Das Kreuzzeichen

 

1. Das Erkennungszeichen.

 

Der evangelische Theologe Adolf Keller traf einst, wie er selbst erzählt, in der Moldau einen alten, in Lumpen und Felle gehüllten Schafhirten. Die Kürbisflasche, die er am Gürtel hängen hatte, glich denen, die man den Pilgern am Jordan verkauft. Keller griff nach ihr, um sie näher zu betrachten, und der Schäfer zeigte sofort, sichtlich freudig erregt, mit einer Handbewegung nach dem Osten. Vielleicht hatte er selbst einmal an einer Pilgerfahrt nach dem Heiligen Land teilgenommen und wollte das zum Ausdruck bringen. Jedenfalls schien er ein gläubiger Christ zu sein. Aber wie sollten sie sich darüber verständigen, wo keiner des anderen Sprache sprach? Da hatte Keller einen Einfall: „Plötzlich schlage ich, der Protestant, das Kreuz und weise mit dem Finger nach oben. Der Schäfer zeichnet sofort auch des Heilands Kreuz auf Stirn und Brust. Das ist genug. Am Kreuz haben wir uns verstanden.“ Zwei Menschen, von denen der eine des anderen Sprache nicht verstand, der eine ein gelehrter Professor, der andere ein in Lumpen gehüllter „ungebildeter“ Schäfer – und das Zeichen des Kreuzes hatte ohne viele Worte die Brücke von Herz zu Herz geschlagen.

 

2. Das Credo des Sterbenden.

 

Es war im Mai 1919, in den Tagen der Befreiung Münchens von der Spartakistenherrschaft. Da fielen in nächster Nähe der Bonifatius-Basilika zwei schwere Minen unter harmlose Passanten und richteten furchtbares Unheil an. Man legte die Toten und Verwundeten in einen Hausflur und holte schleunigst priesterliche Hilfe. Der Priester kam. Die brennenden Augen der Verstümmelten hungerten förmlich nach seiner Hilfe, und wer katholisch war, der zeigte es, indem er mit zitternder Hand ein Kreuzzeichen machte. Es lag ein herzergreifendes Bekenntnis in diesem kürzesten Credo.

 

3. Tapfere Antwort.

 

Einige Jahre vor dem ersten Weltkrieg war es, da fuhr eine Frau aus Wien mit der Südbahn aufs Land hinaus. Bald nacheinander sah man vom Zug aus die schöne Kirche von Brunn am Gebirge und dann die altehrwürdige Wallfahrtskirche Maria in Enzersdorf liegen. Die gute Frau, eine gläubige Katholikin, machte das eine wie das andere Mal, als sie die Kirchenerblickte, ein frommes Kreuzzeichen. Das aber war einem Herrn, der ihr gegenübersaß, offenbar gar nicht recht, und er begann über sie zu spotten. Er war jedoch in diesem Fall an die Unrechte geraten: die Frau war nicht nur fromm, sondern auch schlagfertig. „Sie, Herr,“ sagte sie auf einmal jedem vernehmlich, „der Grund und Boden hier“ – damit zeigte sie auf ihre Stirn – „gehört mir, und auf meinem Grund und Boden kann ich machen, was ich will. Verstanden?“ Der Herr hatte „verstanden“ und ließ sie in Ruhe.

 

4. Eine kleine Gewissenserforschung.

 

Ein Priester predigte einmal über das Kreuzzeichen. Dabei erzählte er, ein junges Mädchen sei einmal zu ihm gekommen mit der Bitte, katholisch werden zu dürfen. Der Priester lud es zum Konvertitenunterricht ein. Da sagte das Mädchen stolz: „Ich kann schon etwas Katholisches.“ „Was denn?“ „Das Kreuzzeichen.“ „Nun, so machen Sie es einmal!“ Der Priester zeigte nun eine ganz unbeschreibliche Handbewegung, wie das Mädchen sie damals gemacht hatte. Die Zuhörer in der Kirche mussten unwillkürlich lächeln. Der Priester aber fuhr fort, die Unterredung mit dem Mädchen zu Ende zu erzählen. „Aber Fräulein, das ist ja alles andere als ein Kreuzzeichen. Wo haben Sie denn das gelernt?“ „Ich bin“, war die Antwort, „öfters in ihrer Kirche gewesen und habe die Katholiken genau beobachtet, wie sie das Kreuzzeichen machen. Genau so mache ich es jetzt.“ Und nun lachte in der Kirche niemand mehr.

 

(Aus: Homiletisches Handbuch, Anton Koch, 1951, Band 12, Seite 17)