Der Marienmonat Mai

 

Die Maiandacht

 

Wie bei der Betrachtung aller großen Werke Gottes so wird uns auch bei einem Blick auf die Entwicklungsgeschichte der Maiandacht unwillkürlich die Parabel vom Senfkörnlein in Erinnerung gerufen.

 

Bekanntlich ist das Senfkorn eines der kleinsten Körner im Landbau des Morgenlandes, so klein, dass seine Winzigkeit sprichwörtlich gewesen zu sein scheint. (Lk 17,6) Vertraut man aber dieses verschwindende Wesen dem fruchtbaren Schoß der Erde an, dann keimt es und entwickelt sich. Das junge Pflänzchen treibt unter dem wohltuenden Einfluss der Sonnenstrahlen alsbald Blätter und Blüten, wächst und erstarkt immer mehr und mehr, so dass selbst die größten Kräuter von ihm überragt werden. Schließlich ausgewachsen, gleicht es einem Baum, in dessen Zweigen die Vögel des Himmels ihre Wohnung aufschlagen. (Mt 13,31; Mk 4,30f; Lk 13,18f)

 

Auch die ersten Anfänge der Maiandacht waren so überaus klein und unscheinbar, dass es dem Geschichtsschreiber fast unmöglich ist, sie aufzuspüren. Aus einem alten Büchlein ersehen wir nur, dass die Andacht im Schoß der christlichen Familie ihre erste Pflege fand. Unter dem mächtigen Einfluss der göttlichen Gnadensonne gedieh aber das junge Pflänzchen in diesem fruchtbaren Erdreich ganz vortrefflich. Seine Wurzeln schlagen immer weiter und weiter. Der zarte Stängel wurde zum Stamm. Der Stamm trieb Äste und die Äste breiteten sich aus in tausendfältige Zweige. So wurde die Maiandacht schon bald in zahlreichen katholischen Erziehungseinrichtungen und marianischen Kongregationen Italiens heimisch. Hier erstarkte die bereits kräftige Pflanze in einer solchen Weise, dass auch die übrigen Kinder der Kirche auf den Wunderbaum aufmerksam wurden und ihn gleich den Vögeln des Himmels aufsuchten, um seinen wohltuenden, erquickenden Schatten sowie seine süßen, erfrischenden Früchte zu genießen.

 

Ein Baum sprosste alsbald auf neben dem andern. Ein Land nach dem andern gewann die sinnige Andacht lieb. Und so ist die Maiandacht heute eine der großen Kirchenandachten, jener herrlichen Wälder im irdischen Reich Gottes, um die uns viele Außenstehende beneiden.

 

Ja, wie öde und eintönig wäre nicht unser kirchliches Leben ohne all die vielfältigen Andachten. Darum sind diese auch ausnahmslos von den wahren Kindern der Kirche so geschätzt und gesucht, nicht nur als geistliche Gesundkur, sondern auch als Erholungsheim nach des Lebens Mühen und Beschwerden. Eben deshalb ist es aber auch für ein gesundes, kirchliches Leben von der allergrößten Bedeutung, dass diese Pflanzungen immer weitere Ausdehnung erlangen, da hingegen, wo sie bereits bestehen, die sorgsamste und liebevollste Pflege finden.

 

Wie bereits vor 300 Jahren die Maiandacht im christlichen Familienheiligtum begangen wurde, erzählt kurz und bündig das älteste bisher bekannte Maibüchlein. Es trägt den Titel: „Marienmonat oder Maimonat, der seligen Jungfrau Maria gewidmet. Verschiedene Tugendblüten für das Haus, für Familienväter, Klöster, Werkstätten usw.“ und wurde um das Jahr 1724 zu Parma in Italien zum ersten Mal gedruckt. Verfasser ist der Jesuitenpater Annibale Donese oder Dionisi, wie er sich bisweilen zu nennen pflegt. – Wie schon aus dem Titel ersichtlich ist, , will das Werkchen vorzüglich zur frommen Feier des Maimonates in der christlichen Familie anleiten. Darauf zielen auch die äußerst praktischen Unterweisungen der Einleitung.

 

„Im eigenen Haus“, so führt der erfahrene Seelenführer u.a. aus, „und zwar in jenem Zimmer, in dem sich die Familienangehörigen zusammenzufinden pflegen, schmückt man am Vorabend des ersten Mai das Bild der seligsten Jungfrau. Man errichtet ein Altärchen und ziert es nach bestem Vermögen, z.B. mit Kerzen und Blumensträußen. Ein Gleiches dürfte mit Nutzen in jenen Räumlichkeiten geschehen, in welchen man studiert, arbeitet und sich erholt, um auf diese Weise jene Orte zu heiligen und unsere Handlungen, die so gleichsam unter den Augen der seligsten Jungfrau vor sich gehen, immer besser zu verrichten.

