Luise Hensel

 

Luise Hensel

1798 – 1876

 

Sie ist geboren am 30. März 1798 in einem Dorf der preußischen Provinz Brandenburg, als Kind eines protestantischen Predigers. Als sie elf Jahre alt war, starb der Vater und dann zog die Mutter mit den Kindern nach Berlin. Da erhielt Luise Gelegenheit, eine höhere Töchterschule zu besuchen; doch war ihr dies nicht lange möglich, denn die ärmlichen Verhältnisse, in denen die Familie lebte, zwangen Luise nach einiger Zeit, die Schule zu verlassen und sich nach einem Verdienst umzusehen. Sie fand einen solchen in Handarbeiten, worin sie schon von jeher ein bedeutendes Geschick an den Tag gelegt hatte.

 

Wie schon erwähnt, war Luise im protestantischen Glauben geboren worden. Sie wurde auch in demselben erzogen und unterrichtet. Schon früh lernte sie aber katholische Anschauungen und Einrichtungen kennen, und sie fing auch an, zwischen diesen und denjenigen der protestantischen Kirche Vergleiche anzustellen. Da ergab es sich aber, dass diese in der Regel nicht zugunsten der letzteren ausfielen, und es stellten sich in dem Geist des jungen Mädchens Zweifel ein an der Richtigkeit des ererbten Glaubens und sie gab denselben ihrer Umgebung gegenüber Ausdruck. So äußerte sie z.B. die Meinung, in der protestantischen Kirche werde die Mutter Gottes zu wenig verehrt und es sei zu bedauern, dass die Ohrenbeichte, sowie die Ehelosigkeit der Geistlichen, abgeschafft worden sei. Sehr tadelte sie an Luther, dass er sich mit einer abgefallenen Nonne verehelicht hatte.

Immer mehr nahm die Abneigung gegen die Lehre Luthers in ihrem Geist zu und Ende 1818 war es in ihrer religiösen Entwicklung so weit gekommen, dass sie einen katholischen Priester bat, den Tag zu bestimmen, an dem sie öffentlich zum katholischen Glauben sich bekennen könnte.

 

Ihr Wunsch ging am 18. Dezember 1818 in Erfüllung. In diese Zeit fällt auch die Entscheidung hinsichtlich ihres Lebensberufes. Eine Reihe angesehener Männer – worunter besonders der hochbegabte Dichter Klemens Brentano genannt sei – hatten sich um ihre Hand beworben. Luise aber lehnte alle Werbungen ab. In einem wunderschönen Gedicht, das aus dem Jahr 1820 stammt, hat sie selbst den Grund hierfür angegeben. „Ich liebe“ – heißt es dort – „einen Königssohn, ich lieb` ihn ganz allein.“

1. Ich liebe einen Königsohn,

Ihn lieb` ich ganz allein;

Er trägt die allerschönste Kron`

Von rotem Edelstein.

 

2. Ihn schmückt ein silberweiß Gewand,

Ein Purpurmantel weht;

Er hält zwei Rosen in der Hand,

Sein Fuß auf Rosen steht.`

 

3. Ihm blüht ein Strauß an treuer Brust

Von Rosen, weiß und rot;

Ihn lieben, das ist meine Lust,

Ihn lassen, wäre Tod.

 

4. Ihn anschau`n ist mir Seligkeit,

Ein` and`re kenn` ich nicht;

Ihm dienen ist mir Trost und Freud

Und ganze Lebenspflicht.

