Lauheit in der Religion

 

Freudig bekannten die Märtyrer ihren Christusglauben, obgleich sie wussten, dass sie für dieses Bekenntnis einen schmerzlichen Martertod erleiden würden. Wir haben für das Bekenntnis und die Ausübung unserer Religion keine Verfolgung, keine Martern zu erwarten. Desungeachtet behandeln viele die Religion als die gleichgültigste Sache und gehen sorglos ihrem Verderben entgegen. Um aus diesem tödlichen Schlaf zu erwachen, betrachten wir die große Gefahr, in die uns die Lauheit in der Religion stürzt. Die Lauheit ist eine tödliche und zumeist unheilbare Krankheit der Seele.

 

1. Der Mensch ist schwach und zu Sünden geneigt von Jugend auf. Wird er nicht von oben gestärkt, so gleicht er dem Blatt eines Baumes, das von jedem Wind hin und her bewegt wird. Welcher Kraftanstrengung bedarf es, über die Regungen des Fleisches, über die lockenden Reize der Welt und über die Arglist Satans zu siegen! Wenn der Apostel Paulus, der in den dritten Himmel verzückt wurde, den Stachel des Fleisches fühlte und sich unaufhörlich kreuzigte, wie wird es den lauen und schwachen Christen ergehen? Wie ist es möglich, ohne ausdauerndes Gebet und heilige Betrachtungen, ohne Kampf und Enthaltsamkeit, ohne das göttliche Wort und das himmlische Manna die Reize der Sünde zu besiegen? Ohne die Kraft und Gnade des Herrn wird der Mensch ein Spielball der Leidenschaften werden. Wird Gott solchen lauen Christen einen außerordentlichen Beistand gewähren? Wird er Wunder wirken, wo man seine Gnade nicht gebrauchen will? Dieses zu glauben, wäre töricht, es zu hoffen, wäre vermessen. Gott drängt seine Gnade dem Menschen nicht auf, sondern teilt sie nur demjenigen in reichem Maße mit, der durch ihren heilsamen Gebrauch sich würdig erweist. Lässt aber der Mensch das Feuer der Liebe auf dem Altar seines Herzens erlöschen, so wird der Herr sich von ihm wenden und ihn verkümmern lassen gleich einer Pflanze, die der Tau des Himmels nicht mehr befeuchtet. Die Folge wird sein, dass der Mensch von der Lauheit zur Sünde, von der Sünde zum Laster, vom Laster zum Verderben fortschreitet. Wenn wir die großen Verbrechen unserer Zeit auf ihren Ursprung prüfen, so finden wir, dass Lauheit in der Religion der Anfang der sittlichen Verwilderung war. Hüten wir uns vor dieser tödlichen Krankheit!

 

2. Die Lauheit in der Religion ist gewöhnlich eine unheilbare Krankheit, weil der Laue seinen beklagenswerten Zustand nicht erkennt. Man verlässt den mühevollen Pfad der christlichen Pflichten, wandelt in dem reizenden Tal der Sinnlichkeit, man sieht die Tage des Herrn nur als Tage des Vergnügens an, man schmeichelt sich noch, ein guter Christ zu sein, während man die Krankheit des Todes in seinem Innern trägt. Wird man wohl die Krankheit in sich heilen wollen, obwohl man sich gesund glaubt? Vielleicht klagt man sich nie vor dem Seelenarzt seiner schwer sündhaften Trägheit in der Religion an und verachtet die Mittel der Besserung. Wie bedauernswürdig ist ein solcher Zustand! Der verrufenste Sünder bekehrt sich eher, als der laue Christ. Der Schächer bedurfte nur eines Gnadenblickes, und er bat voll Reue: „Herr, gedenke meiner, wenn du in dein Reich kommst!“ Aber der laue Christ wird durch die warnende und drohende Stimme Jesu nicht erschüttert, weil er sich für rein hält. Große Sünder werden durch den Stachel ihres Gewissens zur Buße getrieben, der Laue hingegen rechnet sich zu den Auserwählten. Solchen trägen Seelen droht der Herr Tod und Verderben an: „Weil du lau, und weder kalt noch warm bist, will ich dich ausspeien aus meinem Mund.“

 

Gott bewahre uns vor der Lauheit in der Religion! Haben wir bisher im Sündenschlaf gelegen, so möge uns die liebevolle Stimme unseres himmlischen Vaters wecken, damit wir nicht träumend in den verderblichen Abgrund fallen. Erforschen wir möglichst an jedem Tag unser Gewissen, ob wir in der Tugend voran oder rückwärts geschritten sind. Und klagt uns die innere Gottesstimme an, so lasst uns nach dem Rat des heiligen Paulus unseren Geist erneuern und den neuen Menschen anziehen, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Heiligkeit und Gerechtigkeit! Amen.