 

Am Abend des letzten April versammle sich die Familie vor dem so hergerichteten Altärchen, zünde die Kerzen an und bete den Rosenkranz, ganz oder zum Teil. Auf keinen Fall lasse man jedoch die lauretanische Litanei ausfallen. Je nachdem es in der Familie Brauch ist oder deren Anliegen dies verlangen, können auch andere Gebete beigefügt werden. Jedoch achte man darauf, deren Zahl nicht allzu sehr zu vermehren, die Andacht hingegen zu vermindern, sei es dadurch, dass die Gebete zu schnell hergesagt werden, sei es, dass die Beter ermüdet werden. Dies gilt besonders von Kindern und schon sehr in Anspruch genommenen Bediensteten.“ Schließlich „lese man die für den folgenden Tag angegebenen 3 Betrachtungspunkte nebst dem darauf folgenden Beispiel ... Dies geschehe an jedem der nun folgenden Tage.“

 

Zum Schluss gibt der Verfasser noch etliche Winke, um recht großen Nutzen aus der Maiandacht zu ziehen. „Jede Woche oder mindestens alle 14 Tage empfange man mit der größtmöglichen Andacht die hl. Sakramente der Buße und des Altares ... Den ganzen Monat hindurch betrage man sich als ein wahres Kind Mariens und tue nichts, was ihren reinsten Augen missfallen könnte.“

 

Zwar hat sich, wie gesagt, die Maiandacht seit dieser Zeit zu einer unserer großen kirchlichen Andachten emporgeschwungen, nichtsdestoweniger erfreut sie sich auch jetzt noch als Hausandacht großer Beliebtheit und Wertschätzung, ein untrügliches Zeichen, dass P. Doneses praktische Anweisungen nicht auf unfruchtbares Erdreich gefallen waren.

Besuchen wir im Maimonat nur einmal eine jener alten, katholischen Familien, in denen der Glaube an Christus und die Hochschätzung seiner heiligen Mutter so recht tief eingewurzelt sind. Ohne Zweifel fesselt im Wohnzimmer ein kleines, schönes Marienaltärchen bald unsere Aufmerksamkeit. Hiervor versammeln Eltern, Kinder und andere Familienmitglieder sich in später Abendstunde, um der Königin des Maies den Tribut ihrer Verehrung und Liebe zu zollen. Die einfache Wohnstube wird so zum Heiligtum geweiht. Das schlichte Madonnenbild, vielleicht ein kostbares Erbstück, vor dem schon manche Ahnen gekniet und gebetet haben, stimmt im ruhigen Glanz der wenigen Kerzen und in dem gefälligen Schmuck der frischen Feldblumen nicht weniger andächtig als der künstlerisch gezierte Maialtar im Haus Gottes.

 

„Unter deinen Schutz und Schirm“ fängt die Mutter des Hauses an und sofort stimmen alle ein: „fliehen wir, heilige Gottesmutter. Verschmähe nicht unser Gebet in unseren Nöten, sondern errette uns jederzeit aus allen Gefahren, o du glorwürdige und gebenedeite Jungfrau, unsere Frau, unsere Mittlerin, unsere Fürsprecherin. Führe uns zu deinem Sohne, empfiehl uns deinem Sohne, stelle uns vor deinem Sohne.“ Hierauf betet man gern einen Teil des Rosenkranzes samt der Lauretanischen Litanei, diesem herrlichen Lobeshymnus auf die reinste Jungfrau. Auch hält man vielfach eine kleine Lesung aus einem der bekannten Maibüchlein oder aus einem anderen frommen Werk. Zum Schluss preist der kleine Hauschor die Maienkönigin mit einem jener innigen Mailieder, um die andere Nationen uns mit Recht beneiden.

 

So ist es in allen echt katholischen Familien althergebrachte Sitte. So war es auch der große Hermann von Mallinckrodt gewöhnt. „Im Monat Mariä“, so schreibt sein Biograph, „war tägliche Maiandacht Mochte die Familie sein, wo sie wollte, nie wurde diese Sitte unterlassen. War Mallinckrodt zu Hause, so nahm er auch kniend an diesen Übungen teil, während Else (seine Frau) vorbetete.“

 

In katholischen Gegenden begegnet das Auge nicht selten auch in den Geschäfts- und Arbeitsräumen, sowie an der Häuserfassade Madonnenbildern, die fromme Hände im Maimonat sinnig mit Girlanden und Blumensträußen schmücken. Und oft verklärt der milde Schimmer einer stillscheinenden Laterne das Antlitz der „schönsten aller Frauen“.