Mehr Schwierigkeit verursachte die Frage, ob sie in einen Orden treten solle. Schon früh war dieselbe in der Seele des edlen Mädchens aufgetaucht. „Das Kloster war“, so drückt sich ihr Lebensbeschreiber aus, „lange Zeit der aus der Ferne schimmernde Leuchtturm, den ihre Blicke im anstürmenden Weltgewoge unverrückt festhielten und auf den sie ihr schwankendes Lebensschifflein als letzten Zielpunkt zuzusteuern gedachte.“ Aber es sollte ihn nicht erreichen. Im Jahr 1816 kam ihre Schwester aufs Sterbebett und vor ihrem Hinscheiden sprach sie den Wunsch aus, Luise möge an einem kurz vorher geborenen Kind ihre Stelle vertreten. Luise wagte nicht, diesen Wunsch unbeachtet zu lassen, obwohl sie erkannte, dass er sich mit ihren Klosterplänen nicht gut vereinbaren lasse. Sie bemühte sich, sich diese aus dem Kopf zu schlagen. Doch traten diese Pläne immer wieder an sie heran. Da erklärte ihr Schwager eines Tages, er lasse den Jungen im protestantischen Glauben erziehen, wenn Luise in einen Orden eintrete. Das machte dem Schwanken in Luises Geist ein Ende. Sie entschloss sich, ihre Klostergedanken endgültig der übernommenen Pflicht zu opfern und im weltlichen Stand durchs Leben zu gehen.

Luise gab sich nun fortan mit allem Eifer dem Beruf einer Erzieherin hin, wozu sie der Schöpfer besonders befähigt hatte. Eine Zeitlang diente sie auch den Kranken als hingebende Pflegerin. „Liebe und Gehorsam“, so sagt ein Darsteller ihres Lebens, „waren hierbei ihre Leitsterne.“ Im späteren Alter zog sie sich in eine kleine Wohnung im Städtchen Wiedenbrück und noch später zu Paderborn zurück, wo sie ihre abnehmenden Kräfte der Kirche und den Armen widmete. In letztgenanntem Ort schloss sie auch ihr gottbegnadigtes Leben am 18. Dezember 1876.

 

Wir zählen Luise Hensel zu den Dichterinnen. Nach dem Urteil aller Kenner war sie in Wahrheit eine solche und die Geschichte des deutschen Schriftwesens rechnet sie allgemein zu den Besten.

 

Einige ihrer Gedichte (z.B. „Müde bin ich, geh` zur Ruh`“; - „Immer wieder muss ich lesen“) haben Aufnahme in die Lese- und Gesangbücher der Volksschulen gefunden und sind hierdurch sozusagen zum Gemeingut des deutschen Volkes geworden.

1. Müde bin ich, geh' zur Ruh',

Schließe beide Äuglein zu;

Vater, lass die Augen dein

Über meinem Bette sein!

 

2. Hab' ich Unrecht heut' getan,

Sieh' es, lieber Gott, nicht an!

Deine Gnad' und Jesu Blut

Macht ja allen Schaden gut.

 

3. Fern von mir sei Hass und Neid,

In mir Lieb' und Gütigkeit.

Lass mich Deine Größe schaun,

Nur auf Dich, o Gott, vertraun.

 

4. Alle, die mir sind verwandt,

Gott, lass ruhn in deiner Hand!

Alle Menschen, groß und klein,

Sollen dir befohlen sein.

 

5. Hilf den Armen in der Not,

Sei auch gnädig uns im Tod.

Schenk uns Frieden, bann den Krieg.

Dir gehört der letzte Sieg.

 

6. Kranken Herzen sende Ruh`,

Nasse Augen schließe zu;

Lass den Mond am Himmel stehn

Und die stille Welt besehn!

 

* * * * * * * * * * * *

 

1. Immer muss ich wieder lesen

In dem alten heil´gen Buch;

Wie der Herr so sanft gewesen,

Ohne Arg und ohne Trug.

 

2. Wie Er hieß die Kindlein kommen,

Wie Er hold auf sie geblickt,

Uns sie in den Arm genommen,

Und sie an die Brust gedrückt.

 

3. Wie Er Hilfe und Erbarmen

Allen Kranken gern bewies,

Und die Blöden, und die Armen

Seine lieben Brüder hieß.

 

4. Wie Er keinem Sünder wehrte,

Der mit Liebe zu ihm kam;

Wie Er freundlich ihn belehrte,

Ihm den Tod vom Herzen nahm.

 

5. Immer muss ich wieder lesen,

Les und weine mich nicht satt,

Wie Er ist so treu gewesen,

Wie Er uns geliebet hat.

 

6. Hat die Herde sanft geleitet,

Die sein Vater ihm verliehn,

Hat die Arme ausgebreitet,

Alle an sein Herz zu ziehn.

