Die erste Nachahmung des Kreuzweges

 

Vor zweihundert Jahren lebte in Dülmen in Westfalen eine Frau, namens Anna Katharina, die die Gabe hatte, in ihrem Geist die Geschichte der Erlösung der Menschheit in außerordentlich deutlichen Bildern zu sehen. Die Gesichte sind von dem berühmten Schriftsteller Klemens Brentano aufgeschrieben worden.

 

Unter anderem erzählt Anna Katharina auch, dass die Mutter Gottes nach Jesu Tod sich zumeist in einem kleinen Häuschen in der Nähe der Stadt Ephesus aufgehalten habe. Dort habe sie einen Kreuzweg nach dem Vorbild des wirklichen in Jerusalem angelegt. Sie zählte die Schritte und auf jeder Stelle, wo auf dem wirklichen Kreuzweg etwas Besonderes geschehen war, setzte sie einen Stein in den Boden und schrieb mit einem Griffel darauf, was sich hier ereignet hatte. Sodann legte sie um den Stein herum ein Blumengärtchen an und umhegte es mit einem Zaun.

 

Von dieser Zeit an ging Maria diesen Weg, so oft das liebende Herz es ihr eingab, in stiller Betrachtung, und sie trug dabei jenes Kleid, das sie auf dem wirklichen Kreuzweg getragen hatte, und das sie nie zur Arbeit, sondern nur für diese Andacht verwendete. Das Kleid bestand, wie Anna Katharina berichtet, zunächst aus einem Oberkleid, das um die Mitte des Leibes gegürtet war und in Falten bis zu den Füßen hinabging. Die Haare waren in einer gelblichen Mütze verborgen, die auf die Stirn hinabreichte und darüber lag ein schwarzer Schleier von weichem Stoff, der auch die Hälfte des Rückens bedeckte.

 

Von Interesse ist auch, was Anna Katharina über das Aussehen der heiligen Mutter in jener Zeit sagte. „Obwohl Maria“, so erzählt Anna Katharina, „damals schon sehr bei Jahren war, lag in ihren Zügen kein anderer Ausdruck des Alterns als der einer großen Sehnsucht. Sie war mager, aber trug keine Runzeln oder sonst ein Zeichen der Verwelkung an sich und je älter sie wurde, desto weißer und durchsichtiger erschien ihr Angesicht.“

 

Der ersten Nachahmung des wirklichen Kreuzweges in Jerusalem folgten im Lauf der Jahrhunderte Millionen und Millionen andere und zurzeit gibt es keine katholische Gemeinde, ja fast keine katholische Kirche, in der nicht diese zartfromme Einrichtung zu finden ist. Lieben auch wir den Kreuzweg mit seinen Stationen, aber ebenso sehr auch die Andacht, die sich an den Kreuzweg knüpft. Denn es gibt kaum eine religiöse Übung, die so sehr geeignet ist, das Herz zu veredeln und uns mit Gnaden-Schätzen zu bereichern, wie die Andacht, die unter dem Namen Kreuzwegandacht allen katholischen Christen bekannt ist. Aber auch ein besseres Vorbild für diese Übung fänden wir nicht, als die Mutter des Erlösers selbst, die einst in Jerusalem den wirklichen und in Ephesus den nachgeahmten Kreuzweg ging, beiderorts aber mit einer Teilnahme und Andacht, deren nur ein Herz wie das ihrige fähig war.