Kraft der heiligen Sakramente

 

Kaum hatte der heilige Bischof Erhard das Taufwasser über das Haupt der blindgeborenen Herzogstochter ausgegossen, so erhielt sie nicht nur das Licht des Glaubens, sondern auch das Licht der Augen, das sie von ihrer Geburt an entbehrt hatte. Diese Heilung war ein außerordentliches Wunder der göttlichen Gnade, das ohne Zweifel manchen die Augen öffnete, die noch an der Wahrheit des christlichen Glaubens zweifelten oder die Wirkungen der heiligen Sakramente gering schätzten. Und doch enthalten und geben die Sakramente jederzeit eine überirdische, göttliche Kraft.

Als Jesus einst einen Blindgeborenen heilte, strich er seinen Speichel mit Erde vermischt, auf dessen Augen und sprach zu ihm: „Geh hin und wasche dich im Teich Siloe! Da ging er hin, wusch sich und wurde sehend.“ (Joh 9,4-7) Erkennen wir daraus die verborgene Kraft der Sakramente und die Notwendigkeit unserer Mitwirkung.

 

1. Durch ein bloßes Wort, ja durch seinen Willen allein konnte Jesus den Blindgeborenen heilen, wie er es oft in seiner Allmacht tat. Gewiss hatte auch die Erde, mit der er die Augen des Blinden bestrich, keine natürliche Heilkraft. Die Handlung Jesu sollte ein Sinnbild sein, an dem er die Gnade der Genesung knüpfen wollte. So konnte auch das Waschen des Blindgeborenen im Teich Siloe an sich das Augenlicht nicht verschaffen, aber dieser Teich war ein Vorbild jener heilsamen Bäder der Reinigung von Sünden, die Christus in seiner Kirche einsetzte. Christus wollte seine Gnaden an sichtbare Zeichen knüpfen, um dem Empfänger über den Zeitpunkt der Gnadenwirkung Sicherheit zu geben. Deshalb werden alle Sakramente unter äußeren Zeichen erteilt. Besonders hat Jesus das Wasser durch seine Berührung geheiligt, da er sich im Jordan taufen ließ, um dadurch dieses Element zum sichtbaren Zeichen des ersten Sakramentes einzuweihen, das die Tür zu allen Gnadenmitteln ist. O wie schön entspricht diese Anordnung dem Doppelwesen des Menschen, dass er vom Sinnlichen zum Übersinnlichen, vom Sichtbaren zum Unsichtbaren aufsteige. Wie innig sollen wir Gott danken für so viele äußere Gebräuche und Zeremonien der Kirche, die uns eine heilige Leiter sind, auf der wir uns zu Gott erheben und die unter unscheinbarer Hülle große Schätze bergen. Was ist einfacher, als Wasser? Wird es aber im Namen des dreieinigen Gottes über den Täufling ausgegossen, so wird in diesem Augenblick die Seele unsichtbar gereinigt von jeder Makel, und der Heilige Geist vollbringt zur selben Zeit die Feuertaufe, die die Liebe ins Herz ergießt. O wunderbare Kraft der Sakramente, deren geheimnisvolle Hülle so große Gnadenschätze birgt und spendet.

 

2. Soll aber die Anwendung jener geheiligten Gnadenzeichen jene Wirkung in der Seele hervorbringen, zu der sie bestimmt sind, so muss der Mensch mit Glauben und gutem Willen entgegenkommen. Mit welch freudiger Bereitwilligkeit nahm die blinde Herzogstochter Othilia die Lehre des Glaubens an. Wie gern horchte sie der Rede des heiligen Bischofs Erhard. Mit welchen Andachts- und Bußübungen bereitete sie sich auf die Gnade der heiligen Taufe vor. Gleich den Blindgeborenen im Evangelium tat sie ohne Widerrede alles, was ihr der Herr durch seinen Diener auftrug. Sie gehorchte ohne zu ahnen, welch außerordentliche Gnadengabe ihr Gott zugedacht hatte. Ihr Glaube, ihr Vertrauen, ihr Gehorsam wurde herrlich belohnt. Mit dem Licht des Glaubens empfing sie das lang entbehrte Licht der Augen, um die Herrlichkeiten dieser Welt zu sehen, aber auch jenes höhere Licht, das sie die irdischen Freuden und Genüsse verachten ließ, um nach höheren zu trachten, das ihr auf dem rechten Weg zum Himmel vorleuchtete und in dem sie ewig wohnen wollte. – O Licht der Welt, das jeden Menschen erleuchtet, erleuchte mich, wie jene Blinde. Lass mich nicht in der Finsternis und in den Todesschatten der Sünde und des Irrtums schmachten, sondern auf dem Weg des Glaubens und Gehorsams gehen; denn du bist der Weg, die Wahrheit und das Leben. Amen.