"Lügenpresse"?

 

Sind die Menschen ehrlich?

 

Wir misstrauen unseren Mitmenschen: Wir haben Schlüssel für unser Auto, das wir jedes Mal nach dem Aussteigen sorgfältig abschließen. Wir haben Schlüssel für die Garage, für den Keller und den Dachboden, für das Haus oder die Wohnung, für den Geräteschuppen, den Likörschrank, den Tresor, für den Spind im Sportverein und auf der Arbeit und was weiß ich, was noch an Schlüsseln für alle möglichen Schränke, Schubfächer und Behälter, in denen wir irgendwelche Wertsachen aufbewahren. Über die digitalen Schlüssel, unsere vielen geheimen und nur schwer zu knackenden Passwörter, möchte ich gar nichts sagen.

 

Dazu sind wir immer auf der Hut, dass uns niemand hereinlegt. Wir unterzeichnen nichts, was wir nicht gelesen haben, verlangen Quittungen, misstrauen den Beweggründen der Leute, passen auf, dass niemand eine Gelegenheit bekommt, uns ein Messer zwischen die Rippen zu stoßen, und heuern manchmal sogar einen Detektiv zur Überwachung unseres Lebenspartners an.

 

Und wie ist es mit uns wenn wir reisen? Die Statistiken der Hotels berichten, wieviel Handtücher und andere Gegenstände wie Wäsche und Silberbestecke von Gästen gestohlen wurden. Die ausbezahlten Gelder der Versicherungen gegen Betrug belaufen sich auf viele Millionen Euro.

 

Die großen Kaufhäuser und Einkaufszentren können ein besonderes Lied von der Moral des Publikums singen. Dies ist auch der Grund dafür, dass die Ausgangsdrehkreuze mancher Bahnen sich nur in einer Richtung drehen, dass die Bibliotheken vom Benützer die Bürgschaftserklärung auf der Benutzerkarte verlangen, dass die Geschäfte an der Kasse ein Schild mit der Aufschrift „Jeder Diebstahl wird umgehend angezeigt“ oder „Keine nachträgliche Reklamationen“ aufstellen.

 

Die Psychologen ersinnen immer neue Methoden, um die Ehrlichkeit der Leute zu prüfen. Ihre Ergebnisse sind nicht gerade ermutigend. Bei einer solchen Untersuchung wurden in einer öffentlichen Schule in einer Reihe von Klassen Geographieprüfungen vorgenommen. Die Fragen standen auf der einen Hälfte der Schultafel, die Antworten verdeckt durch eine Landkarte, auf der anderen Hälfte. Als die Zeit für die Lösung fast vorbei war, verließ der Lehrer den Klassenraum. Einen Augenblick später fiel, anscheinend zufällig, die Landkarte herunter, so dass die Antworten sichtbar wurden. Durch das für diesen Zweck eigens vorbereitete Schulaufgabenpapier ergab sich, dass annähernd drei Fünftel der Schüler die Gelegenheit benutzt hatten, um die falschen Antworten auszuradieren und dafür die richtigen zu schreiben. Andere Untersuchungen, z.B. die, bei denen in einem Supermarkt absichtlich zu viel Geld beim Wechseln herausgegeben wurde, um festzustellen, wie viele Kunden das Geld zurückgeben würden, zeigten ein noch schlechteres Ergebnis.

 

Natürlich gibt es auch viele ehrliche Leute, aber sogar von diesen haben viele in moralischer Hinsicht keine ganz weiße Weste. So ist es beinahe allgemeine Ansicht, dass man den Staat, die Bahn, den Gas- und Stromanbieter ruhig betrügen dürfe, da diese ja doch genug Geld hätten. Manche Mutter, die nicht einmal eine Nadel stehlen würde, findet nichts dabei, ihr Kind so anzuziehen, dass es jünger aussieht, um beim Fahr- oder Eintrittspreis zu sparen. Angesehene Geschäftsleute verheimlichen Geschäftsbeteiligungen, um das Finanzamt zu hintergehen. Hochbezahlte gebildete Leute haben oft ein weites Gewissen, wenn es sich um Mithilfe bei einem Juwelenschmuggel handelt. Nicht einmal Kleriker sind davor geschützt, wie bekannt ist, Geld oder Gut, das eigentlich als Spende für einen bestimmten Zweck gegeben wurde, in die eigene Tasche verschwinden zu lassen. Von der Versicherungsbranche möchte ich gar nicht sprechen, da die Beispiele von Unehrlichkeit in diesem Bereich fast jedem bekannt sind.

