Die Kniebeuge

 

Dem Allerheiligsten in unseren Kirchen sollen wir Anbetung entgegenbringen, nicht nur innere, sondern auch äußere. In vielfältiger Weise hat diese äußere Anbetung in der Kirche Ausdruck gefunden und ist sogar geregelt worden. Ein Zeichen dieser Anbetung ist die Kniebeuge, die eine ebenso alte wie bedeutungsvolle religiöse Zeremonie ist.

 

Die Kniebeuge ist ein alter Brauch, der schon zu Zeiten des alten Bundes vorkam. Es heißt zum Beispiel von Abraham als Gott ihm erschien: „Er fiel nieder auf sein Angesicht.“ Besonders geheiligt ist dieser Brauch durch das Beispiel Jesu selbst, der am Ölberg, als er von der Todesangst fürchterlich gequält wurde, auf die Knie sank, auf sein Angesicht fiel und um Abwendung des bitteren Leidenskelches flehte. Und wenn wir von Jesus hören, dass er sich oft auf einen Berg zurückzog, um zu beten, dann dürfen wir wohl annehmen, dass er auch da auf den Knien liegend zum Vater um Gnade für uns Menschen rief. Diesem Beispiel folgten zuerst die Apostel. Als Petrus die Tabita ins Leben zurückrief, beugte er zuerst die Knie und betete. Als Paulus Abschied von den Christen in Tyrus nahm, begleiteten ihn alle zur Stadt hinaus und sanken am Strand auf ihre Knie und beteten. Noch zur Zeit Beda’s des Ehrwürdigen, das war im 7./8. Jahrhundert, zeigte man den Pilgern die Stätte dieses Gebetes. Was der Apostel hier selbst getan hat, das lehrt er ausdrücklich die Gläubigen, wenn er an die Philipper schreibt: „Im Namen Jesu sollen sich alle Knie beugen, alle die im Himmel, auf der Erde und unter der Erde sind.“ Die Kirche hat diesen Brauch von den Aposteln übernommen und stets an ihm festgehalten. Nach dem Zeugnis Tertullians (2./3. Jahrhundert) wurde beim öffentlichen Gottesdienst immer kniend gebetet mit Ausnahme des Sonntags und der Zeit von Ostern bis Pfingsten, in welcher man zur Erinnerung an die Auferstehung Christi stehend betete, was auch jetzt noch geschieht zum Beispiel beim Gebet zum Angelus-Läuten. Ein Beispiel dafür, dass man in der alten Kirche die Gebete kniend verrichtete, ist auch die Aufforderung des Diakons, die sich noch heute in unserer Liturgie, beispielsweise bei den großen Fürbitten am Karfreitag, findet: „Flectamus genua! Beuget die Knie!“ und dann „Levate! Erhebet euch!“ Diese Aufforderung zum Knien scheint übrigens aus Bequemlichkeit nicht immer beachtet worden zu sein; denn der gallische Erzbischof Cäsarius von Arles (5./6: Jahrhundert) tadelt deshalb seine Zuhörer: „“Wenn der Diakon ruft: Beuget die Knie! So sehe ich den größten Teil der Gemeinde wie die Säulen stehen, was den Christen, wenn in der Kirche gebetet wird, weder erlaubt noch geziemend ist.“ Vielleicht passt dieser Tadel ja auch auf so manche Christen unserer Tage, die sich aus Gleichgültigkeit oder Stolz oder anderen Gründen scheuen, vor ihrem Gott die Knie zu beugen.

 

Unterschieden wird bei der Kniebeuge zwischen der doppelten, bei der man sich mit beiden Knien niedersenkt und in dieser Stellung einige Zeit verbleibt, und der einfachen, bei der bloß das rechte Knie bis zur Erde gesenkt wird. Die doppelte Kniebeuge oder das Beten auf den Knien ist zuallererst ein Bekenntnis der Sündhaftigkeit und ein Ausdruck der Reue, der bußfertigen Gesinnung. „Zeichen der Buße und Trauer“ nennt Rhabanus Maurus, der Abt des Klosters Fulda (8./9. Jahrhundert), die doppelte Kniebeuge. Der Mensch, der sich seiner Sünden bewusst geworden ist, fühlt lebhaft die furchtbare Last derselben, und unter diesem niederdrückenden Gewicht sinkt er zur Erde. Er hält sich nicht für würdig, mit Sünden beladen vor dem Angesicht Gottes aufrecht zu stehen. Demütig als Sünder fällt er auf seine Knie nieder. Diese Weise liegt auch in dem Brauch der alten Kirche zu Grunde, wonach unter den Büßern die „Niedergeworfenen“ (substrati) und unter den Katechumenen die „Knienden“ (genuflectentes) immer, auch da, wo die anderen Christen standen, knien mussten. Da das Knien aber ein Ausdruck des Schuldbewusstseins ist, deshalb fiel und fällt es an den Sonntagen und in der Osterzeit weg, denn da feiern wir die Befreiung von der Sünde des Menschen durch Christi Erlösungstod und Auferstehung. Die heilige Messe aber ist die Erneuerung des großen Sühneopfers; daher wird in ihr zu jeder Kirchenjahreszeit gekniet.