 

7. Lass mich knien zu Deinen Füßen.

Herr, die Liebe bricht mein Herz;

Lass in Tränen mich zerfließen,

Untergehn in Wonn´ und Schmerz.

Luise bildete sich freilich auf diese Begabung nicht viel ein. Wiederholt erklärte sie, dass sie die Arbeit im Beruf, sowie die Arbeit im Dienst der Jugend und der Kranken höher stelle. Wenn wir ihr auch hierin nicht widersprechen wollen, so muss doch gesagt werden, dass sie auch durch ihre frommen Dichtungen viel, viel des Guten in den Herzen derer, die sie lesen, gewirkt hat und noch immer wirkt.

 

Ach, hätt` ich Engelzungen!

(Verfasst im Alter von 16 Jahren)

1. Ach, hätt` ich Engelzungen,

Ich hätt` euch wohl gesungen

Das süße, liebe Lied,

Das mir so still und selig

Im jungen Herzen glüht.

 

2. Ich weiß ja keine Weisen,

Den Herren so zu preisen,

Den Vater, treu und mild,

Wie meine ganze Seele

Ihm singt und jauchzt und spielt.

 

3. Ich muss mein Haupt ihm neigen,

Kann weinen nur und schweigen

In Seligkeit und Schmerz;

Ach, Kind, er weiß dein Lieben,

Er sieht dir ja ins Herz.

Guter Rat

1. Wenn dich Menschen kränken

Durch Verrat und Trug,

Sollst du fromm gedenken,

Was dein Herr ertrug.

 

2. Kommen trübe Tage,

Sieh` allein auf ihn;

Friedlich ohne Klage

Geh` durch Dornen hin.

 

3. Wird dir`s immer trüber,

Nagt dich inn`rer Schmerz:

Hab` ihn immer lieber,

Drück` ihn fest ans Herz.

 

4. Machen deine Sünden

Dir das Leben schwer:

Suche ihn zu finden;

O, er liebt dich sehr!

 

5. Quält dich heimlich Sehnen,

Unverstand`nes Weh`;

Sprich zu ihm mit Tränen:

Herr, dein Will` gescheh`!

Das Heimchen

1. Auf meinem kleinen Gartenbeet

Ein wunderliches Heimchen steht,

Das ist heut` wohl noch zart und klein,

Doch morgen wird es größer sein.

Ich weiß nicht, wer es eingelegt

Und wer es so getreulich pflegt.

 

2. Es steh`n der Blumen mancherlei

Und leider Unkraut auch dabei.

Die Blumen, Herr! sind all` von dir;

Das Unkraut sät` ein and`rer mir,

Der sät`es ein um Mitternacht,

Wenn nicht mein guter Engel wacht.

 

3. O Herr, mein Gott! Ich bitte dich,

Um Jesu Christ erhöre mich:

Sieh` an mein Heimchen, wie es steht,

Und hast nicht du es selbst gesät,

So reiß` das liebe Heimchen aus,

Sonst wird ein böses Unkraut draus.

Luise Hensel und die Beichte

 

Schon früh regte sich in dem protestantischen Kind das Bedürfnis, seine Fehler und Sünden zu bekennen. Wenn die kleine Luise sich eines Fehlers schuldig glaubte, so legte sie nicht nur bald Reue, sondern auch das Verlangen an den Tag, ihr Herz durchein offenes Bekenntnis zu beruhigen. Es kam auch vor, dass das von tiefem Reuegefühl gequälte Kind sich selbst dadurch eine Buße auferlegte, indem es sich mit einer Rute selbst kräftige Schläge versetzte. Als sie größer geworden, suchte sie einen ihr vom Konfirmationsunterricht her bekannten protestantischen Geistlichen auf und bat ihn dringend, doch das Bekenntnis ihrer Sünden von ihr entgegenzunehmen und da sie dieser mit dem Bedeuten, sie solle sich zufrieden geben, wenn sie ihre Sünden Gott bekannt habe, abwies, beruhigte sie sich damit nicht, sondern sie begab sich zu einer gleichgesinnten Freundin und vertraute dieser in Aufrichtigkeit ihre Verfehlungen an. „Ich wusste noch nicht, was die Beichte sei“, sagte sie einmal später, „aber ich glaubte, durch die Demütigung und Überwindung, die mit dem Bekenntnis verbunden ist, einen Teil meiner Schuld abbüßen zu können und vielleicht einigen Trost zu empfangen. Bekannt sind auch die Worte, mit welchen sie, die noch Protestantin war, dem Dichter Klemens Brentano, der ihr seine Sünden erzählte, zurechtwies. „Sie haben ja das Glück, Katholik zu sein,“ sagte sie; „sagen Sie das doch ihrem Beichtvater!“

