Das Zeitalter des Lärms

 

Fulko Groner

Gekürzt aus „Der Fährmann“,

Christophorus-Verlag, Freiburg/Br.,

Haus Herder, Oktober 1946

 

Mit den Worten „Stille . . . stille . . .“ verabschiedete sich die heilige Elisabeth von Thüringen am 17. November 1231 vom Lärm dieser Welt, um in die beseligende Stille der Ewigkeit einzugehen.

 

Die Geschichtsschreiber geben den Jahrhunderten ihre Namen: „Zeitalter der Reformation“, Zeitalter der Aufklärung“, - das unsere könnte man „Zeitalter des Lärms“ nennen. Welch ein Radau auf dieser Erde! Tausende von Motoren heulen auf und bringen ihre Maschinen in Bewegung, und jede von ihnen hat ihr eigenes Geräusch: da hackt die Nähmaschine, dort summt der Staubsauger, zischend fährt beim Schreiner das gezackte Blatt der Kreissäge ins Brett, dahinter brummt in unbändiger Kraft die Hobelmaschine, aufgellt die Fräse, heulend stößt der elektrische Bohrer ins Holz. Geh zum Schuster, zum Drechsler, zum Metzger: überall schwirrt und rasselt, zischt und pfeift es.

 

Und wenn wir erst an die „Industrie“ denken! Man hält sich die Ohren zu und schreit aus Leibeskräften, um einander zu verstehen. Schau auf die Straße! Welch ein Lärm! Schwätzende, lachende, schreiende Menschen, regellos durcheinanderlaufend . . . ssst, sst, huschen die Limousinen vorbei, Lastwagen rattern hinterdrein, Straßenbahnen rumpeln, Hupen, Schellen, Läuten . . . alles zehnfach, hundertfach, tausendfach, eine brodelnde Sinfonie des Lärms. Sollen wir noch an den Krieg erinnern, dieses Schrecklichste aller Weltgetöse?

 

Allein, wir meinen nicht bloß den Lärm, der von den Geräuschen kommt und das Trommelfell erschüttert. Der nimmt dem Menschen nur die äußere Stille. Schlimmer ist die Unruhe, die von innen herauskommt, von der Gier der unsteten Sinne.

 

Die moderne Zeit mobilisiert wahrlich alle Künste, um dem Menschen „etwas zu bieten“. Aus allen Winkeln, Schaufenstern, Reklamesäulen winkt und lockt es: Schau her! Hör zu! Komm herein! Nimm auch davon!

 

O dieses gehetzte, ruhelose, nervenzuckende Menschheitswild!

 

So sind die heutigen Menschen: vibrierende Wesen im Lärm ihrer Zivilisation und in der Unrast ihrer sinnlichen Habsucht. Kein Wunder, dass wir „so weit“ gekommen sind.

 

Wo sind die Leistungen des Geistes, hervorgegangen aus einer Seelen- und Leibesruhe sondergleichen, deren sich das „Volk der Denker und Dichter“ jahrhundertelang rühmen durfte? Wo sollen wir die stillen Stuben suchen, darin die Staffeleien und Schnitzbänke, die Zeichentische und Notenpulte der Künstler stehen, die mit der Genialität eines Erwin von Steinbach, eines Dürer, eines Riemenschneider und Mozart Werke unvergänglicher Kunst schaffen? Wie selten sieht man Gesichter, aus denen der Ausdruck einer Seele schaut! Und wo sind erst die Heiligen?

 

Sie sind nicht da, weil der Welt die Tiefe des Schweigens fehlt. Alles Große aber kommt aus der Tiefe.

 

Die wunderbarsten und gewaltigsten Dinge wachsen aus der lautlosen Stille. Das Samenkorn fällt in die Erde, und siehe, es beginnt ein Zersetzen und Zusammenfügen, Zellen reihen sich an Zellen, zueinanderstrebend nach dem geheimnisvollen Plan der Pflanzenseele. Wie die Säfte steigen, die Kraft sich sammelt, der Frühling kommt, stößt sieghaft der Keim durch die harte Kruste des Bodens, noch ein paar Tage, und es lacht ein leuchtender Blumenkelch der Sonne entgegen. Hast du etwas von all dem Wunderbaren gehört, ein Geräusch, einen Ton, irgendetwas Aufsehenerregendes?

