Kritik

 

Seit Adam und Eva zuerst von der verbotenen Frucht aßen, ist nichts in jedem Leben so alltäglich wie Kritik. Manchmal teilt man sie aus, öfter aber muss man sie einstecken. Ein Teil ist zu unserem Gunsten, aber der größere Teil richtet sich gegen uns. Die Kritik spielt ihre Rolle im Leben eines jeden Sterblichen, und je eher wir uns mit dieser Tatsache abfinden, desto besser ist es. Ganz gleich, was unsere Absichten und Beweggründe auch sind, was wir tun, wird von anderen kritisiert, und wenn wir nicht auf einer einsamen Insel leben, müssen wir uns damit abfinden.

 

Große Führer, berühmte Staatsmänner und Gottesgelehrte, gar nicht zu reden von weniger berühmten Menschenkindern, mussten es erleben, dass man ihre besten Handlungen kritisierte. John Adams, der zweite Präsident Amerikas, hielt so wenig von George Washingtons geistiger Fähigkeit, dass er einst seine Faust vor dem Bild des „Vaters des Vaterlandes“ schüttelte und ausrief: „Wenn dieser Hohlkopf nicht seinen Mund gehalten hätte, hätte man erkannt, was er für ein „Licht“ war!“ Edward Stanton, Kabinettsmitglied in den ersten Tagen des amerikanischen Bürgerkrieges, sprach einst von Präsident Lincoln als dem „Pavian des Weißen Hauses“. Es gibt eine Überlieferung, die behauptet, Richard Henry Lee habe gespottet, als er Thomas Jeffersons Entwurf der Unabhängigkeitserklärung las, weil dieser zum Teil aus der Abhandlung des englischen Philosophen Locke über das Regieren stammte.

 

Sogar die Heiligen haben ihren Teil an gegnerischer Kritik abbekommen. Dem hl. Franz Xaver warf man vor, er reise zu viel. Der kleinen Theresia von Lisieux erklärte eine ältere Schwester, als sie im Alter von 20 Jahren beauftragt wurde, die Novizinnen zu unterrichten: „In ihrem Alter, Schwester, sollte man eher lernen, sich selbst zu beherrschen, als anderen Richtlinien zu geben.“ Oder denken wir an jenen Redemptoristenprior, der einen Laienbruder, den hl. Gerhard Majella, zu einem anderen Superior schickte mit einem Zettel folgenden Inhalts: „Ich sende Ihnen hier einen zu nichts brauchbaren Laienbruder.“

 

Da wir nun einmal mit Kritik rechnen müssen, warum biegen wir sie nicht zu unserem Vorteil um? Sie kann zu einem wertvollen Erziehungsmittel gemacht werden. Flammende Empörung über sie bringt keinen Nutzen. Verärgerte Erwiderung im ersten Moment kann vielleicht verwundeten Stolz befriedigen, aber sie wird letzten Endes Frieden und Freude rauben, und wenn du deinem Ärger die Zügel schießen lässt, kann er dich so fortreißen, dass deine besten Freunde den Kopf über dich schütteln. Aber selbst wenn du nie hochgehen würdest, kann schon die bloße Weigerung, eine Kritik anzuhören, dich um manche nützliche Lehre bringen. Denn selbst in den schärfsten Bemerkungen steckt im Allgemeinen ein Körnchen Wahrheit. Wenn wir daher zu stolz sind, Kritik anzuhören, werden wir nie die Wahrheit über uns selbst erfahren.

 

Lerne die Kritik abwägen! Ihr Wert hängt ab von der Menge der Wahrheit, die in ihr liegt. Kritik kann Wahrheit vermitteln, selbst wenn sie zuweilen sehr mit kleinlicher Eifersucht oder schlecht verhülltem Groll vermischt ist. Kritiker haben den Vorteil, uns so zu sehen, wie wir selbst uns nie sehen.

 

Sie mag zuweilen bitter sein, diese Kritik, aber sie ist nützlich. Sie führt zur Selbsterkenntnis, und das ist etwas, was wichtig ist, aber schwer zu erwerben. Deine Absichten mögen gut sein, aber nur dein Mitmensch kann dir sagen, wie deine Taten aussehen. George Lorimer schrieb einmal: „Die meisten Menschen schielen, wenn sie sich selbst beurteilen, sie sehen einen Engel und nicht das, was sie betrachten wollen. Gerade deshalb, weil sie auf die Wahrheit in dem, was andere Leute sagten, achteten, nahmen die Heiligen oft Kritik mit so ungewöhnlicher Sanftheit hin. Sie waren sich bewusst, dass sie selbst Unrecht haben könnten, wenigstens zum Teil.

