Ein Marianisches Reich: Äthiopien

 

Die äthiopische Kirche, die dem koptischen Ritus angehört, trägt einen ganz eigenartigen Charakter. In ihr ist noch vieles von der alttestamentlichen Gesetzlichkeit und dem altjüdischen religiösen Brauchtum erhalten geblieben. Vielleicht liegt es an der besonderen Geschichte dieses Landes, die bis ins 9. Jahrhundert vor Christus zurückgeht. Auch war Äthiopien das einzige Land Afrikas, das nie unter die europäische Kolonialherrschaft gefallen war. Leider folgten auf die 1974 gestürzte Monarchie eine kommunistische Militärdiktatur, Kämpfe zwischen Rebellengruppen und Bürgerkrieg. So bestand, bevor Kommunisten und Verbrecher dieses gesegnete Land auslaugten und zerstörten, bis ins 20. Jahrhundert hinein neben dem Sonntag noch der Sabbat, die Priester bildeten eine halberbliche Kaste, man kannte noch die Beschneidung usw. Wenn der hl. Franziskus, um das religiöse Leben neu zu entfachen, das Ordensideal in die Laienwelt trug, so griff die äthiopische Kirche noch höher und trug das Priestertum selbst ins Volk. Es wurden noch vor wenigen Jahrzehnten sehr zahlreiche Priester und noch mehr Diakone geweiht, oft zu Hunderten, die allerdings ohne jede theologische Bildung blieben. Bildung erhielten die Kirchensänger und Lehrer. Doch war die äthiopische Kirche ab der Mitte des 20. Jahrhunderts bestrebt, einen gebildeten Klerus heranzuziehen. In Gondar, Goggian, Wadle bestanden Diakonatsschulen, die den schönen Namen „Felghe Hiwet“ (Fluss des Lebens) trugen, in denen 1955 47.000 junge Männer sich unter der Anleitung von 900 Lehrern dem Bibelstudium, der Erlernung der Liturgie und des Kirchengesanges widmeten. Das Mönchtum stand in hoher Blüte. Es hat sich nach zwei Seiten hin, nach dem Einsiedlertum und dem Klosterleben, entwickelt. Die Einsiedler lebten abseits der Welt, mit der sie jede Berührung vermieden. „Lehrmönche“ besorgten den religiösen Unterricht. Andere gaben sich, neben ihren Mönchpflichten, mit der Seelenführung ab. Die zweite Richtung pflegte das eigentliche Klosterleben unter der Führung eines Abtes, „Abe-Meniet“, der höchste und unumschränkte Gewalt über die geistlichen und weltlichen Dinge des Klosters und aller Kirchen seines Gebietes ausübte. In Äthiopien gab es nach der italienischen Volkszählung (Während des Zweiten Weltkrieges war Äthiopien etwa 5 Jahre lang von dem damals faschistischen Königreich Italien besetzt.) 4 Millionen Christen des koptischen Ritus. Katholiken gab es 30.000 des koptischen und ebenso viele des lateinischen Ritus, die alle einem Apostolischen Präfekten unterstanden. Die liturgische Sprache der Kopten war das Geez, doch brach dann mehr und mehr die Landessprache durch.

 