 

Denk an das Kind unter dem Herzen der Mutter. Es tut keinen Schrei, keinen Klang und keine Silbe vernimmst du: auf einmal ist es da, das herzige Ding und – schreit, aber neun Monate hat es zuvor geschwiegen in der stillen Wiege des mütterlichen Schoßes.

 

Das gewaltigste Ereignis, das es gibt auf dieser Welt, vollzieht sich in ebensolcher Stille: die Konsekration in der heiligen Messe. Brot und Wein verlieren auf den Anruf des Priesters hin ihre Wesenheit, und gegenwärtig wird Christus, der Herr, der König des Weltalls. – Und wiederum horchst du vergebens: kein zusammenstürzen, kein himmelerschütterndes Herunterbrausen, kein Gesang der Cherubim.

 

Und auch bevor die Hämmer in den Werkstätten lärmten, die Motoren heulten und die Flieger brausten, war irgendwo ein Stiller im Land, im Laboratorium, am Schreibtisch, in der Tiefe lautlosen Nachdenkens, dem die Idee erst kommen, dem der Gedankenblitz erst im Hirn aufflammen musste, und er brauchte keinen Krach und keinen Donner, nur die erleuchtete, schöpferische Stimme.

 

Alles Große kommt aus dem Land des Schweigens. Du fragst vielleicht: „Was geht mich das an? Ich bin ein Kleiner!“ – Ach nein, du hast etwas ganz Großes in dir, deine Seele, und die kann nur gedeihen und wachsen, wenn´s ein wenig still ist ringsum!

 

Willst du´s nicht glauben? Dann schau auf den Herrn und Meister, dem wir doch alles abschauen wollen! In der „stillen, heiligen Nacht“ kam er zur Welt, dreißig Jahre lang verweilte er in der namenlosen Verborgenheit von Nazareth. O diese Stille! Es klingt so süß wie das Spiel einer Windharfe: das Idyll von Nazareth und das spielende Knäblein Jesus. Nichts beschämt mich immer so und müsste die prahlerische Welt so beschämen, nicht einmal Jesu Predigt und Liebestaten, wie dieses dreißigjährige Schweigen, das keiner der vier Evangelisten zu brechen wagt. In diesem Schweigen steht ein wichtiges Wort: Vorbereitung! Dreißig Jahre Vorbereitung ist nicht zu viel, um die Jahrtausende hinter und vor sich gutzumachen und die verbildete und entseelte Zeit wieder an die Ewigkeit zu gewöhnen. Dreißig Jahre Schweigen ist nicht zu lange, um dann so zu reden, dass jedes Wort feststeht und bleibt.

 

Und hier, Bruder Mensch, schäme dich mit mir über unsere Maulseligkeit! Wir reden zu früh und schweigen zu spät. Das Heilige und Heiligende einer schweigsamen Vorbereitung kennen wir nicht mehr.

 

Geh nach Nazareth und lerne da, dass selbst der Größte erst ein still und langsam wachsendes Blümlein zu Nazareth war, ehe er die große Erlösungsfrucht reichte.

 

Und bevor er endlich öffentlich auftrat, tauchte er für sechs Wochen hinein in eine viel lautlosere Stille: vierzig Tage in der Wüste, stumme Steine zu seinen Füßen, die steile Wand des wolkenlosen Himmels über ihm, atemloses Schweigen ringsum, keines Vogels Pfiff, nicht das Rascheln des fallenden Blatts, Stille, Stille, nur Er allein, ganz allein – mit dem Vater. – Dann aber schreitet er in die Welt, tut seinen Mund auf, setzt Taten auf diese Erde, dass sie in Aufruhr gerät bis auf den heutigen Tag. Aber immer wieder treibt es ihn zurück aus dem Getümmel des Kampfes und der Arbeit in die Ruhe der Einsamkeit. Mit Bedacht wählt er sich dazu ganz bestimmte Orte und Zeiten aus, sei es, dass er sich „beim ersten Morgengrauen“ an einen „einsamen Ort“ begab, oder „ganz allein“ fortging „auf einen Berg“; sei es, dass er „nach seiner Gewohnheit“ unter den schweigenden, uralten Bäumen des Ölgartens kniete oder die dunkle Nacht sich erwählte: dort, in der stillen Einsamkeit, gewinnt er die Kraft seiner Seele und findet er Gott, seinen Vater.

