Der heilige Erzengel Michael

 

St. Michael in der Kunst

 

In Vorhallen und Krypten, an Wänden und auf Glasgemälden, auf Altären und Kanzeln, an Pfeilern und auf Leuchtern findet sich fast in jeder Kirche und Kapelle irgendeine, wenn auch oft recht bescheidene Darstellung des Erzengels Michael, wie er meist als Drachenbezwinger, mit Schwert oder Lanze bewehrt, das unter ihm kauernde Ungeheuer vernichten will.

 

Sind auch die Michaelsbilder jüngeren Datums als die Michaelskirchen, die schon in frühchristlicher Zeit in Nordfrankreich und in Italien dem Erzengel Michael geweiht worden sind, so lässt sich doch mit dem wachsenden Michaelskult auch bald eine künstlerische Wiedergabe des Erzengels feststellen. Die älteste nachweisbare Darstellung stammt aus dem fünften Jahrhundert und befindet sich auf den Mosaiken in der Kirche St. Maria Maggiore in Rom: Josua sieht plötzlich eine Gestalt im Leibschurz eines Kriegers mit gezücktem Schwert, der sich Fürst Jehovas nennt, also Erzengel Michael ist. Zu den frühesten Michaelsbildern ist auch die gemeinsame Darstellung mit dem Erzengel Gabriel zu zählen, die sich in der im Jahr 546 geweihten Kirche San Michele in Afrisco in Ravenna befindet. Wir sehen hier die beiden Engel auf blumiger Wiese neben der jugendlichen Gestalt des Erlösers. Michael trägt einen Kreuzstab, Gabriel jedoch nur einen einfachen Stab. Der Erzengel Michael ist auch hier noch ohne Flügel wiedergegeben.

 

Vom 6. Jahrhundert an wird das Michaelsbild häufiger und findet auch in der deutschen Kunst Eingang. Die Darstellungsweise entwickelt sich zu einem feststehenden Typus, der in den zwei markanten Gestalten des Seelenführers und des Drachentöters Gestalt und Ausdruck findet.

 

Den Seelenführer sehen wir zum ersten Mal in der Kirche Santa Prassede in Rom, die im Jahr 820 an Stelle einer älteren aus dem 4. Jahrhundert von Papst Paschalis erbaut und mit wertvollen Mosaiken geschmückt worden ist. Hier sehen wir auf dem Triumphbogen die Heiligen ins himmlische Jerusalem einziehen; vor einem Tor steht der Erzengel Michael, mit einem Kreuzstab in der Hand, zwischen den Apostelfürsten und lädt mit einer auf die Eingangspforte hinweisenden Bewegung die mit Kronen und Palmen heranziehenden Märtyrer ein, einzugehen in das himmlische Reich.

 

Auch in der deutschen Kunst hat das Motiv des Seelenführers Eingang gefunden, der die Abgeschiedenen gegenüber den Machtansprüchen des Satans verteidigt und sie hinführt zur Seligkeit der Auserwählten. (Nach der germanischen Göttermytologie empfängt der Gott Wotan die Verstorbenen im eigenen Palast.) Darum finden wir ihn als Paradieswächter und als Seelenführer in der Kleidung eines Kriegers auf dem Bild des Jüngsten Gerichts zu Burgfelden. Der Gedanke der Seelenführung zur ewigen Seligkeit kommt auch in der Leuchtersymbolik zum Ausdruck: auf vielen alten Kronleuchtern schwebt der Erzengel über einem oder einer Mehrzahl von Türmchen eines Mauerkranzes, der die Gottesstadt versinnbildlichen soll. Auch wurden Friedhöfe und Friedhofskapellen dem Seelenführer Michael geweiht, so der Elendsfriedhof in Köln und der Michaelsfriedhof zu Straßburg.

 

Aus germanischer Auffassung heraus ist dann das Motiv des Drachenbezwingers in das Michaelsbild eingedrungen und schließlich vorherrschend geworden. Dem kriegerischen Sinn der Germanen musste insbesondere die Gestalt des Drachentöters zusagen, in der sie Eigenschaften ihrer germanischen Götterwelt verkörpert fanden. Da „Michael“ im Altdeutschen so viel wie „groß“ bedeutet, wurde der Name des Erzengels für sie von großer Anziehungskraft. Dieser Streiter, der, obwohl nun Heerführer eines noch größeren und stärkeren Himmelsherrn, die finsteren Mächte in den Abgrund zu stoßen vermocht hatte, musste ihnen noch mächtiger als ihre eigenen Götter erscheinen, die im letzten Kampf gegen Midgardschlange und Fenriswolf zwar bestehen, aber schließlich untergehen würden, wie ja auch der Drachenbezwinger Siegfried schließlich selbst erlegen ist. So wird es begreiflich, dass die Germanen den himmlischen Drachentöter, in dem sie die beiden hauptsächlichsten germanischen Tugenden der Tapferkeit und der Treue in so vollendeter Weise verkörpert sahen, zu ihrem Bannerträger erhoben. Schon seit der karolingisch-ottonischen Zeit wird der Erzengel Michael als Bezwinger des höllischen Drachens wiedergegeben. Eine der frühesten deutschen Darstellungen des Drachentöters findet sich in dem Evangeliar des hl. Ulrich von Augsburg (890-973). Mehr und mehr wird der Erzengel in ritterlicher Tracht, die aus der byzantinischen Kunst hervorgegangen ist, wiedergegeben, mit Kettenhemd, Panzer, Beinschienen und Schwert.