Das eigentliche Merkmal der äthiopischen Kirche war und ist ihre marianische Prägung. Als Marienverehrer stehen die Äthiopier an der Spitze der gesamten Christenheit. Ihr Leben trägt in seiner ganzen Breite und Tiefe einen wunderbaren marianischen Schimmer. Ihr Kirchenjahr zählt über 50 Marienfeste, alles gebotene Feiertage. Alles wird bei diesen Menschen Anlass zu einem tiefsinnigen Marienfest: die Jahreszeiten mit Aussaat und Ernte, denn Maria brachte uns das Brot des Lebens; die Schafschur, denn sie verlieh dem Lamm Gottes die Wolle, d.h. den menschlichen Leib. Das Familienleben und das gesellschaftliche Leben geben Anlass zu Muttergottesfesten. Ja, sogar das Nationalfest wurde, bis das satanische kommunistische Regime kam, als Muttergottesfest begangen. Bei einer Volkszählung ließ der Negus Zar a Jacob (1399-1468) den Gezählten den Namen „Marienkind“ auf den Arm einbrennen, damit man wisse, dass sie Äthiopier seien. Dieser Brauch hatte sich bei den Soldaten bis 1974 und darüber hinaus erhalten, auf dass man sie unter den Gefallenen als Christen erkenne. Um ihre Marienverehrung zu schildern, müsste man von den Pilgerscharen erzählen, die jedes Jahr nach Aksum wanderten, weil die Muttergottes hier einmal ihren Fuß auf die Erde gesetzt haben soll. Aksum liegt zwischen 2000 und 3000 m hoch im nördlichen Äthiopien, ca. 1000 km von Adis Abeba und 62 km von der Grenze zu Eritrea entfernt. Im Marienheiligtum (Kirche der heiligen Maria von Zion) wird nach alter Tradition die Bundeslade aufbewahrt. Im Jahr 1949 besuchte die Madonna von Fatima Afrika. Der freudigste Empfang wurde ihr in Äthiopien bereitet. Da gab es keine Trennung mehr, mit demselben Jubel zog sie als Königin in die Tempel der getrennten Brüder und Schwestern ein.

 

Die Marienverehrung der Äthiopier ist zwar stark gefühlsbetont, bleibt aber nicht in der Gefühlswelt stecken. Sie zeichnet sich im Gegenteil dadurch aus, dass die organische Stellung Marias in der Heilsgeschichte und im Leben jedes Einzelnen lebendig wird. Nie werden Mutter und Sohn getrennt. Dies kommt auch im Kirchenjahr zum Ausdruck, indem jedes Herrenfest mit einem Muttergottesfest eigeleitet oder beschlossen wird.

 

Dass aus einer solchen Marienverehrung eine besonders schöne Mariologie hervorgehen musste, ist einleuchtend. Obwohl vom Gedankenfluss der übrigen Welt praktisch abgeschnitten, haben die Äthiopier Erkenntnisse zu Tage gefördert, die bei uns erst heute zum Durchbruch gelangen. Vor allem lassen sie jenen Grundgedanken erstrahlen, um den es bei der Marienverehrung geht, den Weg zu Christus dem Herrn und den Weg seiner Gnade zu uns. Es genügt, auf ein Werk hinzuweisen, das auf Veranlassen des erwähnten Negus Zar a Jacob um das Jahr 1440 von einem Mönch verfasst wurde: die „Äthiopische Marienharfe“. Hier haben theologischer Höhenflug, mystische Glut, kristallene Gedankenschärfe, dichterischer Schwung, Symbolkraft und ungeahnter Bilderreichtum ein Werk geschaffen, das eine Krone aller Mariendichtung darstellt. Mit ihm kann nur der Akathistos-Hymnus der griechischen Kirche in Wettstreit treten.

 

Es ist kaum zu fassen, dass ein Werk von solcher Genialität und dichterischen Schönheit der westlichen Welt weitestgehend unbekannt bleiben konnte. In diesem Gesang schreitet Maria als Gottesmutter, mit allen Mysterien, die unter diesem Geheimnis verborgen sind, als Königin der Schöpfung, als Fürbitterin und Mittlerin, als Krone der Heiligen durch die Heilsgeschichte der Menschheit und des Menschen. Mit allen ihren Eigenschaften, die in einer grandiosen Bildersprache und mit theologischer Prägnanz uns nahegebracht werden. Sie greift hinein in die Fülle unseres Lebens bis in die intimsten Geschehnisse.

 

In einer solchen Welt lebte und lebt in kleinen Teilen heute noch das äthiopische Volk, wenn auch verstrickt in moralische und soziale Unzulänglichkeiten und unbewusst des großartigen Gedankens, für den es Zeugnis ablegt.

 

Wenn irgendwo in der weltweiten Kirche das neue Fest, das Maria zur Königin erhebt, im Herzen des Volkes Widerhall findet, dann im fernen Ophir, dem Goldland, das um die Würde der Kronen weiß.