Clemens Brentano über Luise Hensel – Engel in der Wüste

 

»Ich fühle durch und durch, dass mir religiös nicht zu helfen ist als durch das Anschließen an einen Menschen, dem ich unbedingt vertraue und den ich innigst liebe, und dass ich dann allen eignen Willen aufgebe und ihm gänzlich folge wie ein Knecht. [...] Dieser müsste mich an sich bannen durch die göttliche Atmosphäre der Unschuld und Frömmigkeit und mich leiten wie einen freiwilligen Blinden, denn mir selbst kann ich nicht trauen.«

 

Trotz alledem führten weder Ringseis noch Sailer seine Bekehrung herbei; maßgeblich war Luise Hensel, protestantische Pfarrerstochter, Brentanos einzige wirklich Liebe neben Sophie Mereau. Brentano und Hensel lernen sich bei einem Gesellschaftsabend des Staatsrates Stägemann kennen, wo Brentano lesen sollte. Er verspätete sich, und man sprach über ihn, nicht immer nur Gutes. »Geistreich ist er, das muss man ihm lassen«, war dennoch die Grundstimmung. »Wenn Brentano nichts weiter ist als geistreich, so kann er dabei doch ein sehr erbärmlicher und unglücklicher Mensch sein«, sprach Hensel, und Brentano trat ein, sah sie düster an, sagte »Guten Abend«. Im Verlauf des Abends las Brentano aus seiner Viktoria und der Gründung Prags und versprach, in der nächsten Woche wiederzukommen. Hensel und Brentano kamen sich näher; sie, damals noch Protestantin, suchte geistlichen Beistand von ihm, dem Katholiken – und tatsächlich war es genau umgekehrt: er bedurfte ihrer Hilfe. Sie wollte ihn zurückweisen, konnte er doch ihr keine Unterstützung geben – nicht einmal einen Katechismus findet er in seiner Bibliothek, den er ihr geben könnte. Er aber sieht in ihrer offenen Gottesbeziehung das, wonach er sich sehnt; er erkennt, dass er ihres geistlichen Beistandes bedarf. Besonders beeinflusst haben ihn ihre geistlichen Lieder, wie er auch seinem Bruder Christian schreibt:

 

»Du musst mir erlauben, den folgenden Liedern, deren Abschrift ich Dir aus inniger Liebe überlasse, einige Worte mit auf den Weg zu geben, indem ich Dir sage dass sie das Liebste und mir das Wohltätigste geworden sind, was mir von menschlichen Händen in meinem Leben zugekommen ist. Als ich verwüstet, geängstigt, im Innern unheilbar krank, erstarrt gegen Gott und geekelt gegen die Welt, wie in einer pfadlosen Traumöde im verderbten Leben stand und verzweifelt an mir selbst, ohne Lust am Bösen und Guten, nichts war als ein toter Mensch: hat der schwer geprüfte, bestandene kindliche Geist, der diese Lieder aus inniger Liebe zum Herrn gesungen, sich meiner, wie der Samariter des unter die Räuber gefallenen, rücksichtslos auf manche Schmach, erbarmt, und ohne Absicht, ohne Vorbewusstsein einer Heilungskraft, mich aufgerichtet, geduldet, gestärkt und zur Heilung geführt. Diese Lieder haben zuerst die Rinde über meinem Herzen gebrochen, durch sie bin ich in Tränen zerflossen, und so sind sie mir in ihrer Wahrheit und Einfalt das Heiligste geworden, was mir noch immer das innerlich Erweckendste und Beweglichste ist, das mich stündlich mahnet und tröstet, mit. Ob es die Macht des unschuldigen drängenden Gefühls ist, aus dem sie entsprungen, ob es der Moment ist, in dem sie mir begegneten, der sie mir so erbauend macht, weiß ich nicht; aber es hat nie ein menschlich Wort so gerührt, und wo ich gehe und stehe, liegt der Vers in meinen Ohren:

 

»Immer wieder muss ich lesen

In dem alten, heil’gen Buch,

Wie der Herr so mild gewesen,

Ohne List und ohne Trug.«

 

Dich hat der barmherzige Gott mit wundervollen Stimmen gerufen; er hat für jedes Herz einen anderen Schlüssel, ich übergebe Dir hier den, mit welchem er zu mir gekommen. Du hast mir auch Deine Wege brüderlich gezeigt, möge in uns ein Vertrauen erwachen, das uns beiden hilft dahin, wo allen Heil ist«.

Brentanos Wandel kommt endgültig am 27. Februar 1817: er legt beim Probst Ambrosius Taube seine Generalbeichte ab. Endlich empfindet er wieder die »fromme, freudige Bangigkeit« seiner Jugend. Er empfindet eine tiefe, reine Liebe zu Luise Hensel; bei ihr fühlt er sich geborgen. Später fasst er diese Liebe in ein Gedicht:

 

Ich weiß wohl, was dich bannt in mir,

Die Lebensglut in meiner Brust,

Die süße zauberhafte Zier,

Der bangen tiefgeheimen Lust,

Die aus mir strahlet, ruft zu dir,

Schließ mich in einen Felsen ein,

Ruft doch arm Lind durch Mark und Bein:

»Komm, lebe, liebe, stirb an mir,

Leg’ dir diesen Fels auf deine Brust,

Du musst, musst.«

 

Schließlich will er sie heiraten. Sie lehnt ab. Er tobt:

 

»Vergeblich! muss ich schreien, das entsetzliche Wort, wenn Du in meiner Gegenwart aussprichst: Ich habe bis jetzt auf der Welt nichts genützt, ich will nützlich werden und dies und jenes tun. Fahr hin in Deiner Heiligkeit, Du Törin, Du Wahnsinnige; aber ich sage Dir hier in die Seele, wenn Du vor den Herrn kommst, wird er Dich fragen »Wo hast Du das Herz dessen, den ich Dir übergeben habe?« und ich werde Dir nachschreien mein Vergeblich bis jenseits der Ewigkeit.«

 

Er schreibt eine Reihe von Gedichten, die seine Seelennöte ausdrücken, mit bezeichnenden Titeln wie »Wiegenlied eines jammernden Herzen«, »Einsam will ich untergehn«, »Schweig, Herz!«, doch schließlich fügt er sich in sein Schicksal und verkehrt mit Hensel auf rein freundschaftlicher Basis. In dieser Zeit entstehen einige von Brentanos schönsten Werken, unter anderem die Erzählung vom »Braven Kasperl und dem schönen Annerl« unter dem Motto »Tue Deine Pflicht und gib Gott allein die Ehre«, eine Geschichte über einen Kindermord, den Selbstmord eines Unteroffiziers und nach einem alten Volkslied. Er veröffentlichte einige alte Werke, so zum Beispiel die Chronika, er schreibt theoretische Werke zur Dichtung und ihrem Verhältnis zur Religion, zum Lob von Gebet und Gesang.

Aus einem Brief an ihren Schwager

 

Am 6. Juni 1820 machte Luise ihren Schwager, der bis dahin von ihrem Übertritt zur katholischen Kirche nichts erfahren hatte, mit dieser Tatsache und zugleich mit den Gründen hierfür bekannt. Sie tat dies in einem Brief und in folgender Weise: „Ich muss dir nun,“ so schreibt sie, „etwas sagen, woraus du ersehen wirst, dass ich offen und frei über diese so ernste Sache verhandle und dass ich dein Vertrauen mit Vertrauen vergelte, mag es auch mein ganzes Geschick entscheiden.