 

Dieses Motiv des Drachenbezwingers fand auch in Italien Eingang und findet sich zum ersten Mal in dem berühmten Michaelsheiligtum der Apenninenhalbinsel auf dem Berg Gargano, zu dem auch die deutschen Kaiser nach ihrer Krönung in Rom wallfahrteten. Während 23 Platten des Bronzeportals dieser Michaelskirche die Erscheinungen und Taten des Erzengels versinnbildlichen, ist in der vierundzwanzigsten eine Inschrift eingegraben, die den Eintretenden bittet, bei dem Erzengel Fürbitte für die Seele des Stifters zu tun. Allerdings ist hier Michael noch nicht als Krieger dargestellt, sondern im langen Gewand, mit dem Kreuzstab in der Hand. Diese Darstellungsweise ist dann von der italienischen Kunst übernommen und weiter ausgebildet worden. Im Anfang des 13. Jahrhunderts hat der Florentiner Maler Giovanni Cimabue auf zwei Fresken den Erzengel zum ersten Mal in völliger Ritterausstattung wiedergegeben.

 

Die Darstellung des Erzengels als Drachentöter ist das typische Michaelsbild bis in unsere Tage geblieben, das wir in jeder Kunstepoche, in jeder alten Kirche, in jedem Museum finden. Auf den vielen Darstellungen der deutschen Kunst finden wir den Erzengel bald im offenen Kampf (so in der Andreaskirche zu Köln), bald in stillem Triumph (so in der Severinkirche zu Erfurt) wiedergegeben. Unter den deutschen Künstlern hat Albrecht Dürer auf einem Bild seiner „Apokalypse“ den Kampf des tapferen Gottesstreiters in einzigartiger Weise einzufangen gewusst: Hoch über einer friedlichen deutschen Dorflandschaft vollzieht sich in den Wolken ein notvolles Ringen mit dem Widersacher, das selbst dem Erzengel Falten der Sorge und der Anstrengung in die Stirn gräbt.

 

Warum stehen auf den Bergen Michaelskirchen?

 

In Deutschland, Frankreich und anderen Ländern sind die Kirchen und Kapellen auf Bergen und Hügeln besonders dem hl. Michael geweiht, z. B. der Michaelsberg in Bamberg, der Michaelsberg bei Fulda, der Mont St. Michel an der französischen Küste, das Michaelsheiligtum auf dem Monte Gargano in den Apenninen. Vorherrschend war dafür der Gedanke, dass die steilen Bergspitzen dem Himmel am nächsten erscheinen, und die Beziehung auf die Worte des Propheten Nahum: „Auf den Bergen kommen Füße eines guten Boten“. Der angrenzende Abgrund erinnert an den Sieg des Erzengels über den Teufel, den er in den Abgrund stürzte. Dieser himmlische Held wurde auch deshalb auf die Höhen gestellt, damit seine Verehrung die Christenheit schütze gegen die Angriffe der Mächte der Finsternis, welche die Luft erfüllen, wie der Apostel sagt.

 

Das so häufige Vorkommen der Michaelskirchen auf den Höhen in Deutschland ist auch dadurch zu erklären, dass vom heiligen Bonifatius und den anderen Glaubensboten die Stätten eines alten heidnischen Kultes oft in christliche Kirchen verwandelt wurden. In der germanischen Mythologie galt der Berg als der einem Gott geweihte Ort, in seinem Innern war nach dem Aberglauben des Volkes ein Schatz verborgen (das Wort „bergen“ stammt ja von Berg!), zu dem eine Wunderblume den Weg bahnte, und auf der Spitze des Berges war gewöhnlich eine der heidnischen Gottheit geweihte Kultstätte. Da nach der christlichen Lehre das Heidentum eine Folge der Sünde und ein Werk des Teufels ist, lag es nahe, dass die christlichen Glaubensboten gerade an den altverehrten heidnischen Opferstätten Kirchen zu Ehren des Erzengels Michael erbauten, der zuerst den Sieg über den Teufel errungen hat.