Liebe zu den Verstorbenen

 

Das Grab hat für viele Menschen etwas Schauerliches und Erschütterndes. Es fällt ihnen schon schwer, einem teuren Angehörigen das letzte Ehrengeleit zu geben; später besuchen sie das Grab nicht mehr. Und doch hält das Grab an uns eine ernste und heilsame Predigt über die Hinfälligkeit alles Irdischen und mahnt zu himmlischem Sinn und Ringen nach unvergänglichen Gütern. Deshalb wählen viele Christen die Gräber der Heiligen zu ihren Lieblingsaufenthalten. Entzünden auch wir an den Gräbern eine innige Liebe zu den Verstorbenen, indem wir ihrer Leiden im Fegfeuer gedenken und ihnen Hilfe gewähren.

 

1. Am Grab eines teuren Angehörigen entringen sich der Brust schmerzliche Seufzer, heiße Tränen mischen sich in das angstvolle Schluchzen, und das Auge, tränennass, richtet sich von der frischen Gruft gen Himmel, um zitternd die Frage zu stellen: Wo weilt jetzt die Seele des Dahingeschiedenen? Ist sie im Himmel, im Fegfeuer oder in der Hölle? Wir schaudern vor dem Gedanken an die Hölle und trösten uns mit der Hoffnung, dass der Allbarmherzige über den Verstorbenen ein gnädiges Gericht gehalten habe. Hat sich der Himmel schon der abgeschiedenen Seele geöffnet? Aber welcher Erwachsene stirbt so rein und schuldlos, dass er sogleich in den Himmel kommt? Wenn aber die Seele des Gestorbenen weder im Himmel, noch in der Hölle ist, dann muss sie sich im Zustand der Läuterung, im Fegfeuer befinden. Dort leiden die armen Seelen Qualen, weil sie noch nicht bei Gott im Himmel sein können. Der heilige Augustinus versichert: „Jenes Reinigungsfeuer ist schärfer, als alles, was nur immer die Menschen in dieser Welt von Strafen erleiden, ausdenken oder empfinden.“ Und der heilige Thomas von Aquin lehrt: „Die allergeringste Strafe im Fegfeuer ist tausendmal größer, als die größte dieses zeitlichen Lebens.“ Stell dich im Geist an den Rand des Abgrundes und siehe, was die leidenden Seelen in jenem Läuterungsfeuer ausstehen müssen! Horch auf ihr Rufen: „Erbarmt euch meiner, erbarmt euch meiner, wenigstens ihr, meine Freunde!“ Sie selbst können nichts Verdienstliches mehr tun, können keine Stunde von ihren Qualen abkürzen, und müssen vielleicht noch lange büßen, wenn nicht ihre Brüder und Schwestern hier auf der Erde ihnen mit den Verdiensten guter Werke zu Hilfe kommen. Ihr Gefängnis wird sich nicht eher öffnen, bis der letzte Heller abgebüßt ist. Verschließe dein Herz nicht der mitleidigen Liebe, träufle einen erquickenden Tropfen in ihre durstende Seele!

 

2. Du kannst den armen Seelen viel Trost und Linderung gewähren. Jedes fromme Gebet, jedes verdienstliche Werk, jede heilige Messe, die du für sie lesen lässt und hörst, jeder Ablass, den du für sie gewinnst, jeder Verzicht, jedes Fasten und jede Selbstverleugnung kommt den armen Seelen im Fegfeuer zugute. So lehrt es der Glaube. Darum ertönt nach dem Hinscheiden eines Gläubigen die Totenglocke, damit die Glieder der Gemeinde zum Gebet für den Verstorbenen aufgefordert werden. Darum ruft der Priester am Grab: „Herr, gib ihm die ewige Ruhe, und das ewige Licht leuchte ihm.“ Darum bringt der Priester das heilige Opfer für den Verstorbenen dar. Der fromme und tröstliche Glaube, dass Gebete und gute Werke den Verstorbenen nützen, bestand schon im Alten Bund. Judas der Makkabäer sammelte 12000 Drachmen und schickte sie nach Jerusalem, damit ein Opfer für die Sünden der im Kampf Gefallenen dargebracht würde. Dazu bemerkt die Heilige Schrift: „Es ist ein heiliger und heilsamer Gedanke, für die Verstorbenen zu beten, damit sie von ihren Sünden befreit werden.“ Durch solche guten Werke werden die leidenden Seelen im Reinigungsort in ihrer Traurigkeit getröstet; ihre Schmerzen werden gelindert, die Zeit ihrer Gefangenschaft abgekürzt. Könntest du einen Blick tun in jenen grauenvollen Kerker, du würdest mit bewegtem Herzen und mit Tränen der Rührung wahrnehmen, wie dein Gebet, dein Almosen, deine heilige Messe das trauernde Angesicht deines leidenden Mitbruders, deiner in Flammen liegenden Mitschwester erheitert und Balsam in die brennenden Wunden träufelt. Willst du den Ärmsten der Armen deine Liebe, deinen Trost verweigern? Lass keinen Tag vorübergehen, ohne einen Tropfen Trost in die andere Welt zu senden! Die Seelen, die du durch deine frommen Fürbitten und christlichen Liebeswerke aus ihren Flammen befreist, werden am Thron der Gnade für dich bitten, damit du selbst nicht mit jenen schauerlichen Leiden gepeinigt wirst und bald zur seligen Anschauung Gottes gelangst. Amen.