 

Die Haltung, die wir gegenüber bestimmten Arten von Kritik einnehmen sollten, kann im Voraus angegeben werden. Wer im politischen Leben steht, sollte wissen, dass es viele Leute mit Talmadge halten, nach dem „eine frische Kritik das grobe Frottierhandtuch ist, mit dem jeder im öffentlichen Leben stehende Mann täglich abgerieben gehört, um eine gesunde Blutzirkulation zu erhalten.“

 

Bist du aber Schriftsteller und ehrlich genug, dir einzugestehen, dass dein Werk nichts taugen kann, wenn dir zuständige Beurteiler dies sagen, dann kannst du es dir auch leisten, trotz mancher groben Kritik mit dem Schreiben fortzufahren. Dem großen Franzosen Monsignore de Ségur, der das klassische Werk „Antworten auf die Haupteinwendungen gegen die Religion“ schrieb, wurde einst von einem Kritiker vorgehalten, sein Werk sei so langweilig, dass es kein Verleger übernehmen werde. In der Tat musste seine Mutter die Druckkosten tragen. Später aber erlebte das Werk viele Hunderte von Auflagen in vielen Sprachen.

 

Wer Erfinder ist, muss ein dickes Fell für Kritik haben. Denn die Erfinder hatten schon immer viel von oberflächlichen Beurteilern auszuhalten. Die Spötter fielen einst über Bell und sein Telefon, über Wright und sein Flugzeug und über Edison und sein elektrisches Licht her. Als der erste amerikanische Auto-Erbauer, Winton, versuchte, einen Bankier an seiner neuen Erfindung zu interessieren, war der Finanzmann über einen solchen Träumer ganz bestürzt, der mit der Idee eines Wagens spielte, der laufen sollte, ohne dass ein Ross davor gespannt würde. „Sie sind verrückt, wenn Sie glauben, dass die närrische Erfindung, mit der Sie ihre Zeit verschwenden, je das Pferd ersetzen wird!“ erklärte er ihm.

 

Bist du aber ein Mensch, der ein Amt hat, so musst du dich in Acht nehmen vor den kleinen Geistern und lernen, die Dinge in ihren richtigen Größenverhältnissen zu sehen, besonders die Bemerkungen der chronischen Kritiker. Diese Leute sind in Wirklichkeit krank und verdienen mehr unser Mitleid als unseren Zorn. Wenn du dich zu sehr über sie aufregst, verdienst du den Vorwurf, den einst Lloyd George Woodrow Wilson machte, nämlich, dass er sich zu sehr um kleinliche Menschen kümmere.

 

Bist du unglücklicherweise der, auf den ein Vorgesetzter seine Kritik ablädt, dann nimm sie unter allen Umständen hin, wenn du wünschst, Erfolg zu haben, besonders wenn diese Kritik im Zorn gegeben wird. Wenn wieder lichte Momente kommen, dann kannst du ja deinen Standpunkt mit den diplomatischsten Worten und in den sanftesten Tönen, über die du verfügst, darlegen. Verteidigst du dich jedoch auf der Stelle, so wird dir dies ganz unwillkürlich den Ruf eines Gegners des Systems eintragen.

 

Es gibt Leute, die einen solchen Wert auf Kritik legen, dass sie Freunde vom gleichen Niveau, die sie als aufrichtig kennen, um eine Kritik angehen. Sie sind glücklich, eine offene Kritik zu erhalten. Aber im Allgemeinen kommt die Kritik nicht aus einer so gut gemeinten Quelle. Trotzdem kann sie, mag sie von Freund oder Feind stammen, nützlich sein, wenn man sie in der richtigen Weise hinnimmt. Große Gelehrte und Heilige wurden durch sie gefördert und weitergebildet. Das Reiben des Geistes mit dem Geist gehörte zu ihrer Erziehung. Wenn wir aber so töricht sind, uns von der Kritik verletzen zu lassen, kann unser ganzes Leben zu einer offenen Wunde werden.