 

Es ist wirklich der Gipfel der Ironie, wenn sich bei uns Betriebe weigern, einen entlassenen Strafgefangenen einzustellen, sie selbst aber täglich Geschäftsmethoden anwenden, die im Grunde genommen, auch wenn sie gesetzlich zulässig sein sollten, so unehrlich wie irgendetwas sind, dessentwegen der entlassene Strafgefangene in das Gefängnis kam. Denken Sie nur zum Beispiel an einen Pharmakonzern, der ein Medikament herstellt. Da das Arzneimittelgesetz falsche oder irreführende Angaben auf der Verpackung verbietet, werden auf den Fläschchen keinerlei Angaben angebracht, dafür aber preist man in anderen Formen der Werbung, die nicht unter dieses Gesetz fallen, das Medikament mit den glühendsten Formulierungen und Garantieerklärungen an.

 

Jeder, der die Augen offen hat, weiß, dass ein großer Prozentsatz der Werbung, die er hört und liest, nur Lüge ist. Weniger bekannt dagegen ist, dass beinahe alle Konzerne Werbesachverständige einstellen, die die Warenverpackungen unter Anwendung optischer Täuschungen und Tricks so bedrucken, dass die Kunden in den Glauben versetzt werden, mehr für ihr Geld zu erhalten, als dies wirklich der Fall ist. Lebensmittelgesellschaften z.B. verwenden für ihre Getreideprodukte, wie Haferflocken usw., nur teilweise gefüllte Schachteln mit schreienden Mustern, die lediglich einen größeren Inhalt vortäuschen sollen. Die Zahnpastafabriken aber versuchen, möglichst dünne und lange Tuben zu entwickeln, ohne dass diese gerade spindeldürr aussehen. Die Tuben enthalten so weniger, machen aber den Eindruck, mehr zu enthalten.

 

Dabei sind das aber alles noch mehr oder weniger höfliche Formen, wodurch die Hersteller das Publikum jährlich um Millionen prellen. Andere verbreitete Formen sind betrügerische Machenschaften hinsichtlich der Güte der Waren, Verfälschungen, Verdünnungen usw.

 

Und nun noch die Presse, die Medien überhaupt. Sind die etwa nicht ehrlich? Oder sind bei unseren Medien nur nie lügende, nie etwas verschweigende, nie die Wahrheit verdrehende Mitbürger beschäftigt? Wenn man die Zeitungen liest, muss man ohne weiteres zu dem Schluss kommen, dass die Bevölkerung sich in der Mehrheit aus Leuten zusammensetzt, die meinen, ihre Nachbarn seien auch nicht besser als sie selbst, und die ihnen deswegen misstrauen. Außer natürlich die Medienleute selbst. Sie finden immer wieder geniale Erklärungen für die abartigen Vorwürfe, die die Bürger ihnen machen. Ein Blick in die Nachrichten zeigt uns das tagtäglich.

 

Ein Schokoladengeschäft, das beim Auslegen der Waren viele Schokoladentafeln durch Diebstahl oder Sonnenstrahlen eingebüßt hat, legt künftig nur noch Umhüllungen aus, in denen ein Stück Holz steckt. So ähnlich ist es mit den Informationen durch unsere Medien. Es fehlt der wahre Inhalt, es ist oft schlicht die Unwahrheit oder freches Verschweigen der Wahrheit, was den Konsumenten unserer Medien angeboten wird.

 

Wundert man sich da noch, wenn ein Strafgefangener lacht? Was ihn erheitert, ist natürlich nicht die Unehrlichkeit der Leute, sondern ihre Scheinheiligkeit. Und wenn sein Lachen bitter klingt, so deshalb, weil er der Sündenbock ist. Ihn hat man erwischt und öffentlich gebrandmarkt.

 

Ist die Bezeichnung „Lügenpresse“ nun treffend oder absurd? Zu „DDR“-Zeiten hatte ich mich, wie ich mich erinnern kann, so sehr an die Lügen der Presse gewöhnt, so dass ich sie kaum oder gar nicht beachtet hatte. Sie kam in meinem „DDR“-Leben nicht vor. Vielleicht ist das ein möglicher Weg, mit unserer Presse heute umzugehen?