Das Kirchweihfest

 

Ich weiß ein Haus, dort wandeln auf und nieder

Die Seligen um Gottes Hochaltar,

Dort taut dem Flehn der andachtsvollen Lieder

Gewährung, gnadenreich und wunderbar;

Zerrissen liegen bald die Leidensketten,

Aus ihren Trümmern sprießt der Hoffnung Grün,

Und auf zum Licht kann sich die Seele retten,

Wo ihr des Strebens goldne Kronen blühn.

Und fragst du nach dem Wallfahrtsort mich aus:

Des Himmels Vorhof ist das Gotteshaus!

 

Wie der Christ seinen Namenstag feiert, jenen denkwürdigen Tag, da er sich in der Taufe unter den besonderen Schutz eines Heiligen stellte, so feiert jede Kirche alljährlich den Tag ihrer Weihe, da sie zu Ehren eines Heiligen oder eines heiligen Geheimnisses für den Gottesdienst gesegnet und geweiht worden ist. Wie aber die Kirche jedes Jahr das Allerheiligenfest begeht, so gibt es auch einen Tag, an dem alle Gotteshäuser mitsammen gleichsam ihren Tauftag feiern, das ist das Kirchweihfest. Weit zurück reicht dieser fromme Brauch. Das erste Beispiel des Andenkens an die Kirchweihe finden wir im vierten Jahrhundert. Kaiser Konstantin erbaute im dreißigsten Jahr seiner Regierung die Martyrerkirche zu Jerusalem. Von dieser Kirche wurde alljährlich am 14. September der Gedenktag der feierlichen Einweihung begangen. Dieses Kirchweihfest zu Jerusalem wurde das Vorbild aller Kirchweihfeste bei den Christen im Morgen- und Abendland.

Mit der Zeit verlor sich der freudig-religiöse Geist dieser Erinnerungsfeier; es kamen Jahrmärkte (Kirchmessen) mit allerhand Volksbelustigungen dazu. Deshalb legte man zuerst sämtliche Kirchweihfeste einer Diözese, später ganze Sprengel und Länder auf einen Tag zusammen. Eine wahrhaft erhabene Idee liegt diesem Kirchweihtag zugrunde. Alle Kirchen begehen ihren Namenstag: der imposante herrliche Dom in der Bischofsstadt, die altehrwürdige Abteikirche auf grünem Plan, das prunkvolle Münster, die schmucke Dorfkirche, die verwitterte, grünumsponnene Waldkapelle. Sie alle läuten es froh hinaus über Berg und Tal: Heute begehen wir den Gedächtnistag unserer Weihe, heute sind wir für den höchsten Dienst bestimmt worden, zur Verherrlichung Gottes und zur übernatürlichen Beseligung der Menschen.

 

Will Gott Kirchen haben? Es ist eine beliebte Redensart unserer modernen Freigeister, aber auch der Christen, die eher selten in eine Kirche gehen, dass man Gott überall anbeten könne. Ringsum in seiner schönen Welt umweht uns sein Geist, in den Stürmen umrauschen uns seiner Allmacht Flügel, im Sonnenschein erwärmt uns seine Gunst. Diejenigen sind die eigentlich großherzigen, weitblickenden Menschen und die echten Gottesverehrer, die im andächtigen Waldesdunkel mit ihrem Schöpfer geheimnisvolle Zwiesprache halten, die auf lichten Höhen, dem Himmel nahe, ihre Psalmen singen; auf den Bergen hält die Gottheit Schule. Wie beschränkt seien aber jene, die da glaubten, der Allmächtige schlage seinen Thron in einer armen Landkirche auf, und dort könne man am besten beten.

 

Gewiss! Überall kann man beten, überall kann man Gott verehren. Aber Gott selber will bestimmte Kultstätten, will Gotteshäuser und Heiligtümer. Und dieser Wille allein ist ausschlaggebend.