 

Ich habe Gelegenheit gehabt, die Lehren der katholischen Kirche genauer kennen zu lernen, habe sie lange geprüft, erwogen, habe über sie nachgedacht, und endlich kam der Entschluss zur Reise, zu der … Kirche überzutreten, welche vor allen christlichen Vereinigungen, stets in sich gleich bleibend, den Stürmen der Zeit getrotzt hat und ihrem Bau nach auch ferner trotzen kann …

 

Ich bin katholisch geworden. Ich war es schon in der Zeit, als ich noch im Haus meiner Mutter war, habe es aber aus Schonung verschwiegen … Jetzt muss ich sprechen, sonst könnte man mich der Heuchelei oder Menschenfurcht anklagen und Gott weiß, ich schäme mich nicht, mich zur Kirche zu bekennen und würde dies, wenn es nötig wäre, mit Aufopferung meines Lebens tun. Welche Gründe mich besonders überzeugt haben, wäre zu weitläufig, dir hier zu sagen … Nur eines glaube mir auf mein ehrliches deutsches Wort: dass kein irdischer Vorteil, keine Überredung und auch keine Verblendung durch die größere Feierlichkeit des katholischen Gottesdienstes (die ich freilich ehre und der ich mich freilich freue) mich veranlasst haben, diesen wichtigen Schritt zu tun, sondern nur beste, reinste Überzeugung, der ich auch damals alles, was mir lieb war (außer Gott), und insbesondere meine sehr angenehme Existenz opferte …

Nie bereut

 

Der Übertritt zur katholischen Kirche verlangte viele Opfer von Luise; aber sie brachte alle im Hinblick auf das Glück, das Gott ihr hierdurch hatte zuteil werden lassen und nie, weder in Wort und Schrift, ließ sie bei anderen jemals die Vermutung aufkommen, als habe sie ihren Schritt bereut oder als sei sie in ihrer Überzeugung schwankend geworden.

 

Von ihren vielen Versicherungen, dass dies nie der Fall gewesen, sei nur eine erwähnt. Ein volles halbes Jahrhundert nach ihrer Konversion schrieb Luise an einen Protestanten, der ihr „Verleugnung des Herrn“ vorgeworfen hatte: „Nach vielem Beten und Ringen erkannte ich durch die Gnade Gottes diese Kirche für die echte und musste meiner Überzeugung folgen; dass es dem Herrn gefiel, für dies große, unaussprechliche Glück, ein Kind seiner Kirche zu sein und die heiligen Sakramente zu genießen, mein ganzes irdisches Lebensglück zu fordern, das werde ich ihm noch in der Ewigkeit danken.“

 

Der Tag ihres Übertrittes war ihr stets ein geheiligter Tag, und als er zum fünfundzwanzigsten Mal wiederkehrte, veranstaltete sie ein Fest und zwanzig Jahre darauf bezeichnete sie den 8. Dezember als ihren großen Festtag. Und kurz vor ihrem Hinscheiden übergab sie einer Dame den weißen Spitzenschleier, den sie bei der Ablegung des Glaubensbekenntnisses getragen, mit der Bitte, denselben zu kirchlichen Zwecken zu verwenden.

Wie Luise sich dem „Königssohn“ verlobte

 

Als Luise noch in den Kinderjahren stand und noch wenig von katholischen Ansichten wusste, zeigte sich bei ihr schon eine gewisse Hinneigung zum jungfräulichen Stand. So warf sie zum Beispiel einmal einem hervorragendem protestantischen Geistlichen (einem Superintendenten) im Gespräch die Bemerkung hin: „Geistliche brauchen keine Frauen zu haben!“ Und Luther nahm sie, wie schon erwähnt wurde, das besonders übel, dass er, der katholische Priester, sich verehelichte, und noch dazu mit einer Klosterfrau.

 

Auch wurde bereits gesagt, dass es Luise, dem anmutigen, geistreichen Fräulein, nicht an Freiern gefehlt habe, und es waren dies Männer, die in irgendeiner Weise über den Durchschnitt hervorragten.

 

Schon genannt wurde Klemens Brentano, der nicht nur ein hochbegabter Dichter war, sondern auch als Sohn eines reichen Kaufmanns über bedeutende Mittel verfügte. Ferner soll erwähnt werden der hervorragende Schriftsteller und Abgeordnete Ludwig von Gerlach und endlich auch ein Prinz aus fürstlichem Hause.