 

Außerdem galt die Kniebeuge von jeher als sprechender Ausdruck einer dringenden und inständigen Bitte. Auch nichtchristliche Völker kannten sie und warfen sich als Schutz- oder Hilfesuchende zur Erde nieder, um so ihrer Bitte größeren Nachdruck zu geben und natürlich dadurch auch das Herz des Angeflehten zu rühren. Was ist aber auch der Mensch Gott gegenüber anders als ein armer Bettler, samt und sonders außer Stande, sich selbst zu helfen, ganz und gar auf Gottes Hilfe angewiesen? Wie kann der Mensch dieses besser zeigen als dadurch, dass er sich vor Gott auf die Knie niederwirft? Dadurch zeigt er seine eigene Ohnmacht, dadurch gibt er sich ganz in die Hände Gottes, von dessen Güte und Erbarmen er Alles erwartet. Demut, Vertrauen, Ergebung, diese notwendigen Eigenschaften des Gebetes, sie gelangen durch das Knien in der schönsten Weise zum Ausdruck.

 

Was dann die einfache Kniebeuge angeht, so ist sie Zeichen der Anbetung, der Anerkennung Gottes als des höchsten Herrn. Da die heidnischen Kaiser und Könige und andere Herrscher sich selbst als die höchsten Herren ansahen, so verlangten sie oft von ihren Untertanen als Zeichen der Anerkennung ihrer Oberherrlichkeit die Kniebeuge. Bekannt ist ja auch, wie diejenigen sich verbeugt haben und zur Erde niederwerfen mussten, die vor dem Kaiser von China erscheinen wollten. Unser höchster Herr ist Gott; er hat uns erschaffen, und in seiner Herrschaft stehen wir in jedem Augenblick unseres Lebens. Vor ihm, dem Urquell alles Guten, dem König der Könige, wird daher die Kniebeuge zur Anbetung und zur fröhlichen Hingabe unserer selbst. Der Glaube lehrt uns aber, dass dieser allgewaltige Gott im allerheiligsten Sakrament wahrhaft wohnt; daher die Pflicht, vor dem heiligsten Sakrament, wo immer man ihm begegnet, zu knien. Deshalb kniet auch der Priester am Altar während der heiligen Messe, sobald er die Wandlungsworte gesprochen hat. In diesem einen Akt, in der Kniebeuge, drückt sich Alles aus, was die Seele des Christen bewegt, wenn er sich seinem Gott gegenüber sieht.

 

Schließlich ist die Kniebeuge auch eine Verrichtung, die Segen bringt. Wer sie übt als Anbetung Gottes und im Geist der Kirche, vollbringt damit ein gutes Werk und erwirbt sich, man traut es sich kaum mehr zu sagen, ein Verdienst für den Himmel. Insbesondere ist sie eine Übung der Demut, um unseren Stolz zu bekämpfen. Immer wieder erinnert uns die Kniebeuge an unsere Nichtigkeit und Sündhaftigkeit, sie mahnt uns, dass wir allen Grund haben, uns vor Gott in den Staub niederzuwerfen und bereitet so das Herz vor, die Gnade zu empfangen; denn nur „dem Demütigen gibt Gott seine Gnade“. Es ist also wichtig beim Eintritt in die Kirche vor dem Tabernakel andächtig die Kniebeuge zu machen, um so das Herz in die rechte Stimmung zu versetzen und für die Aufnahme der Gnade empfänglich zu machen.

