Wie weit noch Latein in der Kirche? - Eine englische Stimme.

 

von B. J. Gosling

Zusammenfassung aus „Liturgy“, Oktober 1949

Oscott College, Sutton Coldfield, Birmingham, England

 

Auf den Schlachtfeldern Frankreichs sah ich zum ersten Mal in meinem Leben Männer, die all das, was ich ihnen als Priester geben konnte, dringend notwendig brauchten.

 

Bei dem Größten aber, das ich ihnen geben konnte, der hl. Messe und den Sakramenten, war zwischen uns der Vorhang einer unbekannten Sprache. Nur in der Beichte waren sie richtig zu Hause und konnten ihre Fehler in ihrer eigenen Sprache bekennen und Trost und Ratschlag in Worten erhalten, die sie verstanden. Da der Besuch der hl. Messe für einen guten Katholiken Pflicht ist, gingen sie zur hl. Messe, knieten nieder und beteten, aber die meisten von ihnen nahmen keinen aktiven Anteil an der hl. Messe, weil sie die lateinische Sprache nicht kannten. Die hl. Kommunion und die Letzte Ölung trösteten und stärkten sie, weil sie wussten, dass es zu ihrem Besten war. Aber es war mehr ein Ritus, der an ihnen vorgenommen wurde. Sie waren nur die passiven Empfänger der Gnade und sie verhielten sich dabei, wie wenn sie auf dem Operationstisch unter der Hand des Chirurgen lagen.

Der Krieg ging zu Ende, und ich kehrte zu meiner eigenen kleinen Pfarrei in die Heimat zurück. Da hatte ich es mit demselben Problem zu tun. Meine Pfarrkinder, brave, anständige Menschen, waren vollständig unwissend in der Liturgie. Sie nahmen sie mit erhabenem Glauben hin, ohne sie zu verstehen, und waren zufrieden, dass es so sein sollte, weil sie irgendwie das Gefühl hatten, dies sei der Preis, den sie dafür zu zahlen hätten, dass sie einer Weltkirche angehörten. Ich aber begann, mich zu fragen, ob dieser Preis nicht zu hoch sei für etwas, was für sie und alle Völker der ganzen Welt keinen Nutzen hat.

 

Wenn alle Leute in einem Kloster leben würden oder es hier nur um Privatandachten ginge, so dass man sich um die übrige Welt nicht zu kümmern brauchte, so würde ich das Latein gerne und begeistert beibehalten. Aber ich bin ein Landpfarrer, und nicht ein einziges meiner Pfarrkinder ist imstande, ein Messgebet zu übersetzen.

 

Wir Katholiken leben nach der Heiligen Schrift und der Überlieferung, geleitet durch die Autorität des Heiligen Stuhles. Wir sind daher von Natur konservativ eingestellt. Es ist für uns nicht leicht, einen Brauch, der uns überliefert worden ist, anzuzweifeln. Unser katholisches Gewissen ist misstrauisch gegen neue Wege und neue Begriffe, und die Erfahrung hat uns auch gelehrt, dass Vorsicht durchaus am Platz ist. Aber das Alter allein rechtfertigt noch nicht alle Handlungen und Bräuche, wenn es auch von uns Respekt für sie fordert. Selbst Papst Pius XII. warnt uns, gerade in dem Erlass, in dem er überstürzte Neuerungen im Gottesdienst verwirft, vor den Gefahren des übermäßigen Hängens am Alten.

 

Wir haben kräftige Ausdrücke für Personen, die Wörter gebrauchen, die sie nicht verstehen. Nur in der Liturgie erlaubt man, Wörter zu gebrauchen, die unverständlich sind, ja man verteidigt und befürwortet diesen Gebrauch sogar.

 

Man sagt, dass es geziemend sei, die Geheimnisse der Religion auch in eine geheimnisvolle Sprache zu kleiden. Aber diese Erklärung unterscheidet nicht zwischen Geheimnis und Geheimnistuerei. Dies letztere Wort bezeichnet das Okkulte, Geheimnisvolle, Dunkle. Die Geheimnisse unserer Religion sind aber nicht geheimnisvoll in diesem Sinn. Wer behauptet, dass sie das seien, der schlägt damit den ersten falschen Schritt zum Magischen und zum Aberglauben ein. Der Geist der katholischen Kirche aber hat immer die entgegengesetzte Richtung gezeigt, und ihr Gebet ging immer nach mehr Licht und Klarheit.

 

Nun verteidigt man den Gebrauch des Lateinischen auch für die, die es nicht verstehen, mit anderen, mehr verstandesmäßigen Gründen. Die Verteidiger des Lateins geben zu, dass eine nicht verstandene Sprache beim Gottesdienst nachteilig und bis zu einem gewissen Grad sogar unlogisch ist. Sie behaupten aber, dass das Wesen des Gebetes darin bestehe, Herz und Sinn in Lobpreis und Anbetung zu erheben. Dafür aber sei ein genaues und verstandesmäßiges Wissen der verwendeten Worte gar nicht nötig.