 

Sie machten es ihm nach, alle Eiferer des Geistes und die Besorgten um die arme Seele. „Flucht aus dem Sinnenbabel der Welt!“, hieß die Parole altchristlicher Jahrhunderte, und sie zogen in die Wüste hinaus und nannten sich „Einsiedler“, „Anachoreten“ (die Zurückgezogenen), „Mönche“ (solche, die allein sind). Aus ihren Reihen stammt ein heiliger Antonius, ein heiliger Johannes Chrysostomus, berühmtester Prediger des Altertums und nachmaliger Erzbischof von Konstantinopel, ein heiliger Hieronymus, weltberühmter Sprachgelehrter und Bibelübersetzer.

 

Der heilige Benedikt zog eine Mauer um das Haus seiner Getreuen, eine Mauer, an der die Flut des irdischen Lärms zerschellen sollte, und nannte sein Haus „claustrum“ oder „Kloster“, das „Umschlossene“. Darinnen stellte er „das heilige Gesetz des Schweigens“ auf. Stille, Wandelhallen, Kreuzgänge genannt, umzogen es innen im Geviert, so dass ein „Quadrum“ entstand, ein Blumengarten, als Symbol des Paradieses. Jeder seiner Brüder bewohnte eine Zelle zum Alleinsein. Die Kleidung ist stets dieselbe, keiner Mode und keinem „Schnitt“ unterworfen. – So machte es Benedikt von Nursia, der Retter des Abendlandes vor der Barbarei der Völkerwanderung, und so ähnlich alle anderen Ordensgründer und –gründerinnen. Welche Leistungen der Kultur sind aus ihren geistlichen Festungen hervorgegangen und wie viele Heilige!

 

Wir müssen irgendwie die Atmosphäre der Stille um uns schaffen, sonst wird nichts aus der armen Seele und auch nichts aus dem Leib. Sieh, du hast ein Zimmer zu Hause, da ist manchmal gar niemand drinnen, und wenn´s bloß ein Winkel ist, von dem du sagen kannst: der gehört mir, - dann geh bisweilen hinein in diesen Winkel, in dein Zimmer, jeden Tag einmal, eine Viertelstunde, eine Stunde, wie es eben möglich ist. Was tun? Still sein, allein sein! Das übrige kommt schon von selbst! –

 

Nimm ein Buch! Einmal keinen nervenzerreißenden Roman, vielleicht etwas von Stifter oder Heinrich Federer oder gar eins zum Studieren. Lies langsam und lass in Gemütsruhe die Bilder und Gestalten in dich hinein! Und wenn plötzlich ein Auto vor dem Haus stoppt oder ein Spatz sich aufs Fensterbrett setzt oder Musik des nachbarlichen Radios durch die Wände dringt, - dann lies unbeweglich weiter, lass alles hupen und tönen! So wirst du deinen Leib „schalldicht“ machen gegen die störenden Geräusche und deine Ruhe bewahren.

 

Auf diese Art kann man auch Bilder anschauen von großen Meistern, und welch wundersame Gedanken können einem da kommen bei diesem stillen Betrachten!

 

Soll ich noch andere Möglichkeiten aufzählen, wo man Ruhe und innere Tiefe gewinnen kann: etwa ein Spaziergang, ein ernstes Gespräch, die Hingabe an den edlen Klang klassischer Musik. –

 

Und erst der Mund, das leichtbewegliche Instrument unserer Seele! Höre dazu das Wort eines Lehrers der Beredsamkeit: Nur wer schweigen kann, kann reden. Nur wer schweigen kann, fühlt den Wert des Wortes und wägt ihn und ehrt ihn. Nur wer schweigen kann, wird lernen, die Worte schwer zu machen wie Goldstücke, die sich gewichtig hinzählen. Dem Schwätzer sind sie Spielpfennige und müssen zu Haufen durcheinanderklirren, um ein Ansehen zu bekommen.

 

Warum schweigen die Menschen in der Kirche und reden manche schon kaum auf dem Weg dorthin?

 

Warum bedecken die Leute ihre Augen nach der heiligen Kommunion, schließen sozusagen alle Fenster zu, die nach außen führen?

 

Warum gehen manche Menschen ins Gotteshaus so ganz allein, wenn niemand drinnen ist?

 

Warum sehen die innig Betenden so ganz in etwas anderes hinein versenkt, so von sich selber abwesend aus?

 

Ach siehe, wo Gott ist, da muss es still sein, und nur in der Stille kommt Gott zu dir, spricht mit deiner Seele und schenkt dir das Zeichen seiner Liebe! –