Krankensalbung

 

Eine verkannte Gottesgabe – Das heilige Sakrament der Krankensalbung

 

Der Heiland mit seinem goldenen, menschenfreundlichen Herzen zog einst in Palästina umher und suchte überall wohl zu tun. Er erbarmte sich aller, die ihn um Hilfe baten. Am meisten aber rührte ihn die Not der Kranken. Sie erfuhren von ihm die zärtlichste Behandlung: er war der Trost der Kranken.

 

Der Heiland mit seinem goldenen, menschenfreundlichen Herzen hört auch jetzt nicht auf, Wohltaten zu spenden. Er wirkt fort in seiner Kirche, besonders durch die heiligen Sakramente. Und weil er den Kranken seine Vorliebe bewahrte, so setzte er eigens für sie ein Sakrament ein. Ein großes Sakrament. Ein Sakrament der größten Erbarmung. Ein Sakrament, das an Wirkung der Taufe fast an die Seite gestellt werden kann. Ein Sakrament, das eine ganze Fülle von Gnaden mitteilt. Ein Sakrament, für das wir ihm nicht dankbar genug sein können, das aber leider wenig geschätzt, ja vielfach wegen dummer Vorurteile ganz verkannt wird. Es ist das Sakrament der heiligen Krankensalbung oder – wie es weniger zutreffend bezeichnet wird – das Sakrament der letzten Ölung.

Dass dem so ist und dass die Lobsprüche, die du eben gesehen hast, keine Übertreibungen enthalten, soll in aller Kürze gezeigt werden. Die heilige Fastenzeit, in der uns Christus der Herr selbst als „der Mann der Schmerzen“ erscheint, ist ja für solche Erwägungen wie gemacht. „Wahrlich“, sagt der Prophet Jesaja vom Erlöser im 53. Kapitel, „er trägt unsere Krankheiten und lädt auf sich unsere Schmerzen ... unseres Friedens willen liegt die Züchtigung auf ihm und durch seine Wunden werden wir geheilt.“

 

Welchen Zweck hat denn das Sakrament der Krankensalbung? Warum hat es der Heiland eigens für die Kranken eingesetzt?

 

Es soll nach seiner Absicht dem Kranken die Gesundheit wieder geben und zwar vor allem und an erster Stelle seine Seele vollkommen heilen. Denn die Seele ist ja unendlich mehr wert als der Leib und oft sind die körperlichen Leiden nur eine Strafe oder eine Folge unserer Sünden. Was heißt das aber? Worin besteht die vollkommene Heilung der Seele? Darin, dass, wer immer die vollen Wirkungen dieses Sakramentes an sich erfährt, ganz rein und heilig und deshalb im Falle des Todes fähig wird, sogleich, ohne Fegfeuer, in die ewige Glückseligkeit einzugehen. Ist das nicht trostvoll?

 

Und wie wirkt das Sakrament der Krankensalbung?

 

Der Priester salbt den Kranken mit dem heiligen Öl und betet dabei. Durch diese Salbung und durch die begleitenden Worte des Priesters wird in der Seele des Kranken die heiligmachende Gnade vermehrt. Zugleich bekommt der Kranke einen Rechtsanspruch auf viele, beistehende, d. h. den Verstand erleuchtende und den Willen anregende Gnaden, um den Versuchungen, die in schwerer Krankheit oft heftig sind, siegreichen Widerstand leisten zu können. Außerdem wird er durch diese Gnaden zur Übung kostbarer Tugenden angetrieben und unter ihrem Einfluss ruhiger und froher gestimmt. Er wird getröstet, ergibt sich in den Willen Gottes, empfindet Gottesliebe und Reue, macht sich los von allen ungeordneten Neigungen und wird so allmählich von allen lässlichen Sünden und zeitlichen Sündenstrafen völlig frei. Welch herrliche Wirkungen! – Wenn der Kranke den ihm mitgeteilten Gnaden treu entspricht, so wird seine Seele also so schön und rein wie die Seele des Menschen nach Empfang der heiligen Taufe – ja, vielleicht noch schöner, weil er sich, wie gesagt, durch die verschiedenen Tugendakte viele Verdienste erwirbt. Kurz, sie wird vollständig gesund unter der huldreichen Heilkraft des Heilandes.