 

Wie aus ihrem Tagebuch und aus Stellen von Briefen hervorgeht, ist ihr das „Nein“ nicht immer leicht geworden; immer gingen ihm innere Kämpfe voran. Allmählich aber reifte in ihr auch der Wunsch, ihrer Neigung zum jungfräulichen Stand auch äußerlich Ausdruck zu geben, das heißt in aller Form das Gelübde der jungfräulichen Keuschheit abzulegen. Sie eröffnete ihren Wunsch dem Beichtvater, der ihn billigte und der ihr, nachdem sie sich mehrere Monate hindurch darauf vorbereitet hatte, hierzu seine Mithilfe angedeihen ließ. Und so legte sie denn am 6. Mai 1820, an einem Samstag – dem der heiligen Jungfrau geweihten Tag – am Fuße des Altares und vor dem Priester das erwähnte Gelöbnis ab. Es hatte folgenden Wortlaut:

 

„Ich, Luise, gelobe vor Gott, Maria, der Königin der Jungfrauen, meinem heiligen Schutzengel und allen lieben Heiligen, dass ich die Reinigkeit des Leibes und der Seele streng bewahren und darum ernstlich alles das fliehen will, was gegen dieselbe ist; auch gelobe ich, den Ehestand zu vermeiden und mein Herz ganz Jesus zu schenken, auf so lange, als es meinem Beichtvater beliebig sein wird. Dazu helfe mir Gott, der Vater und der Sohn und der Heilige Geist. Amen.“

Zurückgezogen

 

Als Luise in das sechste Jahrzehnt ihres Lebens getreten, fing sie an, wie sie in einem Brief an eine Freundin schreibt, des „Wechselns müde“ zu werden und nach einem „stillen Nestchen“ sich zu sehnen. Sie fand ein solches in dem Städtchen Wiedenbrück in Westfalen, wo sie sich eine kleine Wohnung mietete und wo sie – mit Ausnahme der allerletzten zwei Jahre vor dem Tod – die zwei letzten Jahrzehnte, die ihr Gott noch schenkte, verlebte.

 

Obwohl ihre Kräfte abgenommen und sie wie sie selbst bemerkte, nahezu „invalide“ geworden, wollte sie doch nicht allein der Pflege ihrer eigenen Persönlichkeit leben, sondern auch, soweit ihr dies immer möglich war, anderen nützlich sein.

 

Eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen war die Besorgung von Gotteshäusern mit Schmucksachen und kirchlichen Gewändern, und an Gelegenheiten dazu war kein Mangel. Bald galt es, wie in ihren Briefen zu lesen ist, ein Messgewand zu vollenden, das sie einer armen Kirche versprochen; dann wieder waren zu Beginn einer bevorstehenden Mission Kanzel und Hochaltar mit Überhängen zu versehen. Ein andermal sollten bis Fronleichnam vier Fahnen fertiggestellt sein und dann wieder sollte einem jungen Mann, der die Priesterweihe erwartete, ein Messgewand beschafft werden. Und kam Weihnachten heran, so musste eine Krippe renoviert werden, „eine,“ wie sie wieder in einem Brief bemerkte, „mir zwar liebe, aber sehr schwere Arbeit“.

 

Oft übernahm sie auch den Dienst an den Kranken, dessen Ausübung die selbst Kränkelnde sich nie ganz nehmen ließ. Auch Unterricht hatte sie noch hie und da zu geben und endlich unterhielt sie auch einen ausgedehnten Briefwechsel, durch welchen sie gut auf andere einwirken wollte.

 

Beruhigung nach der Last des Tages und Trost in den Betrübnissen des Lebens, welche auch hier nicht ausblieben, suchte und fand Luise im Verkehr mit dem Herrn im Tabernakel. „Die schwersten Stunden meines Lebens“, bemerkte sie einmal, „bin ich gewohnt, mit Gott allein durchzumachen. Ein Plätzchen in einer Kirche, dem Tabernakel nahe, ist mir das beste Asyl.“

„Müde bin ich“

 

Am 30. März 1876 hatte Luise das 78. Jahr ihres Lebens erreicht. Schon gegen Ausgang des vorhergehenden Jahres waren Anzeichen der Wassersucht zutage getreten, die sich ziemlich rasch verstärkten und ihr den Gedanken nahe legten, dass das Ende ihrer Tage nicht mehr fern sei.

