Die leiblichen Werke der Barmherzigkeit

 

Die echte christliche Nächstenliebe äußert sich in dem Bestreben, an der Freude und dem Leid der Mitmenschen innigen Anteil zu nehmen und fremde Not möglichst zu lindern. Diese edle Gesinnung will sich auch in der Tat offenbaren, und die Werke, die sie ausübt, nennt man Werke der Barmherzigkeit. Sehen wir uns hier die leiblichen Werke der Barmherzigkeit an, in denen uns die Heiligen nachahmungswürdige Beispiele vor Augen stellen.

 

1. Die Hungrigen speisen, ist das erste Werk der christlichen Barmherzigkeit. Wer könnte sein Herz einem Hungrigen verschließen? Hunger tut weh. Darum mahnt der Herr: „Brich dem Hungrigen dein Brot!“ (Jes 58,7) Wer selbst schon Hunger gelitten hat, wird fühlen, wie es dem Armen oft zu Mute ist, und wird gern seine milde Hand öffnen und den Bedürftigen mit Lebensmitteln unterstützen. Ein solches Liebeswerk übte der fromme Hiob an den Hungernden. Die Witwe von Sarepta speiste den hungernden Propheten Elias und Gott segnete ihren Liebesdienst dadurch, dass das Mehl in ihrem Kasten und das Öl in ihrem Krug nicht abnahm und ihr gestorbener Sohn zum Leben erweckt wurde. Als das Volk hungernd bei Christus aushielt, sprach er: „Ich habe Mitleid mit diesen Menschen.“ Und er speiste viertausend Männer mit ihren Frauen und Kindern wunderbar mit wenigen Broten.

 

2. Die Durstigen tränken. „Hunger tut weh, aber der Durst brennt.“ Der göttliche Heiland duldete am Kreuz unnennbare Schmerzen und er schwieg, als ihn aber brennender Durst quälte, rief er aus: „Mich dürstet.“ Wenn nun unser Mitmensch, er sei krank oder gesund, die Qual des Durstes leidet, so wollen wir ihn nach Kräften erfrischen. Der göttliche Heiland sagt: „Wer einem unter diesen Geringsten nur einen Trunk kalten Wassers reicht, wahrlich, ich sage euch, er wird seinen Lohn nicht verlieren.“ Rebecca reichte dem Eliezer und seinen Kamelen Wasser am Brunnen und erhielt den Isaak zum Mann. Zu solchen Mitleidigen wird der Herr sprechen: „Ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben.“

 

3. Die Nackten bekleiden. „Wenn du einen Nackten siehst, so bekleide ihn!“ mahnt der Herr. (Jes 58,7) Am Gerichtstag wird er zu den Gerechten sprechen: „Ich war nackt und ihr habt mich bekleidet.“ (Mt 25,35) Wie unchristlich und schändlich handeln jene Menschen, die sich selbst mit kostbaren Gewändern und Juwelen schmücken, während ihre Mitmenschen in Lumpen gehüllt, kaum ihre Blöße bedecken können! Ganz anders handelten von jeher fromme und heilige Seelen. Tobias verwandte einen großen Teil seines Vermögens dazu, um den armen Israeliten in Ninive Kleider zu verschaffen. Der fromme Hiob sagte zu seiner Rechtfertigung: „Habe ich einen, der vorüberging, verachtet, weil er kein Kleid hatte, und habe ich ihn ohne Bedeckung gelassen? Segneten mich nicht seine Lenden, wenn er warm wurde von den Fellen meiner Schafe?“ (Hiob 31,19-20) Bei dem entseelten Leichnam der Tabitha zeigten die armen Frauen dem Petrus die Kleider, die die gute Tabitha während ihres Lebens eigenhändig für sie verfertigt hatte. Gerührt warf sich Petrus auf die Knie nieder und erflehte der Mutter der Armen die Rückkehr zum Leben. Der göttliche Heiland mahnt: „Wer zwei Röcke hat, gebe einen dem, der keinen hat!“ Der heilige Augustin sagt: „Bedecke den Armen und Nackten, so werden deine Sünden bedeckt sein!“

 

4. Die Fremden beherbergen. „Die Durstigen und Herberglosen führe in dein Haus!“ (Jes 58,7) Und der Heiland spricht: „Wer ein solches Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf.“ (Mt 18,5) Ein schönes Beispiel der Gastfreundschaft gibt uns Abraham, der die Fremden einlud, bei ihm einzukehren, sie reichlich bewirtete und ihnen die Füße wusch. Die Königstochter von Ägypten erbarmte sich des fremden Findelkindes Mose. Martha und Maria nahmen den Heiland in ihr Haus auf. Mit herzlicher Freundlichkeit lud die Purpurhändlerin Lydia den heiligen Paulus und seine Reisegefährten in ihr Haus ein: „Wenn ihr mich je für eine treue Jüngerin des Herrn haltet, so kommt in mein Haus und wohnt da!“ (Apg 16,5)

 

5. Gefangene befreien. Hier sind nur die unschuldig Gefangenen gemeint, die um des Glaubens, der Wahrheit und Gerechtigkeit willen im Gefängnis festgehalten werden. Mit den schuldigen Gefangenen soll man wohl Mitleid haben, soll sie zur Lebensbesserung ermuntern und für sie beten, aber sie aus ihrer Haft widerrechtlich befreien, hieße der Gerechtigkeit Hohn sprechen. Joseph tröstete und bediente mitleidsvoll seine gefangenen Brüder. Daniel verwandte sich nachdrücklich für die unschuldiger Weise eingesperrte Susanna. Die christliche Gemeinde betete für die Befreiung des gefangenen Petrus.

 

6. Kranke besuchen. „Ein kranker Mann ein armer Mann“, sagt das Sprichwort. An das Krankenlager gefesselt zu sein und dazu noch körperliche Schmerzen erdulden, ist gewiss ein beklagenswerter Zustand und fordert unser Mitleid heraus. Am wohltätigsten wirkt der Krankenbesuch, wenn man den Kranken durch erbauliche Gespräche tröstet, ihn zur Ergebung in Gottes Willen ermuntert, zum zeitigen Empfang der heiligen Sakramente bewegt, und seine Gedanken von irdischen Angelegenheiten zu himmlischen Begierden lenkt. In dieser Welt sorgten viele Heilige Frauen und Männer für die leiblichen und geistlichen Bedürfnisse der Kranken als barmherzige Samariter. Durch dieses Werk der christlichen Liebe sammeln sich die barmherzigen Brüder und Schwestern unsterbliche Verdienste um die leidende Menschheit.

 

7. Die Toten begraben. Den Verstorbenen ein anständiges Begräbnis zu gewähren, ihnen die letzte Ehre zu bezeigen, verweigert selbst der Heide nicht. Umso mehr soll der Christ seinem Glaubensgenossen den letzten Liebesdienst erweisen. Tobias verbarg die Leichen der Israeliten in seinem Haus und begrub sie um Mitternacht. Dieser Liebesdienst blieb nicht unbelohnt, denn der Engel Gottes sprach zu ihm: „Als du gebetet hast mit Tränen und die Toten begraben hast, da brachte ich dein Gebet vor Gott.“ Nikodemus und Joseph von Arimathäa begruben den Leichnam Jesu, und die heiligen Frauen und Johannes begleiteten ihn zur Grabesruhe. Sie alle wurden reichlich für diesen Liebesdienst gesegnet. – Gehe hin und tue auch du Werke der Barmherzigkeit! Amen.