Die gute Meinung

 

„Diesen Morgen“ – so schrieb Alban Stolz am 2. August 1870 in sein Tagebuch – „wachte ich auf mit dem Gedanken: Denen, die Gott lieben, müssen alle Dinge zum Besten gereichen. Es lag der Gedanke schon vorher in der Seele, und als sie das Auge des Bewusstseins öffnete, sah sie sich von dem Gedanken umstrahlt, wie eine Berghöhe vom Morgenlicht der aufgehenden Sonne. Es war mir dieses Wort gleichsam eine goldene Überschrift am Eingangstor der großen Zeit, welche jetzt für Millionen beginnt. Es liegt für gute Christen ein unendlicher Trost mitten in allen Bedrängnissen darin, und für laue eine Aufforderung, einmal Gott recht zu lieben, dann hätten wir uns vor nichts zu fürchten, was kommen mag.“

 

Gott lieben, das ist auch das rechte Wort am Beginn eines neuen Jahres; ihn lieben für alles, was wir ihn im verflossenen Jahr beleidigt haben und alles tun zu seiner Ehre, nicht um irdischen Lohn, um Menschengunst und Menschenlob. Zu Menschenehre vollbracht, ist das Größte erbärmlich klein in den Augen Gottes; zu Gottes Ehre getan, ist auch das, was klein und armselig ist vor der Welt, groß und von unendlichem Wert in den Augen Gottes. Gottes Maß ist nicht der Menschen Maß; seine Wege sind nicht unsere Wege: Er sieht nicht auf äußeren Glanz und Prunk, nicht auf Erfolg und Sieg – er sieht allein auf das Herz.

 

Das geringste, unscheinbarste Werk des Taglöhners, verrichtet zur Ehre Gottes; das kleinste Almosen, dem Notleidenden aus Liebe zu Gott gereicht, ein leichtes Leiden, um Gottes Willen mit Geduld ertragen, sie haben, wenn sie im Stand der heiligmachenden Gnade geschehen, einen unvergänglichen Wert und sind himmlischen Lohnes würdig. Die ruhmvollsten Taten großer Eroberer und Staatsmänner, deren Name in der Weltgeschichte unsterblich geworden ist, deren Andenken Denkmäler aus Stein und Erz bewahren, haben dagegen vor Gottes Richterstuhl keinen Wert und empfangen in der Ewigkeit keinen Lohn, wenn sie nicht aus einer übernatürlichen, gottgefälligen Absicht, sondern aus irdischen Beweggründen entsprungen sind. Die Menschen bleiben immer Kinder, auch wenn sie groß werden und alt; der glänzende Schein zieht sie an, die prunkende Außenseite besticht sie. Gott aber forscht immer nach wahrem Wert und der findet sich bloß da, wo etwas geschieht für Gott, um Gottes willen.

 

Wir sind ja bloß Gottes wegen auf der Welt. Wer das vergisst, geht irre. Ihn erkennen und lieben, ihm gehorchen und dienen, ist unsere Bestimmung auf Erden und der Weg, der zum Himmel führt, unserem letzten Ziel. All unsere Kräfte und Vermögen müssen wir für Gott gebrauchen. Demnach ist es notwendig, dass wir bei unserm Tun und Lassen, bei Leiden und Mühseligkeiten unsere Absicht auf ihn richten und nichts, es sei groß oder klein, aus bloß natürlicher Absicht verrichten.

 

„Ihr möget essen oder trinken, oder sonst etwas tun“, sagt der heilige Apostel Paulus, „tut alles zur Ehre Gottes“, d.h. in Hunger und Durst sollen wir von Gott gewollte Bedürfnisse unserer vergänglichen Natur sehen. Wir sollen sie befriedigen, weil Gott will, dass wir täglich durch Aufnahme von Nahrung, von Speise und Trank, uns in Kraft und Gesundheit erhalten und in den Stand setzen, ihm zu dienen. Der Mensch soll im Essen und Trinken nicht bloß eine angenehme Beschäftigung sehen, sondern die von Gott bestimmte Ordnung, welche er zu seiner Ehre erfüllt.

