Das Kreuzzeicheng

 

Kreuz und Kreuzzeichen

 

Viele Menschen machen gedankenlos das Kreuzzeichen. Andere gehen gleichgültig an einem Kreuz vorüber. Erinnern wir uns deshalb an den Sinn und die Bedeutung dieses heiligen Zeichens.

 

Der Gebrauch, das heilige Kreuzzeichen zu machen, ist uralter, christlicher Herkunft. Einer Legende nach soll der Heiland bei Seiner Himmelfahrt die Apostel mit dem Kreuzzeichen gesegnet haben. Sicher aber ist, dass schon der Apostel Paulus ermahnt, nach seinem Beispiel, uns in nichts anderem zu rühmen, als im Kreuz Christi.

 

Die kindliche Frömmigkeit alter Zeiten hat in allem das Kreuz aufgesucht; im fliegenden Vogel, im segelnden Schiff, im wachsenden Baum, in der Gestalt des menschlichen Körpers. Sie liebte es nicht bloß in der Kirche und auf dem Gewand des Priesters; ihr war es eine Ehre, es auf dem Purpur des Kaisers glänzen und der Könige Kronen damit geschmückt zu sehen.

 

Die Wand der Wohnung, die Zinnen und Dächer, sodann Bücher und Trinkgefäße u.v.a. trugen als Ehrenschild in einfacher oder kostbarer Ausführung das Kreuz und bekannten sich so als dem Dienst des großen Kreuzträgers geweiht.

 

Das Zeichen des Kreuzes begegnet uns bei jedem Gottesdienst; es bildet einen wichtigen Bestandteil der Liturgie. Keine Kirche, kein Altar, kein Sakrament, kein Heilsmittel ist möglich ohne Kreuzzeichen. In ihm wird getauft, gefirmt, losgesprochen, gesühnt, geweiht, geräuchert, gesegnet; mit ihm beginnt der Priester tagtäglich das heilige Opfer und die gesamte katholische Christenheit ihre Gebete.

 

Von der Zeit des Kaisers Konstantin an, der mit dem Kreuz und durch das heilige Kreuzzeichen die Welt eroberte, war es zur eigentlichen Fahne des Christentums geworden. Sogar die christliche Erde, Berg und Tal sollten ihm öffentlich die Ehre geben, weshalb das Kreuz auf den Höhen und in den Schluchten, in Feld und Wald, Weg und Steg, in Palast und Hütte errichtet wurde. „Im Kreuz ist Heil,“ so rufen uns diese einsamen Prediger zu, „im Kreuz ist Trost und Freude!“

 

Die Sitte, das heilige Kreuzzeichen zu machen, ist in der Kirche deswegen so allgemein, weil dies Zeichen so tief bedeutsam, so voller Geheimnisse ist. Das heilige Kreuzzeichen ist das kürzeste Glaubensbekenntnis; denn es enthält die vorzüglichsten Wahrheiten unserer Religion, die Wahrheiten von der Einheit und Dreipersönlichkeit Gottes und von der Erlösung durch Jesus Christus. Indem wir nämlich sprechen: „Im Namen,“ drücken wir die Einheit Gottes; mit den Worten: „des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ aber Seine Dreipersönlichkeit aus; und in der Form des heiligen Kreuzes ist das Leiden und der Erlösungstod Christi dargestellt, weshalb das Kreuz auch das Zeichen unserer Erlösung genannt wird.

 

Das Kreuz und Kreuzzeichen ist ein überaus wirksames und kräftiges Schutzmittel gegen die Feinde unseres Heils; denn es ist das glorreiche Siegeszeichen über Sünde, Tod und Hölle. Darum betet die Kirche: „Durch das Zeichen des heiligen Kreuzes bewahre uns, o Gott, vor unsern Feinden“ und ruft den Dämonen zu: „Sehet das Kreuz des Herrn, fliehet ihr feindlichen Mächte!“ Durch das Kreuzzeichen stürzten die Götzenbilder von den Altären und wurden die Wahrsager in ihren schwarzen Künsten machtlos gemacht. Zahllos sind die Wunder des Kreuzes; so hat der heilige Benediktus das Kreuzzeichen über den Giftbecher gemacht und er zersprang und der heilige Tiburtius machte es über die sengende Glut, über die er gehen sollte und sie verletzte ihn nicht. Wer die Geschichte der Märtyrer, wer die unserer seitherigen Heiligen liest und so manche großartige Begebenheiten in den Geschicken der Menschen näher betrachtet, dem kann der segensvolle Einfluss vom Kreuz und Kreuzzeichen nimmer als etwas Gehaltloses scheinen; demnach haben wir Katholiken einen glorreichen Stammbaum vor uns, wenn wir das Zeichen des heiligen Kreuzes lieben und ehren, wenn wir uns mit demselben oft und gerne bezeichnen, am Morgen und am Abend, wenn wir uns zu Tisch setzen und wenn wir uns vom Mahl erheben, vor und nach dem Gebet, vor jedem wichtigen Geschäft, in den Gefahren des Leibes und der Seele.

 

Ja, machen wir das heilige Kreuzzeichen, aber machen wir es doch recht andächtig und mit Bewusstsein. Man sieht oft Leute, die ganz absonderliche Figuren machen, bei denen alles eher erkennbar ist, als das heilige Zeichen; man sieht solche, die es so hastig machen, als schämten sie sich dessen, man sieht aber auch zahlreiche Katholiken, die überhaupt keines mehr machen. Es ist doch schön, wenn man in einem Gasthof oder bei einer Gesellschaft einen Menschen sieht, der still und unauffällig, aber glaubensfreudig sein Tischgebet mit dem Kreuzzeichen einleitet. Hierbei sei bemerkt, dass man in diesem Punkt eine gewisse Klugheit walten lassen muss, bedenkend, dass man das Heilige dem Spott nicht aussetzen darf. Wo also ein solcher irgendwo dem Zeichen des Kreuzes zuteil würde, ist es besser, sein Tischgebet zu verrichten, ohne das Kreuzzeichen zu machen. Zwischen einer unrühmlichen Menschenfurcht und dem unklugen Eifer darf dieser Mittelweg begangen werden.