 

Die Antwort auf diese Verteidigung besteht darin, dass ein großer Teil der gottesdienstlichen Liturgie den Zweck hat, uns über Gott zu belehren. Durch den Gebrauch unserer Muttersprache aber würden wir eine tiefere Erkenntnis von Gott und eine verständnisvollere Teilnahme an den heiligen Geheimnissen erreichen. Ich habe nichts gegen die lateinische Sprache als solche. Ich fordere nur eine Änderung der Sprache für die, die kein Latein verstehen, und zwar nur bei jenen Zeremonien und gottesdienstlichen Handlungen, an denen das Volk selbst teilnehmen soll. Würde man diese Zeremonien und gottesdienstlichen Handlungen der Kirche und die Spendung der Sakramente in der Muttersprache ausführen, so würde dies das religiöse Leben der Teilnehmer ungeheuer stärken.

 

Einen Einwand jedoch gibt es gegen die Verwendung der Muttersprache bei der Liturgie, auf den ich keine Antwort weiß: die Kirchenmusik. Soll das alles verschwinden? Ich bin kein Musiker, aber ich konnte nie einsehen, warum man nicht auch kirchliche Hymnen und Psalmen in englischer oder deutscher Sprache nach den Melodien des gregorianischen Chorals sollte singen können. Wenn wir die heilige Messe unangetastet lassen, wie viele Mitglieder liturgischer Vereinigungen es fordern, dann würde es sich einzig und allein um die kirchlichen Hymnen und Psalmen drehen. Aber Anhänger des gregorianischen Gesanges, einige, nicht alle, sagen mir, ich würde unvernünftig reden, wenn ich wirklich den Vorschlag machen wollte, einen englischen oder deutschen Text auf gregorianische Melodien zu singen. Sollte das stimmen, dann muss ich mich auf meine zweite Verteidigungslinie zurückziehen. Sicherlich wird mir doch auch der begeisterte Gregorianer zugeben, dass man nicht annehmen kann, dass die Fähigkeit, Kirchenmusik zu komponieren, mit dem 15. Jahrhundert aufhörte. Die englische Hochkirche scheint würdige und passende Kirchenmusik für englische Texte hervorgebracht zu haben. Das hervorragendste Kennzeichen des gregorianischen Chorals ist, dass er aus den lateinischen Worten herausgewachsen ist. Ist es wirklich unmöglich, eine Musik zu schaffen, die aus englischen oder deutschen Worten entsteht?

 

Der Vorschlag, die Muttersprache bei der Liturgie zu verwenden, bekommt immer mehr Anhänger. Alles deutet in diese Richtung. Ein Kirchenhistoriker sagte mir, dass die Bewegung für die Volkssprache das unmissverständliche Kennzeichen trage, das jede erfolgreiche kirchliche Reform in der Geschichte gekennzeichnet hat: nämlich dass das Verlangen danach sich plötzlich, gleichzeitig und ohne Vorbereitung oder Übereinkommen überall in der katholischen Welt einstellt. Sicherlich zeigt die gegenwärtige Bewegung dieses Kennzeichen. In Belgien, Frankreich, Deutschland und Österreich war dieser Ruf nach einer Reform so stark, dass er in einigen Fällen dazu führte, dass man die Grenzen der Klugheit überschritt und dass zu hitzige Vertreter zurückgewiesen werden mussten. Aus Südafrika und Indien hörte man solche Stimmen, und die geistlichen Oberhirten Australiens unterstützten die Bewegung. In den Vereinigten Staaten hat sich eine Gesellschaft für den Gebrauch der Muttersprache gebildet, und was noch wichtiger ist, die Bewegungen im katholischen Volk finden auch Sympathie und Ermutigung von oben. Der Heilige Stuhl erteilte der Diözese Lüttich die Erlaubnis, bei der Spendung der Taufe, der Ehe und der Sterbesakramente Französisch oder Flämisch zu gebrauchen. Und die heilige Ritenkongregation hat für Deutschland ein neues Ritual gebilligt, in dem alle Gebete mit Ausnahme der lateinischen sakramentalen Formeln in Deutsch enthalten sind.

Diese Entwicklung findet ihren Antrieb in den Worten Pius` X.: „Der aktive Anteil an den heiligsten Geheimnissen und am öffentlichen und feierlichen Gebet der Kirche ist die erste und unerlässliche Quelle wahren christlichen Geistes.“ Und sie finden ihre Rechtfertigung in den Worten unseres jetzigen Heiligen Vaters: „Der Gebrauch der lateinischen Sprache, wie er in einem beträchtlichen Teil der Kirche herkömmlich ist, ist eine Kundgebung und ein schönes Zeichen der Einheit und zu gleicher Zeit ein wirksames Gegenmittel gegen jede Verderbnis der wahren Lehre. Trotzdem kann der Gebrauch der Muttersprache in Verbindung mit verschiedenen Riten von großem Vorteil für das Volk sein.“