Maria in tausend Bildern - Warum so viele verschiedene Bildnisse Unserer Lieben Frau?

 

Was hat es eigentlich für einen Sinn, dass wir Katholiken so viele verschiedene Bilder Unserer Lieben Frau verehren? Es gibt doch nur eine Liebe Frau, Maria von Nazareth, und sie ist überall dieselbe!

 

Das ist richtig. Aber warum werden z.B. von der Weltreise der Königin Elisabeth so zahlreiche Fotos und Reportagen veröffentlicht? Warum wurden von Königin Wilhelmine, Königin Juliane oder Königin Astrid so viele Bücher mit einer Unmenge Fotos herausgegeben: von ihrer Jugend, ihrer Verlobung und ihrer Ehe, ihrem ersten Mutterglück, ihrer Anteilnahme bei nationalen Festen und nationalen Katastrophen, ihren Besuchen in Waisenhäusern, Invaliden- und Altersheimen usw.? Und warum hebt ein Kind zahlreiche Fotos seiner Mutter aus allen Lebensabschnitten auf? Ganz einfach: weil man möglichst alle Erinnerungen an die verschiedenen Lebensalter und die wechselnden Äußerungen der stets gleichbleibenden Güte und Fürsorge einer allen teuren Königin und Mutter bewahren will. Echte Liebe und Verehrung hören nie auf, Erinnerungen zu bewahren und so viele Eindrücke wie nur möglich festzuhalten. Ist es also wirklich so abwegig, dass das katholische Volk von seiner glorreichen und unendlich anziehenden Himmelskönigin, seiner über alles geliebten himmlischen Mutter zahlreiche Darstellungen verehrt und bewundert?

 

Jedes neue Bild und jede neue Darstellung lassen die unerschöpfliche Macht und Erhabenheit, die endlos sorgende Güte, das vorbehaltlose Erbarmen und die überirdische Anziehungskraft Mariens erneut deutlich werden. Man könnte ebenso gut fragen: Warum so viele verschiedene Titel für Maria in der Lauretanischen Litanei? Und warum so viele Marienfeste im liturgischen Kalender, zu denen zusätzlich noch Feste der Diözesen, Orden und Kongregationen kommen? Maria, die für uns Gottes Mutter ist, ist wirklich und vollständig auch unsere Mutter. Daher das so tief katholische mittelalterliche Wort: „De Maria nunquam satis“ (von Maria nie genug). Und daher auch die große Zahl der verehrten Abbildungen Unserer Lieben Frau für den gläubigen Katholiken, die uns Reichtum und Gewinn bedeuten.

 

Maria hat ihren Kindern im Laufe der Jahrhunderte in vielen Ländern, an vielen Orten und in vielen Nöten und Gefahren Hilfe und Trost, Rat und wunderbare Heilung gewährt, wenn sie vor einem bestimmten Bildnis oder unter einem bestimmten Titel vertrauensvoll angerufen wurde – oft aber auch ungefragt; denn der Anfang so mancher Verehrung ist von ihrer spontanen Initiative und mütterlichen Zuneigung ausgegangen. Immer wieder hat sie sich der seelischen oder körperlichen Not ihrer Kinder erbarmt. Daher die Gnadenbilder der verschiedensten Orte, Gegenden und Länder in tausenderlei äußeren Formen.

 

Für die Marienerscheinungen vor einem oder wenigen Bevorrechteten gilt das Wort: „Ihr Antlitz erstrahlt einem, ihre Liebe strahlt auf alle.“ Es gilt genauso für die Gunsterweise, die Maria an den Gnadenorten sichtbar zuteilwerden lässt. Sie sind Beweise ihrer Liebe zu all ihren Kindern, auch denen, die nicht sichtbar gesegnet werden oder nicht in der Lage sind, einen Gnadenort zu besuchen. Die Vielzahl der Bilder kann uns die Unbegrenztheit der Liebe und Fürsorge der Mutter nahebringen, welcher der Vater die Sorge für seine Kinder anvertraut hat. Liebevoll passt Maria sich den Bedürfnissen und Umständen an, so dass man gerade von ihr sagen kann, was für jede Mutter gilt: „Sic tota singulis, quam tota omnibus“ (sie ist ebenso für jeden einzelnen wie für alle da).

 

Von dieser Unermesslichkeit und Unteilbarkeit von Marias Mutterherzen sind die vielen Bilder Unserer Lieben Frau der sprechende Beweis. Und da der Hl. Vater (Papst Pius XII.) in seiner Enzyklika „Fulgens Corona“ vorsieht, dass die Gläubigen in großer Zahl bei den Marienheiligtümern zusammenkommen sollen und die Diözesen zahlreiche Gnadenorte besitzen, ist es klar, dass die Verehrung der verschiedensten Bilder Unserer Lieben Frau echt katholischem Sinn entspricht.

 

Aber wenn wir die Geschichte der Marienverehrung untersuchen, wie sie im Entstehen der zahllosen Gnadenorte zum Ausdruck kommt, dann steigt die Frage auf: Sind auch wir noch so einfach und kindlich gläubig wie unsere Vorfahren? Und sind unser Glaubensleben und unser Vertrauen noch so groß, dass sie gewisser maßen für Maria die unwiderstehliche Aufforderung bilden, auch uns mit den Zeichen ihrer Mutterliebe zu überhäufen?

 

J. de Vreese S.J.

aus „De Bode van het heilig Hart“

abgedruckt in „Katholiek Vizier“

Amsterdam 1954