 

So sollen wir unserem im Sakrament gegenwärtigen Gott durch eine recht andächtige Kniebeuge Anbetung und Huldigung darbringen. Wir tun damit was die Weisen aus dem Morgenland vor der Krippe taten: „Sie fielen nieder und beteten das Kind an.“ Wir knien bis auf den Boden. Einen seltsamen Eindruck macht es auf ein gläubiges Herz, wenn man sieht, wie manche Menschen sich mit einer halben Kniebeuge oder einer bloßen Verneigung vor dem heiligsten Sakrament begnügen. Wenn nicht Alter oder körperliche Gebrechen und Schwächen entschuldigen, so der heilige Vincenz von Paul, fordert die Ehrfurcht, dass man bis zur Erde das Knie beuge, dass man auch während der heiligen Messe und vor ausgesetztem Allerheiligsten knie und nicht etwa sitze. Niederknien sollen wir aber auch, wenn wir dem heiligen Sakrament auf der Straße begegnen, wenn es zum Beispiel zu den Kranken getragen wird. Es ist ja immer derselbe Gott, dem überall Anbetung gebührt.

 

Und für diejenigen, denen die Kinder anvertraut sind, ergibt sich daraus noch die besondere Pflicht, die Kinder schon frühzeitig an richtige Kniebeugen in der Kirche zu gewöhnen, auch darauf zu achten, dass sie knien, wenn sie dem heiligsten Sakrament begegnen. Dadurch wird die Ehrfurcht vor dem Sakrament in den Kindern ganz sicher größer und der Glaube wird immer mehr gefestigt.

 

 

Die Kniebeugung vor dem heiligsten Sakrament

 

Ein Priester berichtete, dass, als er in eine neue Gemeinde kam, kaum jemand beim Betreten und Verlassen der Kirche, ja nicht einmal beim Empfang der heiligen Kommunion das Knie beugte. Die männlichen Gemeindemitglieder machten kaum einen Knix, sie stellten bloß den rechten Fuß etwas zurück, und die weiblichen Gemeindemitglieder taten überhaupt nichts dergleichen. Mit der Gnade Gottes fing er bei den Kindern an und sah darauf, dass sie das Knie bis zum Boden beugten; er hoffte, die Erwachsenen würden dann von den Kleinen lernen, wie man sich in der Nähe des Allerheiligsten beträgt. Doch darin täuschte er sich.

 

Nun hielt er eine Predigt, in der er hervorhob, dass der Apostel an die Philipper schreibt: „Im Namen Jesu sollen sich beugen die Knie aller derer, die im Himmel, auf der Erde und unter der Erde sind.“ Im Anschluss daran richtete er einen kurzen Appell an die Männer, sie sollten als Männer das, was sie tun, ganz tun und sollten sich nicht mit einer angefangenen Kniebeuge begnügen, sondern sollten eine vollständige machen. Diese Aufforderung verhallte nutzlos. – Dann wandte er sich an die weiblichen Zuhörer, die nicht die geringste Ehrfurchtsbezeugung vor dem Herrn im Tabernakel machte. Die große Mehrzahl leistete der Aufforderung Folge, musste sich aber dafür von anderen, deren Stolz es ihnen nicht gestattete, das Knie vor ihrem einstigen Richter zu beugen, viel gefallen lassen. „Falschheit und Heuchelei!“ waren die geringsten Ausdrücke, die diese folgsamen Seelen zu hören bekamen. Eine Mutter hat bitter geklagt über den Hohn und Spott, den der elende Hochmut über die gottgewollte Demut ausgoss. – Doch hatte er auch manche herzliche Freude, wenn er z.B. ein altes Mütterchen, das schon mehr als 80 Jahre auf dem Rücken trägt, seit jener Predigt sah, wie es sich bemühte, so gut es eben ging, seine Kniebeuge zu machen.

 

Mit welcher inneren Einstellung soll die Kniebeuge vor dem hochheiligen Sakrament gemacht werden?

 

Es soll eine Kniebeuge sein: langsam und ehrerbietig gemacht – voll lebendigen Glaubens an die Gegenwart des Herrn über Leben und Tod im allerheiligsten Sakrament.

 

Es soll eine Kniebeuge sein: voll himmlischer Hoffnung auf die Barmherzigkeit unseres Erlösers, der uns vom Tabernakel aus geben will Segen und Gnade zum ewigen Leben.

 

Es soll eine Kniebeuge sein: voll inniger Gottesliebe zu unserem verborgenen Gott in der Brotsgestalt, den seine Liebe zu uns zum Gefangenen gemacht hat bis an das Ende der Zeiten.

 

Es soll eine Kniebeuge sein: voll tiefinnerster Reue über alle Fehltritte unseres Lebens, durch die wir den beleidigt haben, von dem wir nichts anderes als nur Liebe und wieder Liebe empfangen.