 

Aber nicht nur die Seele, sondern oft auch der Leib. Denn die ruhige und gottergebene Seelenstimmung sowie die sakramentale Gnade und das Gebet der Kirche machen, dass die Krankheit, wenn es deren Beschaffenheit ermöglicht und wenn es der vollkommenen Heilung der Seele förderlich ist, nachlässt und der Kranke völlig genest.

 

Wahrlich, der Heiland mit seinem goldenen, menschenfreundlichen Herzen heilt auch heute noch wie ehedem. Ist also die Krankensalbung nicht wirklich ein großes Sakrament, ein Sakrament der größten Erbarmung.

 

Aber, aber – und nun kommt eine wichtige Schlussfolgerung; die ins praktische Leben eingreifen soll und wegen der ich dies schreibe: damit die heilige Krankensalbung diese entzückenden Wirkungen in ihrem ganzen Umfang ausüben kann, ist es unbedingt notwendig, dass sie rechtzeitig empfangen werde.

 

Wann ist es rechtzeitig? Solange der Kranke noch das volle Bewusstsein hat, damit er imstande ist, mit Verstand und Willen den erleuchtenden und anregenden Gnaden zu folgen. Denn wenn jemand schon so schwach ist, dass ihm die Sinne schwinden, so kann er unmöglich mehr beten. Das weiß jeder, der einmal erfahren hat, wie schwer es uns schon bei heftigen Kopfschmerzen oder bei schlimmen Zahnschmerzen wird, auch nur einen guten Gedanken zu fassen. Wann ist es rechtzeitig? Solange die Krankheit durch den Einfluss der Gnade und eines ruhigen, friedlichen Gemütes noch gebrochen werden kann, weil ja Gott der Herr für gewöhnlich keine Wunder wirkt, sondern seine Hilfe davon abhängig macht, dass der Mensch auch das Seinige tut.

 

Daraus folgt die äußerst wichtige Regel, die nicht genug eingeschärft werden kann, zumal heutzutage neben der heiligen Beichte kaum ein Sakrament so sehr verkannt wird und deshalb ein fast entgegengesetzter Gebrauch herrscht: Warte nicht erst ab, bis die Todesgefahr nahe ist oder gar schon das Bewusstsein schwindet, sondern Empfange die heilige Salbung früher, ja gleich bei Beginn einer jeden schweren Krankheit. Sie ist ja für alle Schwerkranken, nicht nur für jene, die dem Tod nahe sind. Das allerbeste wäre, wenn man sich es zum Lebensgrundsatz machen würde: So oft ich schwer krank werde, empfange ich das Sakrament, das der Heiland zu Gunsten der Kranken seiner Kirche hinterlassen hat, die heilige Krankensalbung.

 

Was ist aber eine schwere Krankheit? Eine schwere Krankheit ist eine solche Krankheit, die den begründeten Verdacht erregt, dass sie tödlich sein könnte, die also zum Tod, aber auch natürlicherweise, d.h. ohne Wunder, zur Genesung führen kann, wie z.B. eine Lungenentzündung und drgl. Wenn jemand also gleich, sobald der Arzt eine Krankheit als schwer erklärt, nach der heiligen Krankensalbung verlangt, so hat er den besten Zeitpunkt getroffen, um am sichersten die vollen Wirkungen derselben sowohl für die Seele als auch den Leib zu erlangen.

