Müßiggang

Der Unzufriedene - von Ludwig Knaus

 

„Der Mensch ist zur Arbeit geboren, wie der Vogel zum Fliegen.“ „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.“ An dieses Wort in der Heiligen Schrift erinnern uns besonders die Heiligen, die mit ihren Werkzeugen, als Denkmäler ihres Fleißes und ihrer geschäftigen Hände, dargestellt werden. Leider huldigen in unseren Tagen viele Menschen dem Müßiggang, der ein leiblicher und ein geistiger sein kann.

 

1. „Der Müßiggang ist aller Laster Anfang“, sagt das Sprichwort mit vollem Recht. Der Mensch will einmal beschäftigt sein. Führt er nichts Gutes aus, so sinnt er auf Böses, wie die Geschichte und Erfahrung in unzähligen Beispielen lehrt. Solange David tätig war, blieb er keusch, als er aber müßig zu Hause verweilte, wurde er ein Wollüstling und Mörder. Solange Samson mit den Philistern kämpfte, war er unbesiegt, aber als er sich müßig im Haus der Dalila aufhielt und der Sinnlichkeit frönte, wurde er gefangen und geblendet. Solange sich Salomo mit dem Tempelbau beschäftigte, führte er ein keusches Leben, als er sich aber dem Müßiggang ergab, fiel er in Gottlosigkeit und Abgötterei. Deshalb verbanden die Väter der Wüste mit ihren Andachtsübungen die Handarbeit, nicht so sehr des Verdienstes wegen, als um den Geist vor gefährlichen Versuchungen zu beschützen. Der heilige Abt Paulus verfertigte täglich eine bestimmte Arbeit aus gesammelten Palmblättern. Wenn er im Verlauf des Jahres seine Höhle mit derartigen Arbeiten angefüllt hatte, und nicht verwerten konnte, dann verbrannte er sie insgesamt, damit ihn nicht der Anblick auf seine vorrätigen Arbeiten zum Müßiggang verleite. Die Gefängnisse sind voll von unseligen Müßiggängern, die die Arbeitsscheu zu Verbrechern gemacht hat.

 

2. Weit gefährlicher und verderblicher, als der leibliche Müßiggang, ist der geistige Müßiggang. Manche Leute sind sehr geschäftig in ihren irdischen Angelegenheiten, versäumen darüber aber die weit wichtigere Sorge für ihr Seelenheil. Als Martha vor lauter Diensteifer und Sorge für ein gutes Mahl sich nicht Zeit nahm, dem lehrreichen Gespräch Jesu wenigstens einige Zeit zuzuhören, und über ihre zu den Füßen Jesu liegende Schwester Maria sich beklagte, sprach Jesus: „Martha, Martha, du bekümmerst dich um gar viele Dinge; nur eins ist notwendig.“ Wenn nun der Herr der sonst gewiss um ihr Seelenheil bekümmerten Martha wegen ihrer Tätigkeit Vorwürfe macht, was wird er im kommenden Gericht denen sagen, die unbekümmert um ihr ewiges Heil, im Haschen nach irdischen Dingen den Dienst Gottes ganz vernachlässigen? Jesus erzählt von einem reichen Mann, dem sein Feld viele Früchte trug. Er überlegte nun bei sich: „Wie soll ich es machen, da ich nicht Platz genug habe, wo ich meine Früchte unterbringe? Ich will meine Scheunen niederreißen und größere aufbauen; da will ich meine Früchte und mein Gut zusammenbringen und zu meiner Seele sagen: Nun hast du Vorrat auf viele Jahre, ruhe nun, iss und trink und lass dir wohl sein!“ Gott aber sprach: „Du Tor, noch diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern!“ Der heilige Augustinus versichert: „Nie wird derjenige ein Bürger des Himmels werden, der hier ein Freund des Müßiggangs ist.“