Jungfrau der Armen

 

Ein Titel, der uns tröstet

 

Jedes der zahlreichen marianischen Heiligtümer auf der Welt hat etwas Besonderes. Was mich beim ersten Mal, als ich von Banneux hörte, faszinierte, war der Name Jungfrau der Armen! Welch genialer Einfall hätte ich gesagt, wenn die Menschen ihn aufgebracht hätten. So selbstverständlich und notwendig und doch hier ganz neu. Wie aktuell in unserer Zeit und Situation. Die Jungfrau der Armen steht mitten unter uns. Keine Sterne, keine Strahlen, nicht einmal eine Königskrone, ohne die es bei ihr jahrhundertelang nicht ging. Mensch wie wir, ausgesetzt, getrieben, geängstigt, gequält . . . und doch in der Gnade Gottes stehend. Das ist eine unerhört wichtige Botschaft, die wir wohl bedenken müssen.

 

Es gibt natürlich auch in unserer Zeit des steigenden Lebensstandards, der totalen Versicherung, im Sozialstaat noch immer Arme. Die Armut wandelt die Form. Früher dachte man nur an Hunger, wenn man Armut sagte. Heute sehen wir, dass die Not versteckter und gefährlicher wird.

 

Armut ist vor allem ein innerer Zustand. Arm ist, wem etwas Notwendiges fehlt, es braucht nicht an Speise und Trank gedacht zu werden. Wie arm ist unsere Generation an geistigen Gütern! Man hat gesagt, dass die Menschen unserer Zeit die Mitte verloren hätten, damit ist gemeint der Glaube und die Gottverbundenheit. Der moderne Mensch lebt in einer schrecklichen Einsamkeit, über deren Not uns auch die Masse, in die wir hineingestellt sind, nicht hinweghilft. Die Einsamkeit ist nur erträglich, wenn man Gott bei sich hat . . . Die größte Not und Armut ist, wenn man Gott nicht hat.

 

Dass Maria, die Mutter aller Menschen, da Erbarmen hat und eingreifen will, verwundert uns nicht. Uns verwundert auch nicht, dass Maria in einer ihrer letzten Erscheinungen geweint hat.

 

Wir Gläubige sind machtlos geworden und vielfach auch ratlos . . . Wir sind arm, weil wir keinen Einfluss auf die großen Weltereignisse haben . . . Was uns aber noch mehr lähmt und unsere ganze Not zeigt, ist der Mangel an großer und tiefer Frömmigkeit. Wie reich waren andere Zeiten an führenden Gottesmännern, wie arm sind wir daran!

 

Und wie fragwürdig ist unser ganzes Leben. Über kleine Ansätze kommen wir nicht hinaus. Wir werden hin- und hergeworfen und beherrschen die Situation in keiner Weise. Wir haben nicht das Format, das Christen in einer so entscheidungsvollen Zeit haben müssten. Wir sind Versager.

 

In dieser Not, in dieser Armut auf allen Bereichen strecken wir die Hände nach einem Wesen aus, das in einer größeren Fülle lebt und das uns helfen könnte. Wir wenden uns zu unserer himmlischen Mutter Maria. Sie ermuntert uns, zu ihr zu kommen. Sie ist da für uns, versteht uns und will uns helfen. Sie gibt sich selbst einen Titel, der uns tröstet: sie lässt sich Jungfrau und Mutter der Armen nennen. Sie war auf der Erde arm, sie ist im Himmel reich geworden. Sie kann auch unsere Not wenden und in der Wüste unserer Zeit die ewigen Quellen wecken und sprudeln lassen.

 

Jungfrau der Armen, bitte für uns!

F. Jantsch in: „Jungfrau der Armen“, Nr. 3/1956