Karfreitags-Legenden

 

Recht sinnig und poetisch hat das deutsche Volksgemüt das Gedächtnis des Karfreitags besonders in die Blume- und Pflanzenwelt eingeschrieben. Das beweisen die Namen der Passionsblume, des Kreuzdorns, des Bluttröpfchens, der bitteren Kreuzblume u.a. Wo immer eine Blume oder Pflanze durch Gestalt und Farbe eine Beziehung zur Leidensgeschichte des Herrn gestattete, da hat das Volk in frommer Andacht sie in den Kranz verflochten, mit dem es das Kreuz des Herrn schmückte. Gern spricht das Volk das Mitleid, das es über das bittere Leiden seines Erlösers empfindet, in seinen Sagen aus. Es erzählt sich, dass die Dornzweige, aus denen man die Dornenkrone geflochten hat, sich wehrten, als die Hände der rohen Henkersknechte sie brechen wollten. Und als sie endlich der Gewalt nicht widerstehen konnten, da erfüllte sie Trauer, weil sie zu so grausamem Dienst bestimmt wurden. Der Heiland erkannte das Mitleid des Dorns, streckte seine Segenshand aus, und der düstere Schlehdorn (prunus spinosa) schimmerte hell auf in weißer Blütenpracht; ihm wurde zum Lohn verheißen, dass er stets im Frühling die ersten Blüten haben sollte. Nach einer anderen Sage wurde die Dornenkrone des Heilandes aus dem Christusdorn oder der Dorn-Akazie geflochten, die scharfe Hakenförmige Stacheln, eine rötliche Rinde und goldgelbe Blüten hat.

 

Beim Tod des Erlösers Jesus Christus nahm, nach dem Bericht der heiligen Schrift, die ganze Natur Anteil und schien von Schauern durchbebt zu werden: die Felsen zersprangen, und die Sonne verlor ihren Glanz. Diese Wahrheit ist von der Legende in bunten Bildern dargestellt worden. Als Christus am Kreuz die Worte sprach: „Es ist vollbracht!“ da streckten alle Blätter und Wipfel, so erzählt man, ihre Köpfe zusammen und berichteten einander vom Tod des Herrn. Mächtig rauschten die Zedern des Libanon, und die Zypresse gelobte, von nun an nur zu wohnen an den Gräbern im Andenken an den Tod des Heilandes. Die gelbe Schwertlilie sprach zur Zypresse: „Von nun an will ich mich in Trauer kleiden“, und sie umhüllte sich mit einem blauen Schleier. Nur ein Baum, die hohe Espe (Populus tremula), blieb ungerührt bei der allgemeinen Trauer und wiegte gleichgültig in stolzer Ruhe den ragenden Wipfel. Da traf sie der Fluch, immer zu zittern mit ihren Zweigen und Blättern. Rückert hat diesen Gedanken dichterisch behandelt:

 

Als den Herrn ans Kreuz geschlagen

Nun des Feldes Bäume sahen,

Kam ein Zittern und ein Zagen

Allen fernen, allen nahen.

 

Nur der Espe Krone

Ließ die Blätter ohne

Beben in die Lüfte ragen,

Gleich als ging sie das nichts an.

 

Damals war der Fluch gesprochen

Und ihn hörten Berg und Kluft:

„Dass dir sei dein Stolz gebrochen,

Zittre künftig jeder Luft!

 

Alle Bäume zittern

Nur in Ungewittern;

Zitternd soll das Herz dir pochen,

Wenn im Wald ein Vöglein ruft.

 

Zittere, wo im Erdenkreise

Künftig du entkeimst dem Staub!

Jedes Blatt soll zittern leise,

Bis es wird des Herbstes Raub!

 

Und in allen Tagen

Soll man hören sagen

Dir zur Strafe sprichwortweise:

Zittre wie ein Espenlaub!“

 

Von der Trauerweide erzählt eine alte Sage, dass sie ihre Zweige zur Erde neige aus Trauer darüber, weil von ihr die Ruten genommen wurden, mit denen man den Heiland schlug. Die sammetbraune Blume, die unter dem Namen „Christusauge“ bekannt ist, soll erinnern an die Todesangst des Herrn im Garten Gethsemane. Als der Heiland die Worte demütiger Ergebung sprach: „Vater, nicht mein, sondern Dein Wille geschehe!“ da rang sich im tiefsten Seelenschmerz eine Träne aus seinem Auge und fiel zur Erde. Sofort entsprosste dem Boden des geweihten Ortes eine zarte Pflanze, deren Blüte in mildem Farbenspiel das Bild des Auges wiederzugeben scheint. Die Sage des Blutströpfleins wird wie folgt erzählt: „Aus tausend Blüten unserer Juni-Flora, zwischen dem rotbraunem Kreuzkraut und anderen, schaut zu Hunderten das Blutströpflein oder die kleine Blut-Immortelle hervor. Der Blutschweiß des Heilandes hat sie geboren. Am Ölberg, wo diese Blume häufig wächst, kniete der Herr in schrecklicher Angst und Seelenqual. Die Sündenlast der Menschheit und die Ahnung seiner Leiden drückten ihn zu Boden. In seiner Todesangst tropfte blutiger Schweiß zur Erde herab. Als dann am Morgen darauf die Sonne durch die weidenartigen Blätter der Ölbäume brach und die Leidensstelle mit ihren warmen Strahlen erhellte, da schlug aus dem dunkelgrünen Moos ein Blümlein die Augen auf, sein Kleid war rot wie Blut; das ist unser „Blutströpflein“ (gnaphalium sanguineum).“

 

Den Wermut, eine Pflanze von bitterem Geschmack, aber großer Heilkraft, lässt der Volksglaube entstehen aus den Tränen, welche die heilige Gottesmutter unter dem Kreuz weinte. Die Haselnussstaude hat ihre Blutroten Kerne nach einer alten Sage erhalten zum Dank dafür, dass sie mit ihren Blättern das Schweißtuch mit dem Bild des heiligen Antlitzes des Herrn verborgen hat, das Veronika vor den Verfolgern zu ihr brachte. Darum soll sie auch nie der Blitz treffen.

 

Der Kreuzesstamm soll aus dem paradiesischen Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen gezimmert sein. In der Krezes-Präfation heißt es, dass „Gott das Heil der Welt an dem Holz des Kreuzes begründet hat, damit von da, woher der Tod gekommen ist, auch das Leben entstehe, und damit der, der am Kreuz gesiegt hat, am Holz auch besiegt wird. Durch Christus, unseren Herrn.“ Ein schöner Schmuck des Kreuzes ist die Passionsblume. Weil man in der Blüte der passiflora die Leidenswerkzeuge angedeutet fand, so wurde diese Blume oft als Schmuck des heiligen Kreuzes verwendet. Der rotpunktierte Nektarienkranz wurde mit der Dornenkrone, die fünf Staubfäden mit den fünf Wundmalen, der Griffel mit der Geißelsäule, die Narben mit den Nägeln, die Ranken mit der Geißel verglichen. Man liebte es, in Vignetten zu Erbauungsbüchern die Passionsblume darzustellen, wie sie zu den Füßen des Kreuzes wächst und an ihm hinaufrankt. Man nennt schön diese deutungsreiche Blume „Das Vergissmeinnicht des Erlösers“.