Unser Kalender

 

Hätte ein strenger Staatsanwalt Philipp II. von Spanien gefragt, wo er sich am 5. Oktober 1582 aufhielt, wäre der König wohl um eine Antwort verlegen gewesen, denn in Spanien gab es diesen Tag nie. Die heilige Theresia von Avila, die am 4. Oktober des gleichen Jahres starb und am Tag nach ihrem Tod beerdigt wurde, ist trotzdem erst am 15. Oktober beerdigt worden. Das kam daher, weil Papst Gregor XIII. den Kalender änderte, um ihn mit dem Sonnenstand in Einklang zu bringen. Dies sind nur zwei Merkwürdigkeiten aus der Geschichte des uns so alltäglich erscheinenden Kalenders, den wir an Neujahr gedankenlos an die Wand unseres Zimmers hängen.

 

Haben Sie sich je gefragt, warum wir uns mit allen möglichen Mitteln merken müssen, welche Monate 30 und welche 31 Tage haben? Julius Cäsar, der den Vorläufer unseres modernen Kalenders schuf, tat sein Bestes, um die Sache so einfach wie möglich zu machen. Er gab allen Monaten mit ungeraden Zahlen 31 Tage und denen mit geraden Zahlen 30, natürlich mit Ausnahme des Februar, dem er nur 29 Tage zuwies. Das war alles schön und recht, aber Cäsars Nachfolger, Kaiser Augustus, fand, dass der Monat August, dem er seinen Namen gegeben hatte, nur 30 Tage hatte, während der Juli, der Monat des Julius Cäsar, 31 hatte! Da er sich hierdurch in seinem Stolz verletzt fühlte, stahl er sofort dem wehrlosen Februar einen Tag und gab ihn dem August. Aber dies hatte zur Folge, dass man nun drei aufeinanderfolgende Monate mit 31 Tagen hatte, weshalb der September dem Oktober und der November dem Dezember einen Tag abtreten musste!

 

Der Zweck eines jeden Kalenders – und die Welt hat deren schon sehr viele gekannt – müsste der sein, ein bürgerliches Jahr von der gleichen Länge wie das Sonnenjahr zu verzeichnen. Mit anderen Worten, an jedem 1. Januar oder irgendeinem anderen angegebenen Tag müsste die Erde in genau der gleichen Stellung zur Sonne sein wie am gleichen Tag des Vorjahres. Dieser ideale Kalender hätte 365 Tage, fünf Stunden, 48 Minuten und 46 Sekunden. Lässt man aber diese Regel außer Acht, so wird man früher oder später in eine ähnliche Lage kommen wie der mohammedanische Kalender, der 354 und manchmal 355 Tage hat. 1945 begann das mohammedanische Jahr am 6. Dezember, aber 1955 am 20. August. Dem richtigen Mohammedaner hat es nie etwas ausgemacht, dass er seinen 30. Geburtstag im Winter und seinen 40. Im Sommer feiern musste.

 

Als Julius Cäsar im Jahr 63 v. Chr. an die Macht kam, herrschte im römischen Kalender ein großes Durcheinander. Das Jahr war so sehr in Unordnung geraten, dass die Wintermonate in den Herbst fielen, und die Behörden machten die Dinge noch schlimmer und trieben Politik mit dem Kalender, indem sie die Jahre verlängerten oder verkürzten, je nachdem sie die Dauer eines Amtes verlängern oder eine bevorstehende Wahl früher vornehmen lassen wollten. Julius Cäsar gab sich die größte Mühe, den Kalender wieder in Ordnung zu bringen. Als sein ägyptischer Astronom Sosigines erklärte, dass das Sonnenjahr 365 Tage und 6 Stunden zähle, warf er die chronologischen Bücher über den Haufen, indem er ein „Jahr des Wirrwarrs“, das 445 Tage dauerte, einführte und das folgende Jahr richtig anfing – wenigstens nahm er das an.

