Der Marien-Dom zu Mailand

 

Die größte Marienkirche der Welt

 

ist der Dom zu Mailand, aus schneeweißem Marmor erbaut.

 

Feenhaft steigt er empor, der ungeheure Bau, in dem ein ganzes Gebirge von Marmor verbaut zu sein scheint. Und doch ist nichts Drückendes an ihm zu sehen. Riesig in seiner Gesamtheit steht er da, duftigleicht in seinen einzelnen Teilen. Überall ist die breite Fläche durchbrochen, überall tritt ein Drang hervor, die schweren Massen zu entlasten und in luftige Höhen zu heben.

 

Dieser Dom ist, im gotischen Stil erbaut, nach der Peterskirche in Rom und der 1889 zum Teil eingestürzten Kathedrale zu Sevilla die größte Kirche in Europa. Mit Stolz nennen ihn die Mailänder das achte Weltwunder. Wie die Inschrift an der Vorderseite lautet und das vier Meter hohe Standbild aus vergoldetem Kupfer auf der Spitze des Turmes über der Kuppel andeutet, ist er gewiss „Mariae nascenti“ d.h. „zu Ehren Mariä Geburt“. Breite Marmorstufen führen zu den fünf Portalen der Fassade hinauf.

 

Dem Grundplan nach ist der Dom eine kreuzförmige Basilika mit fünfschiffigem Langhaus und dreischiffigem Querhaus. Der Flächeninhalt im Inneren beträgt – ohne Pfeiler – nicht weniger als 8406 Quadrat-Meter, also 2240 Meter mehr als der Flächeninhalt des Kölner Domes. Das Innere ist 145,5 Meter lang, 56,8 Meter breit. Das Mittelschiff hat eine Höhe von 48 Meter, eine Breite von 16,6 Meter, die inneren Seitenschiffe sind 34 Meter hoch, 10 Meter breit, die äußeren 27 Meter hoch. Die Kuppel ist 68 Meter, der Turm über ihr 108 Meter hoch. – Der Dom fasst 37.000 Menschen.

 

Von den 52 enggestellten Pfeilern, die die Wölbung tragen, hat jeder einen Umfang von 16 Schritten (Ein Schritt als Maßeinheit ist etwas mehr als 74 cm. Im deutschsprachigen Raum entsprach der Schritt meistens zwischen 71 und 75 Zentimetern). Ein Kranz von Tabernakelnischen mit Statuen vertritt an jedem der Stelle des Kapitäls. Der Fußboden besteht ganz aus Marmor-Mosaik. Das Gewölbe ist so gemalt, als ob es zierlich durchbrochene Steinarbeit wäre.

 

Eingetreten zwischen zwei kolossalen Säulen-Monolithen aus rotem Granit am inneren Hauptportal schreitet man über ein gelbes Messingband im Fußboden hinweg; dies ist der Meridian (Mittags-Kreis) - 45,5° n.Br. - der hier durch den Dom läuft und im Jahr 1786 im Marmorboden bezeichnet wurde. Dann treten uns stolze Grabdenkmäler entgegen; Statuen und Gemälde drängen sich an jedem Altar.

 

Berühmt ist der siebenarmige Bronzeleuchter, der aus dem 13, Jahrhundert stammen soll und im Jahr 1562 dem Dom geschenkt wurde. Wie die verschlungenen Äste eines Baumes winden sich die dunklen Arme des Leuchters aus dem mächtigen Stamm, den kämpfende Tiergestalten umklammern.

 

Unter der Kuppel befindet sich die unterirdische, an Gold und Juwelen reiche Kapelle des heiligen Karl Borromäus. Der Sarg, in dem die Gebeine des Heiligen ruhen, ist von lauterem Gold: ein Geschenk des Königs Philipp IV. von Spanien.

 

Den Chor schließt ein niedriger Umgang ab. Unter dem Chor ist eine schöne Krypta, aber in unpassendem Renaissance-Stil mit überreicher Stuckarbeit bekleidet.

 

Erhaben ist das Innere des Mailänder Domes. Aber überwältigend wird der Eindruck, wenn man die Hunderte von Marmorstufen erstiegen hat und auf dem Dach des ungeheuren Bauwerkes steht, in Mitte von 98 gotischen Fialentürmchen aus Marmor. Aber noch höher geht es hinaus – bis zur höchsten Galerie des Turmes über der Kuppel. Märchenhaft wirken hier die Marmorbilder, die tausendfältig die Pfeiler überragen. In weiter Ferne aber steht die unabsehbare blaue Alpenkette auf, aus der die Bergesriesen, der Monte Viso, der Monte-Cenis, der Montblanc, St. Gotthard, das Matterhorn, leuchtend im Sonnenglanz herübergrüßen. Im Süden dagegen erscheinen die Apenninen in blauem Duft.

Die Anzahl der Statuen des Domes beträgt an 6000. Die, die die Außenseite des Domes schmücken, belaufen sich ungefähr auf 2000. Darunter das berühmte Standbild der Eva und drei Meisterwerke Canovas.

 

Stundenlang kann man auf der breiten Plattform des Daches, in diesem Wald von Marmortürmchen wandeln, und immer bietet sich neues zum Betrachten dar: verschlungene Blumen und Blätterwerk, Drachenhäupter als Wasserspeier. Alles aus blendendem Gestein, alles stumm und doch so beredt!

 

Der prachtliebende Giovanni Galeazzo Visconti hatte im Jahr 1386 den Bau begonnen, der aber nur langsam emporstieg. Die Uneinigkeit zwischen den italienischen und nordischen (französischen und deutschen) Bauführern und Meistern hemmte das Werk. Die ursprüngliche Anlage war gotisch, wurde aber von den lombardischen Baumeistern verlassen und teils dem Renaissancestil , teils einer überreichen Ornamentik geopfert und jeder der späteren Baumeister baute nicht nach dem ursprünglichen Plan, sondern nach Willkür, so dass leider der künstlerische Wert dieses Baudenkmales viel geringer ist, als die Wirkung des gewaltigen Marmorprachtbaus auf den Laien in der Baukunst. Am Ende des 15. Jahrhunderts leiteten Francesco di Giorgio aus Siena und Giovanni Antonio Omodeo den Bau. Ersterer baute die Kuppel. Im Jahr 1805 ließ Napoleon I. den Dombau wieder aufnehmen und namentlich den Turm über der Kuppel errichten.

 

In der neueren Zeit hat man die niedrigen schmutzigen Häuser, die bis an die glänzend weißen Wände des Prachtbaus gerückt waren, entfernt, hat für eine würdige Umgebung gesorgt und weithin freien Raum geschaffen, so dass sich jetzt der volle Anblick herrlich darbietet, wie auch in weiter Ferne bis zu den Bergen der Schweiz und Tirols das kunstvolle Marmorgebirge des größten Marientempels der Welt einen wunderbaren Anblick gewährt.