 

Die heilige Krankensalbung kann nämlich öfter empfangen werden: so oft jemand schwer erkrankt. Dass sie nur für die Sterbenden bestimmt sei, ist ein bedauerlicher Irrtum, den niemand mehr beklagen sollte als die Kranken selbst. Einen durchschlagenden Beweis dafür bietet schon der Ritus der Krankensalbung, in dem kein Wörtchen vom Tod zu finden ist, wohl aber viel um Gesundheit des Kranken gebetet wird. So betet der Priester z.B. nach der Salbung der fünf Sinne:

 

„Herr, unser Gott, du hast durch deinen Apostel Jakobus gesprochen: Ist jemand unter euch krank, so rufe er die Priester der Kirche und sie sollen über ihn beten, indem sie ihn mit Öl salben im Namen des Herrn; so wird das Gebet des Glaubens dem Kranken zum Heil sein und der Herr wird ihn aufrichten, und wenn er in Sünden ist, werden sie ihm nachgelassen werden: Wir bitten dich, unser Erlöser, heile durch die Gnade des Heiligen Geistes die Schwäche dieses (dieser) Kranken, heile seine (ihre) Schäden, vergib ihm seine (ihr ihre) Sünden, befreie ihn (sie) von allen Leiden des Geistes und des Leibes und gib ihm (ihr) gnädig wieder die volle innere und äußere Gesundheit, damit er (sie) durch deine Barmherzigkeit wiederhergestellt, zu seinen (ihren) früheren Arbeiten zurückkehre. Der du lebst und herrschst mit dem Vater und dem Heiligen Geist Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

 

Es ist daher höchst töricht, ja geradezu als eine Verkennung der barmherzigsten Absichten des Heilandes zu bezeichnen, wenn die Leute meinen, man müsse nun sterben, wenn man dieses Sakrament empfangen hat. Im Gegenteil ist die Wahrscheinlichkeit viel größer, dass du wieder gesund wirst, wenn du die heilige Krankensalbung nur rechtzeitig empfangen hast. Und sollte schließlich nach Gottes Willen die schwere Krankheit dich doch zum Tod führen – denn einmal müssen wir ja sterben – so ist das wahrhaftig immerhin ein großes Glück, dass du reich an Verdiensten dein Schmerzenslager mit dem Himmel vertauschen kannst, ohne das Fegfeuer gesehen zu haben. Wie sehr sollten wir dem Heiland dafür danken.

 

Um Missverständnissen vorzubeugen muss noch etwas gesagt werden. Aus dem bisher Gesagten folgt nicht, dass derjenige gar keine Wirkungen der heiligen Salbung empfangen kann, dem sie erst in der Todesgefahr oder im bewusstlosen Zustand gespendet wird und noch dazu, wenn er vorher gar nicht beichten und kommunizieren konnte, was ja der heiligen Salbung in der Regel vorausgehen soll. Die Erbarmungen Gottes sind groß und ein solcher Christ kann auch in diesem Zustand noch mancher Früchte dieses großen Sakramentes teilhaftig werden, wie vor allem der Nachlassung schwerer Sünden, die etwa auf seinem Gewissen lasten, wenn man auch kaum erwarten darf, dass er bis zu jener Reinheit gelangt, die Anspruch gibt zum augenblicklichen Übergang in die ewige Glückseligkeit. Das sei manchem zum Trost gesagt.

 

Schätze also gebührend dieses kostbare Gnadengeschenk und verkenne es nicht. Benütze es so, wie der Glaube und die Vernunft es dich lehren, ungeachtet der törichten Vorurteile kurzsichtiger Leute. Merke dir es: Manche leiden im Fegfeuer, die schon im Himmel jubeln würden – manche sind ewig verloren, die selig geworden wären – manche sind gestorben, die noch gesund leben würden: wenn sie dieses Sakrament der göttlichen Barmherzigkeit rechtzeitig empfangen hätten. Daher soll es dein Lebensgrundsatz werden: So oft ich schwer erkranke, will ich um die heilige Krankensalbung bitten.