 

„Müde bin ich, geh` zur Ruh`“ –

Sang ich den jungen Tagen,

„Schließe beide Augen zu!“

Wird nun bald der Tod mir sagen –

Herr, mein Gott, das walte du!

 

Sie fing nun an, alle Vorbereitungen auf den Tod zu treffen. So schrieb sie an alle Verwandten einen kurzen Brief, worin sie herzlich Abschied nahm, bestimmte aber, dass diese Briefe erst nach ihrem Tod abgeschickt werden sollten. Dann ließ sie eine Anzahl Bildchen, auf einer Seite bedruckt, als Gebetsandenken herstellen und bestimmte die Namen der Personen, an welche sie nach ihrem Tod zu übergeben oder zu versenden seien. Sie setzte ferner die Geldsumme zur Bestreitung der Begräbniskosten fest und gab ihre Wünsche hinsichtlich des Gottesdienstes kund. Sie wünsche, so erklärte sie, möglichst einfach begraben zu werden. Aufwand nütze nichts; man solle das hierdurch Ersparte für die Armen verwenden. Auf eine Bemerkung der sie pflegenden Schwester, dass viele „Engelchen“ (weiß gekleidete Kinder) mit der Leiche gehen werden, bemerkte sie: „Aber nur, wenn es nicht regnet, sonst möchten sich die Kinder erkälten. Auch wünsche ich, dass sie mit Kaffee und Löwentätzchen ordentlich bewirtet werden.“ Und sogar das Zimmer, wo das geschehen sollte, und die Personen, die es tun sollten, bestimmte sie.

 

Aus ihren Äußerungen in den letzten Tagen war zu erkennen, dass sie stets innerlich mit Gott verkehrte. Ferner dankte sie jedem, der ihr etwas Gutes erwies, mit großer Rührung. Oft erhob sie auch in freudiger Erregung beide Hände und sagte unter Tränen: „Ach, bald ist es aus, dann kann ich fliegen! Wie freue ich mich, so manche Freunde und Verwandte, die mir vorangegangen sind, wieder zu sehen!“ Mit Innigkeit sprach sie zu anderen Malen: „Wie schön mag es doch im Himmel sein! Da werde ich für alle beten!“

 

Am Morgen des 19. Dezember 1876 begann der Todeskampf. Neben einigen Schwestern und Freundinnen knieten am Sterbebett der Priester, der ihr den letzten Trost der Kirche spendete. „Ihr Übergang,“ so erzählte der letztere später, „war so sanft, dass der Augenblick des Scheidens nicht bemerkt und das Scheidungsgebet noch fortgesetzt wurde, als der Tod bereits eingetreten war. „Im Sarg lag sie da wie eine friedlich Schlummernde, jungfräulich geschmückt mit Schleier und Myrtenkranz und dem Rosmarin, den sie bei Lebzeiten selbst hierfür gezogen.“

In einer Dorfkirche

1. Immer muss ich sein gedenken,

Immer seiner Huld mich freu`n,

Immer her die Schritte lenken

Zu dem Kirchlein, arm und klein.

 

2. O, du Wunder aller Gnade,

Das der kleine Schrein umschließt!

Ja, in dieser armen Lade

Wohnt er, dem das All entfließt.

 

3. O des Glückes, das der Glaube

Seiner Gegenwart mich lehrt!

O der Wonne, die im Staube

Meine Seele schon erfährt!

 

4. Seele, und du schaust noch trübe

Auf die Dinge niederwärts?

Gibt`s für dich noch andere Liebe?

Erdenfreude? Erdenschmerz?

 

5. Sieh`, in dieser Silberschale

Ruht dein Gott, dein einzig Gut;

Und du darbst beim reichsten Mahle?

Und du frierst bei höchster Glut?

 

6. Auch der kleinen Ampel Schimmer

Mahnt dich, ganz für ihn zu glüh`n,

Herz, o säumst du denn noch immer,

Ganz in Flammen zu versprüh`n?