 

Es soll eine Kniebeuge sein: voll herzlichster Demut in dem Bewusstsein unserer unbedingten Armseligkeit gegenüber demjenigen, der, so klein und arm er auch ist im Tabernakel, doch die Geschicke des ganzen Weltalls in seinen Händen hat.

 

Es soll eine Kniebeuge sein: voll heißer Sehnsucht nach dem, der unser Alles sein muss schon in dieser Zeit, wenn er unser Alles sein soll einmal in der seligen Ewigkeit.

 

Es soll eine Kniebeuge sein: der gänzlichen Hingabe an den, der sich für uns hingegeben hat in den Tod, der sich uns hingibt zur Speise, der sich uns hingeben will in alle Ewigkeit.

 

Und wie sollen diese Akte erweckt werden?

 

Das eine Mal, wenn du dein Knie andächtig, ehrerbietig, langsam bis zum Boden beugst, kannst du dabei beten:

 

„O Herr, ich glaube an Dich, ich hoffe auf Dich, ich liebe Dich.“

 

Ein anderes Mal:

 

„O Herr Gott, sei mir armen Sünder gnädig und barmherzig!“

 

Oder:

 

„O Herr, sieh an mich armen Sünder; ich bin nicht würdig, dass Du eingehst unter mein Dach, aber komme jetzt von Deinem Tabernakel in geistlicher Weise in mein Herz.“

 

„O mein Herr, Du Bräutigam meiner unsterblichen Seele, mein Herz dürstet nach Dir; stille meine Sehnsucht und komme geistlicher Weise zu mir.“

 

„O Jesus, Dir lebe ich; o Jesus, Dir sterbe ich; o Jesus, Dein bin ich tot und lebendig.“

 

„O Jesus, segne mich von Deinem Tabernakel aus.“

 

„Hochgelobt und gepriesen sei ohne End, Jesus Christus im allerheiligsten Altarsakrament.“

 

Und wenn du den Herrn im Tabernakel verlässt, kannst du noch beten mit dem frommen Simeon, indem du dich auf dein Knie niederlässt: „Nun entlässt Du, Herr, Deinen Diener in Frieden; denn meine Augen haben gesehen Dein Heil.“

 

Möge jede Kniebeuge, die du voll Anbetung, voll Glaube, Hoffnung und Liebe, voll Reue und Demut, voll hingebender Sehnsucht machst, dir einen hellglänzenden Edelstein in die Krone deiner Seligkeit bringen, damit er leuchte in Ewigkeit!

 

Dankesgrüße vor dem Tabernakel

 

Zieh mich hier zu Deinen Füßen,

Süßer Jesus, voller Huld,

Dich in Liebe zu begrüßen,

Dir zu zahlen Dankesschuld.

 

Du hast ja für mich vergossen

Deinen letzten Tropfen Blut,

Sterbend mir Dein Herz erschlossen,

Du, mein Gott und höchstes Gut!

 

Drei und dreißig Jahr hienieden

Gingst Du segnend einst umher,

Hinterließest Deinen Frieden,

Deine Gnade, Deine Lehr.

 

Nicht als Waisen willst verlassen

Du uns wissen bis ans End;

O, wer kann die Lieb erfassen

In dem heilgen Sakrament?

 

Deine Freude ist`s, zu wohnen

Bei den Menschenkindern Dein;

Möchten sie die Liebe lohnen,

Ihre Herzen ganz Dir weihn.

 

Sieh, ich opfre Dir das meine;

Nimm es, Jesus, huldvoll an;

Schließ so fest es in das Deine,

Dass es nie sich trennen kann.

 

Tausendmal hab ich empfunden

Süße Tröstung ohne End,

Weilte ich in Deinen Wunden

Vor dem heilgen Sakrament.

 

Doch noch größer war die Wonne,

Wenn Du selbst als Seelengast,

Du, des Himmels ewge Sonne,

Ganz Dich mir geschenket hast.

 

Ja, wer kann die Gnaden zählen,

Die ich, Herr, verdanke Dir?

Mich mit neuer Kraft zu stählen,

Wohntest liebend Du in mir.

 

Du, o Herr, ließ`st mich gesunden,

Da an Leib und Seel ich krank,

Was ich Gutes je empfunden,

Süßer Jesus, Dir ichs dank!

 

Darum will ich für Dich leben

Diese kurze Spanne Zeit,

Ganz der Liebe hingegeben,

Deinem Dienste ganz geweiht.

 

Immer will ich Dir vertrauen,

Ehren Dich im Sakrament,

Bis dereinst ich Dich darf schauen

Und Dich lieben ohne End.