Eine Kathedrale wird gebaut

 

Von F.A. Ryan, Zusammenfassung aus

„Liguorian“, Box A. Oconomowac, Wis., 1948

 

Nichts zeigt den Unterschied zwischen dem glaubensstarken Mittelalter und unserer Zeit so deutlich wie die Geschichte des Wiederaufbaus der berühmten Kathedrale von Chartres, nachdem sie durch Feuer zerstört worden war. Wenn heute eine Kirche gebaut wird, müssen große Anleihen aufgenommen werden, für die bis auf den letzten Cent Zins verlangt wird. Arbeiter müssen eingestellt werden, die natürlich nicht arbeiten ohne Bezahlung und Lohn. Baufirmen übertreffen einander in Angeboten, um das Geschäft zu machen, das der Bau der Kirche mit sich bringt. Wie anders das Bild, wenn wir die Beschreibung Huysmans lesen, wie im Frankreich des 13. Jahrhunderts die Kathedrale Unserer Lieben Frau in Chartres wieder aufgebaut wurde.

 

Als sich die Nachricht verbreitete, dass ein Brand die Kirche zerstört habe, erhoben sich sofort die Einwohner der ganzen Gegend wie ein Mann, um sie wieder aufzubauen. Die Bevölkerung ganzer Dörfer und Städte schloss ihre Häuser und Werkstätten, sammelte, was sich an Baumaterial für eine Kirche nur vorfand, riesige Balken, Quadersteine, Schmiedeeisen und Stahl, und schlug die Straße nach Chartres ein. Hilfe kam nicht nur von den Orten in der Nähe von Chartres, sondern auch aus Orléans, aus den Städten der Normandie, aus der Bretagne und vom äußersten Norden. Es kamen nicht nur die voll arbeitsfähigen und starken Männer, die auf die Baugerüste steigen, Balken und Steine heben und Statuen meißeln konnten, es kamen auch Frauen und Kinder mit ihnen. Ja, nicht einmal die Kranken und Alten ließ man zurück! Sie wurden mitgetragen, damit sie während der Arbeit der anderen beten und dulden und dadurch die Hilfe der Muttergottes erflehen konnten, zu deren Ehre der große Tempel mit den himmelragenden Türmen errichtet wurde.

 

Man schlug eine riesige Zeltstadt auf, die sich meilenweit um Chartres herum ausdehnte. Jeder in der gewaltigen Menge sollte die Arbeit mit Beichte und Kommunionempfang beginnen. Bekannten Sündern, die sich weigerten, ihren Frieden mit Gott zu machen, wurde nicht erlaubt, auch nur einen Stein oder einen Balken zu berühren, der einen Teil der Kirche der Allerreinsten Jungfrau bilden sollten.

 

Jeden Morgen begann zur festgesetzten Stunde die Arbeitszeit. Ein Baumeister, dessen Namen man bis heute noch nicht kennt, hatte den Plan gemacht. Unter ihm standen Gruppen von Mönchen, die den Vorarbeitern, die das Volk selbst gewählt hatte, Weisungen erteilen. Männer, Frauen und Kinder, adelige Damen und einfache Bauern arbeiteten Seite an Seite, mischten Mörtel, schafften Baustoffe herbei, jedes voll Stolz und Freude über die Gelegenheit, einen bescheidenen Teil beitragen zu können, um die Kirche der Muttergottes wieder aufzubauen.

 

Sieben Kilometer weit schleppten die Männer die Steine, die den Hauptbestandteil des neuen Gebäudes bildeten. Mit einfachen rohen Werkzeugen bearbeiteten sie so große Blöcke, dass man oft 1000 Männer benötigte, um einen Block an seine Stelle zu schaffen und hochzuziehen.

 

Am Abend, wenn die Arbeit ruhte, erschallten Psalmgesänge und Kirchenlieder. An den Sonntagen veranstaltete man große Prozessionen, wobei die Tausende von Einwohnern der Zeltstadt hinter den Kirchenfahnen schritten oder am Weg knieten, wenn die Prozessionsteilnehmer vorbeizogen.

 

Die Ordnung und die Haltung unter diesen Massen war trotz der ärmlichen Umstände, in denen alle zusammenlebten, vorbildlich. Als die Nahrung knapp wurde, geschahen Wunder der Vermehrung, die durch Zeugnisse aus jenen Zeiten bestätigt werden. Viele der Kranken, Invaliden und Schwachen wurden plötzlich geheilt, so dass sie an dem Werk teilnehmen konnten. Auch nach Arbeitsunfällen gewährte die himmlische Mutter, die über dieser Baustätte wachte, oftmals Wunder plötzlicher Heilung.

 

So wuchs allmählich die gewaltige Kathedrale heran. Kein Name von Spendern oder Arbeitern wurde irgendwo an dem Bau für die Nachwelt verzeichnet. Keine Löhne wurden gezahlt, weder an den Baumeister noch an die Arbeiter. Die Kathedrale wurde durch den Glauben und die Liebe einer ganzen Nation erbaut und steht heute noch als eines der größten Beispiele majestätischer Architektur, das die Welt je gesehen hat.