 

Schon im Alten Bund befahl Gott dem Mose, das heilige Zelt zu bauen, später ließ er sich den heiligen Tempel auf dem Berg Sion errichten. Was aber im Alten Bund nur Vorahnung, Schatten und Nacht war, ist im messianischen Reich Wirklichkeit, Licht und Tag geworden. Der zwölfjährige Jesus nennt den Tempel von Jerusalem das Haus seines himmlischen Vaters. Wieviel mehr sind es die katholischen Gotteshäuser, in denen „vom Aufgang der Sonne bis zum Niedergang dem Allerhöchsten ein reines Speiseopfer dargebracht wird“ (Mal 1,11), in denen der „Gefangene der Liebe“ Tag und Nacht wohnt.

 

Ja, Gott will eigene Kultstätten, und die Kirche weiht sie in feierlichster Weise ein, weil sie für den höchsten Dienst bestimmt sind. In der heiligsten Eucharistie als Opfer und Sakrament geht der Kirche Puls- und Herzschlag.

 

Voll tiefen Sinnes sind die Zeremonien der Kirchweihe. Zuerst wirft sich der Bischof vor dem Haupttor auf sein Angesicht nieder; indessen wird die Allerheiligenlitanei gebetet. Hierauf segnet der Bischof Wasser und besprengt sich damit, alle Umstehenden und die Kirchenwände. Nun klopft er dreimal an die Tür, aber sie öffnet sich nicht; erst nachdem er mit dem Bischofsstab das Zeichen des Kreuzes auf das Tor gemacht hat, gehen ihre Flügel auseinander.

 

In der Kirche brennen an den Wänden entlang die zwölf Apostelkerzen. Wenn der Bischof in die Mitte kommt, wirft er sich auf den Boden, erhebt sich und segnet die Kirche. Dann schreibt er auf den mit Asche bestreuten Boden in Form eines Kreuzes das lateinische und griechische Alphabet. In lateinischer und griechischer Sprache war ja einst der erste christliche Gottesdienst gefeiert worden. Nun werden Boden und Wände mit Weihwasser besprengt und die Haupttür der Kirche und die Wände mit Chrisam gesalbt. Dabei wird ein längeres Gebet verrichtet, dessen Anfang lautet: „Obschon wir den allgegenwärtigen Gott überall im Geist und in der Wahrheit anbeten können, so wolle er sich doch in diesem Haus unsere Versammlung besonders gefallen lassen . . .“

 

In ähnlicher Weise vollzieht sich die Weihe des Altars. Seine Ecken werden vom Bischof mit dem Zeichen des Kreuzes versehen, dann wird der Altar von allen Seiten mit Weihwasser besprengt und der Rest am Fuß ausgeschüttet. In der Mitte werden in eine bereitstehende Öffnung Reliquien eines Heiligen gelegt und sie dann mit einer Steinplatte verschlossen. In die steinerne Altarplatte sind fünf Kreuze eingemeißelt; diese salbt der Bischof mit Chrisam, belegt sie mit Weihrauchkörnern und kleinen, aus Wachs geformten Kreuzchen und zündet sie an. Während fünf Flammen süßduftig in blauen Wölkchen aufwärts ziehen, betet der Bischof: „Heiliger, ewiger Vater! Blick herab auf das Brandopfer dieses Altars, das nicht mit sichtbarem Feuer, sondern mit dem Gnadenfeuer des Heiligen Geistes dir zum Wohlgeruch dargebracht wird, damit allen, die von diesem Altar die heilige Eucharistie genießen, diese eine Arznei werde für das ewige Leben.“

 

Nun feiert der Bischof selber in der neugeweihten Kirche das erste heilige Opfer.

Der ungemein feierlichen, tiefsinnigen und eindrucksvollen Weihe einer Kirche entspricht auch ihre hohe Würde. Die Kirche ist unsere Heimat für das übernatürliche Leben. So sollen wir dankerfüllten Herzens jedes Jahr das Kirchweihfest begehen und uns immer wieder des einen Notwendigen erinnern und im ganzen Jahr von diesem Gedanken tragen lassen, des einen Notwendigen, unserer Ewigkeitsbestimmung.