Marienverehrung, Maiandacht ist jedoch mehr als das Hersagen gewisser Gebete, die man in diesem Monat zu verrichten pflegt. Sie ist mehr als die Schmückung der Bilder Mariens, worin man sich gegenseitig zu überbieten sucht. Sie ist mehr als die Lobgesänge, die zu Ehren der Hochgebenedeiten erklingen. Sie ist mehr als die andächtige Betrachtung der Vorzüge unserer Herrin. Alle diese religiösen Übungen sind nur der notwendige Ausdruck innerer Verehrung. Und wenn es damit recht ernst gemeint ist, bei dem werden Hochachtung, Vertrauen und Liebe zur Gottesmutter das tätige Verlangen und den ernsten Willen erzeugen, sorgfältig alles das zu meiden, was ihrem Mutterauge missfallen könnte, und großmütig alles das zu tun, was ihr Mutterherz erfreut.

 

Hauptziel dieser schönen Andacht ist deshalb und in erster Linie die Selbstbesserung und Selbstvervollkommnung nach dem wunderbaren Vorbild, das Gott uns in Maria vor Augen gestellt hat.

 

Handelt es sich indes um die Ablegung von Fehlern und die Übung solider Tugenden, dann bleibt der Alltagsmensch nur gar zu leicht bei dem allgemeinen Vorsatz stehen. Er geht nicht näher aufs einzelne ein und bestimmt nicht genauer, welche Opfer er bringen soll, welche Mittel er anwenden muss. Dies ist eine alte Erfahrung. Dass auf diese Weise das Samenkorn auch des besten Vorsatzes nie sprießt und Früchte trägt, liegt auf der Hand. Mangeln ihm ja die Hauptbedingungen, um seine Keimkraft in Tätigkeit zu setzen, nämlich ein fruchtbares Erdreich, Licht und Feuchtigkeit.

 

Um dem vorzubeugen, verband man mit der Maiandacht schon sehr früh die unscheinbare, aber überaus wichtige und segensreiche Praxis der „Marienblüten“. So nennt man nämlich die guten Vorsätze, die auf einen Zettel geschrieben und dann gleich frischen Knospen und Blüten der Maienkönigin geweiht werden. Vielfach schreibt man auch gleich die guten Werke und Opfer, die man bereits verrichtet hat, auf und legt sie zu Mariens Füßen nieder.

So mancher mag es vielleicht als Kleinigkeitskrämerei betrachten, dass gerade die Verfasser der ältesten Maibüchlein mit P. Donese an der Spitze diesem Brauch so viel Bedeutung beimessen und so große Beachtung schenken. Indes diese Männer krankten nicht an der Kurzsichtigkeit und Kritisiersucht unserer Zeit. Sie besaßen in Wahrheit einen weitschauenden Blick und eine große Welterfahrung. Sie waren eben im eigentlichen Sinn des Wortes „Geistesmänner“.

 

Deshalb dürfen wir die „Marienblüten“ nicht geringschätzen. Sie sind eine ebenso praktische als segensreiche Einrichtung und bereiten dem Herzen der Maienkönigin sicher weit größere Freude als all die herrlichen Blütensträuße und Blumengebinde, die alles entzücken, aber bereits morgen dahinwelken.

 

Tun wir also alles, was in unseren Kräften steht, um den Monat Mariens auch im Heiligtum der Familie recht feierlich zu begehen. Mariens Mutterauge dringt selbst in das dunkelste Dachkämmerlein, in dem eine müde Mutter ganz unbemerkt ihre Maiandacht hält, und ihr Ohr überhört nicht das stille „Ave“ oder „Gedenke“, das ein armer Arbeiter ihr als letzten Abendgruß aus seinem bescheidenen Heim entgegensendet. Welch schöne Freude aber muss es erst der Himmelskönigin bereiten, wenn sie am Abend alle beisammen sieht: Vater und Mutter, Kinder und Freunde, um Maiandacht zu halten. Wenn sie hört, wie alle ohne Ausnahme sämtliche Arbeiten, Mühen und Leiden ihr und ihrem göttlichen Sohn aufopfern und heilig versprechen, ihr zu Ehren den Monat hindurch ihr Tagewerk ganz besonders gut verrichten. Muss Maria über eine solche Familie nicht mit wahrer Genugtuung segnend und schützend ihren Mantel breiten?

 

Vor allem heißt es im Maimonat recht treu und sorgsam unsere Pflichten nach Mariens Vorbild erfüllen. In welchen Lebensverhältnissen wir auch sein mögen, in dem Leben der bescheidenen Jungfrau von Nazareth finden wir alles, was uns zu tun ansteht und wessen wir bedürfen. „Nichts sehen die Heiligen lieber, als wenn ihre guten Werke und Tugenden in uns wieder erstehen und so eine Nachfrucht der Freude für sie ansetzen.“