Puppen also nach Götzenbildern angefertigt, aber bald wurden sie für weltliche Spiele verwendet, die außerordentlich beliebt waren. Zunächst spielte man Legenden. Als sich aber das Spiel mehr und mehr verbesserte und größere Beliebtheit erlangte, parodierte man Tagesereignisse und lebende Personen, gewöhnlich den König und die Königin, die verhassten Steuereinnehmer u.a., mit ihnen.

 

So rasch wie die Puppenspiele sich die Städte eroberten, wurden sie zur Lieblingsunterhaltung aller Stände. Sie wurden ein Ausdruck der Stimme des Volkes, indem sie Missbräuche geißelten und Nachrichten verbreiteten.

 

Aber die Puppenspieler gaben sich nicht damit zufrieden, an einem Platz zu bleiben. Man kennt Anfänge des Wanderpuppenspiels in Java, Birma, Frankreich, Spanien, Deutschland, England, in der Türkei, in Japan, Persien und Indien. Die Sprache war kein Hindernis. Das Spiel wirkte durch seine Bewegungen und seinen Inhalt so vertraut, dass schon die bloßen Gesten verstanden wurden.

 

Wie die Marionetten in Tempeln entstanden, so wurden sie auch in Kirchen wiedergeboren. Heinrich Maundrell, ein mittelalterlicher Pilger, der das heilige Grab in Jerusalem besuchte, erzählt von einer Sammlung mechanischer Figuren, mit denen man die Leidensgeschichte Unseres Herrn von der Verurteilung bis zur Kreuzesabnahme darstellte. So erstaunlich es erscheinen mag, Maundrell erzählt, dass selbst so schwierige Einzelheiten wie die Annagelung ans Kreuz von Puppen ausgeführt wurden.

 

Die Marionettenspieler mussten beim Zeigen ihrer Wunderwerke vorsichtig sein, da sie leicht Gefahr liefen, angeklagt zu werden, mit dem Teufel im Bunde zu stehen. Einige wurden tatsächlich wegen Zauberei und Geisterbeschwörung verbrannt. Allmählich aber wurden die Verbote und Einschränkungen gemildert, und die Marionettenspiele wurden mehr und mehr zu einem Unterhaltungsmittel für das Volk.

 

In einer Zeit, in der es noch keine Zeitungen, kein Radio oder Fernsehen zur Übermittlung von Neuigkeiten gab, erwiesen sie sich als ideales Mittel der Nachrichtenverbreitung. Wo lebende Schauspieler nicht wagten, sich über die Großen der Welt lustig zu machen, konnten die Puppen es ohne Furcht tun. Wer wollte schon eine Holzfigur ernstnehmen? So wagte man nicht, diese beliebte Volksunterhaltung zu verbieten. Nur während der französischen Revolution mussten die Puppentheater schließen. Die wenigen tapferen Unternehmer, die es trotzdem wagten, weiterzuspielen und zu kritisieren, wurden eingesperrt oder gezwungen, nur zugelassene Stücke zu spielen.

 

Inzwischen hatte in England das Kasperle, hier Punch genannt, immer größere Beliebtheit errungen. Ursprünglich war es der Polichinelle, die französische Kasperlfigur, die wahrscheinlich mit Wilhelm dem Eroberer nach England kam. Mit der Zeit aber nahm sie rein englischen Charakter an.

 

Die orientalischen Länder waren ihren eigenen Weg in der Entwicklung dieser Kunst gegangen. Sie verfertigten ihre Figuren aus seltenen Hölzern, poliertem Elfenbein und Edelsteinen. Ihre größten Dichter schrieben die Texte.

 

Die Puppenkisten des Orients enthalten viele merkwürdige Überraschungen. Der Hauptunterschied gegenüber unseren Marionetten aber besteht im Temperament und der allgemeinen Auffassung des Spiels. Die orientalischen Puppen sind sanft, scheu, liebenswürdig und stellen selten Streiche an. Im Westen dagegen haben die Puppen eine Neigung dazu, grotesk, satirisch, realistisch zu sein und schlimme Streiche zu spielen.

 

Alle Marionetten und Puppen sind zweifellos verwandt. Sie unterscheiden sich nur in den nationalen Charakterzügen. Was die Zahl und Verschiedenheit anbelangt, so steht Italien an der Spitze. Man findet in jeder Provinz Puppen von anderer Form und Größe, genau so verschieden wie die Dialekte. Von der Puppenspielkunst Italiens zu der Frankreichs, Deutschlands, Spaniens und Englands ist nur ein kleiner Schritt. Die Marionetten, die anfangs nur religiöse Spiele aufführten, entwickelten sich bald zu Figuren in weltlichen Spielen, wie sie auch an Theatern gespielt wurden. Führende Dramatiker schrieben für die Puppenbühne und waren teils sogar selbst Puppenspieler.

 

Aber dieser Fortschritt hatte keinen Bestand. Die „Guignols“ oder Kasperle, wie die Handpuppen genannt wurden, sind zwar noch in Frankreich bekannt, werden aber nicht mehr von Künstlern hergestellt, und die Vorstellungen sind im Allgemeinen geradezu ärmlich. In anderen europäischen Ländern spielt man seit Jahrhunderten dieselben Stücke.

 

Mit dem europäischen Einwanderungsstrom kamen die Marionetten auch nach Amerika. Wahrscheinlich bestanden sie aber in der Neuen Welt bereits vor Ankunft des Weißen Mannes. Indianische Puppen, die ihre Glieder bewegen konnten, wurden bei religiösen Zeremonien und Stammestänzen verwendet. Das Kasperle und seine Kameraden waren die ersten Puppen, die aus der Alten Welt kamen. In Amerika erlaubte man aber nicht, wie in England an Straßenecken zu spielen. Die einwandernden deutschen Puppenspieler zeigten Geschicklichkeitstricks und Verzauberungsszenen, um Anklang beim Publikum zu finden. Aber das Volk wollte lieber rührende Volkssagen und Geschichten gespielt sehen.

 

Die italienischen Puppenspieler gingen anders zu Werk. Sie schlugen ihre Puppenbühnen unter ihren Landsleuten auf und spielten dort den berühmten „Rasenden Roland“, den man schon seit Jahrhunderten kannte, ohne auch nur eine Zeile zu ändern. Die Zuhörer erwarteten nichts anderes und hätten auch gegen jede Änderung protestiert. Und was am wichtigsten war, es gab keinerlei Sprachschwierigkeiten zu überwinden. Die Spiele waren in New York oder Chicago genau die gleichen wie in Palermo. Es fehlte nichts, weder die Bänke noch die leuchtenden Reklameschilder, noch der Klavierspieler.

 

Das ging so lange gut, bis das Kino als gefährliche Konkurrenz aufkam. Aber das Puppenspiel starb nicht aus. Es wartete seine Zeit ab, und heute strömt man überall wieder in seine Hallen. In Amerika gehen die Puppenspiele heute dank dem Fernsehen und den unermüdlichen Anstrengungen einiger weniger treuer Anhänger ununterbrochen weiter, und die Marionetten gehören zu den beliebtesten Kinderbelustigungen. Vielleicht wird sich auch noch eine Art Nationaltyp entwickeln, der sich würdig neben dem deutschen Kasperle, dem französischen Guignol, dem englischen Punch, dem italienischen Larifari und dem türkischen Karagöz sehen lassen kann.

 

(Aus „Remo Bufano´s Book of Poppetry“ – Remo Bufanos Buch über Puppenspiele, Verlag McMillan Co. New York 1950)