 

Da das bürgerliche Jahr von 365 Tagen um 6 Stunden gegenüber dem Sonnenjahr zurückblieb, beschloss Cäsar, dass jedes 4. Jahr 366 Tage haben, d.h. ein Schaltjahr sein sollte. Weil aber in Wirklichkeit Julius Cäsars Jahr um 11 Minuten und 14 Sekunden zu lang war, d.h. um mehr als 18 Stunden alle hundert Jahre, sah sich der heilige Beda im 8. Jahrhundert gezwungen, darauf hinzuweisen, dass die Sonne nicht mit dem Kalender Schritt halte. Der 21. Juni war nicht mehr der längste Tag des Jahres. Fünf Jahrhunderte später schrieb Robert Bacon dem Papst über das gleiche zunehmende Abweichen, aber erst 1582 stellte Papst Gregor XIII. den Kalender auf, den wir heute haben.

 

Zu dieser Zeit war das Jahr um 11 Tage der wirklichen Zeit voraus, so dass Papst Gregor verkündete, dass auf den 4. Oktober jenes Jahres sofort der 15. Oktober folge. Daraus erklärt sich die paradoxe Zwischenzeit von tatsächlich 24 Stunden, dem Kalender nach aber von 11 Tagen zwischen Tod und Beerdigung der heiligen Theresia. Um aber das Jahr auch in Zukunft in den richtigen Grenzen zu halten, wurde ferner festgesetzt, dass jedes hundertste Jahr, dessen erste beiden Zahlen nicht durch 4 teilbar sind, kein Schaltjahr sein solle. Daher war das Jahr 2000 ein Schaltjahr, obwohl das Jahr 1900 keines war.

 

Aber halten Sie noch mit Ihrem Beifall zurück, denn auch das gregorianische Jahr hat seine Unvollkommenheiten. Es ist um 26 Sekunden zu lang, und dieser Fehler wird in 3256 Jahren einen ganzen Tag ausmachen. Die Kleinigkeitskrämer zerbrechen sich den Kopf deswegen, aber die Großzügigen sagen: wenn unsere Nachkommen im Jahr 4905 nicht so gescheit sein sollten, hierfür eine Lösung zu finden, dann wird die Welt sowieso vor die Hunde gehen.

 

Der menschliche Eigensinn und die Politik aber fuhren fort, auch nach der gregorianischen Reform noch eine wichtige Rolle im Kalenderleben zu spielen. Die katholischen Länder nahmen das gregorianische System beinahe sofort an, aber die nichtkatholischen widersetzten sich bis in die jüngste Vergangenheit: England (und die amerikanischen Kolonien) bis 1752, Schweden bis 1753, Russland bis 1918 und Griechenland bis 1923.

 

Das gleichzeitige Bestehen von zwei verschiedenen Kalendern in der westlichen Welt führte zu manchen geschichtlichen Merkwürdigkeiten. Königin Elisabeth z.B. soll nach unseren besten modernen Geschichtswerken am 24. März 1603 gestorben sein, allein dieses Datum ist unbestreitbar falsch. Elisabeth starb am 24. März, dem letzten Tag des Jahres 1602 nach dem alten Kalender Englands (in dem der 25. März der Neujahrstag war). In Frankreich jedoch, wo der gregorianische Kalender galt, war dieser Tag der 3. April 1603. Das Datum der Geschichtsbücher ist der Versuch eines Kompromisses zwischen den beiden Kalendern. Am 24. März 1603 ruhte die Königin von England schon beinahe ein Jahr im Grab.

 

Ein noch phantastischerer Versuch, den „papistischen“ Kalender abzuschaffen, wurde im Jahr 1793 von den Fanatikern der Französischen Revolution gemacht, die einen neuen Kalender einführten, der möglichst gründlich von der „katholischen“ Zeitrechnung abwich. Ein Jahr bestand aus 12 Monaten zu je 30 Tagen und wurde durch 5 Sondertage, die zu keinem Monat gehörten, ergänzt. Die Monate benannte man nach den „Jahreszeiten“: Schneemonat, Regenmonat, Windmonat, Knospenmonat, Blumenmonat usw. Dieser merkwürdige Kalender galt bis 1806.