 

Wie viele Christen gibt es, die bloß mehr Sinn und Verstand für diese Welt haben, bloß darauf bedacht sind, ihre täglichen Arbeiten und Geschäfte zu verrichten, ihr Vermögen zu mehren, Verluste zu vermeiden und sich die „verdienten“ Vergnügungen zu gestatten. Der Gedanke an Gott wird ihnen fremd und dass man alles nur zur Ehre Gottes tun solle, fällt ihnen nicht ein. Irdischer Erfolg ist es, was sie erstreben und was sie befriedigt. Einen höheren Flug kennt ihre Seele nicht mehr. Wie leer werden ihre Hände nicht sein, wenn sie am Erntetag ihre Garben vorweisen sollen? Was nützt das Gold, das sie gesammelt haben, in einem Land, wo man es mit Füßen tritt?

 

Mein lieber Christ, frage dich, wie sehe ich mein Leben an? Krieche ich wie der Wurm im Staub, während ich mich aufschwingen soll zum Sonnenlicht zu Gottes Ehr und Preis? Du bist zu Höherem geboren. Dein Tun und Schaffen darf sein Ziel nicht sehen in der Zeit und Schöpfung; deine Absicht muss vordringen bis zum Thron Gottes, erst da darf sie stehen bleiben zu seiner Huldigung und Ehre.

 

Ein nunmehr schon lange im kühlen Erdenschoss ruhender Dichter hat das schöne Wort geschrieben:

 

Und ob ich wie die Sonne glüh´,

Ob ich ein bleicher Nebelschein,

Ob ich wie Schiras Rose blüh´,

Ob ich ein arm Waldblümelein;

Ob ich als Zeder rag´ empor,

Ob ich mich bück´ als nied´res Rohr;

Und ob ich rausch´ wie Davids Psalm,

Ob leis ich flüst`re, wie ein Halm;

Ob ich ein Strom mit stolzem Strand,

Ob ich mich müh´ durch heißen Sand,

´s ist alles gleich nach Gottes Sinn,

Und nichts ist groß und nichts ist klein,

Wenn ich nur das, was ich soll sein,

Auch recht im Geiste Gottes bin.

 

Es kommt vor Gott nicht darauf an, was einer ist, sondern wie er es ist, nicht was einer tut, sondern wie und warum er es tut. Dein gewöhnlichstes Tagwerk, lieber Christ, wird gehoben und geadelt durch die gute Meinung. Darum unterlasse es nie, beim Morgengebet nach alter Sitte die gute Meinung zu erwecken und den anbrechenden Tag mit all seinen Gedanken, Worten und Werken, seinen Arbeiten und Mühen, Leiden und Beschwerden Gott darzubringen mit dem rechten Willen, sie im treuen Dienst Gottes zu seiner Ehre und zu seiner Verherrlichung zu verrichten und zu tragen. Sehr gut ist es, öfters in des Tages Hitze die gute Meinung zu erneuern, besonders wenn die Arbeit wächst oder eine Bürde schwerer drückt. Es bedarf dazu nicht vieler Worte: „In Gottes Namen!“ „Alles meinem Gott zu Ehren“ und ähnliche kurze Ausdrücke genügen. Nur das Herz muss dabei sein. So gewinnt jede Sekunde, so rasch sie auch enteilt, einen unendlichen Wert, unser ganzes Leben wächst von selbst hinein in Gott und die Ewigkeit, die Sünde flieht, die Tugend keimt und blüht und treibt ihre Frucht. Jeder unserer Tage füllt seine Seite aus im goldenen Buch des Lebens und wenn einst der Todesengel kommt und uns hinüberruft ins Land der Geister, so harrt unser ein Thron beim Thron Gottes und alles, was wir zu seiner Ehre getan und gelitten haben, wird uns mit millionenfachen Zinsen heimgezahlt werden durch alle Ewigkeit.

 

Dann los, die gute Meinung ist der Schlüssel, vor dem die ehernen Tore der Himmelsburg sich auftun, greif zu und benütze ihn!

 

Alles meinem Gott zu Ehren!

Der Inn in Passau