Das Rätsel des Judas Iskarioth

 

Die rätselhafte Gestalt des Judas hat zu allen Zeiten Probleme der Theologie und Psychologie aufgeworfen. Judas war ein freiwilliges Mitglied der kleinen Schar um Jesus gewesen, ein Mann mit geschäftlichen Talenten, ein Jude aus Kerioth (daher sein Name Iskarioth, d.h. Mann aus Kerioth), einem Ort südlich der Stadt Hebron. Die anderen elf Jünger dagegen waren Galiläer, stammten also aus dem nördlichen Teil Palästinas. Judas war von unserem Herrn oder, was wahrscheinlicher ist, von den übrigen Aposteln zum Geldverwalter der kleinen Schar ernannt worden.

 

Es ist überraschend, dass nicht Matthäus, der Zöllner gewesen war, diesen Posten erhielt. Vielleicht lehnte dieser ab, weil er glaubte, diese Aufgabe gleiche zu sehr seinem früheren Beruf. Vielleicht dachte man auch, dass Judas sich noch mehr dafür eignete. Wie dem auch sei, Judas hatte jedenfalls die Möglichkeit, seine geschäftlichen Talente zu verwenden. Das war eine Aufgabe, die sicherlich auch häufig Besprechungen mit dem Meister notwendig machte, für den er wohl bei manchen Wohltätigkeitsaufträgen eine Art Privatsekretär war.

 

Da ging nun in Judas eine geheimnisvolle Änderung vor sich. Wir lesen, wie Petrus bei manchen Anlässen aufbrauste, und erfahren von dem Ehrgeiz des Jakobus und Johannes. Die übrigen Apostel sprachen offen von ihren irdischen Erwartungen, aber Judas scheint seine Gesinnung nie verraten zu haben. Selbst als er einmal gegen die „Verschwendung“ Marias protestierte, tarnte er seinen wahren Beweggrund mit dem Mantel der Nächstenliebe. Bis zum Schluss hegten seine Mitapostel keinen Verdacht gegen ihn, nicht einmal beim letzten Abendmahl. Erst nach der Tragödie auf dem Kalvarienberg kamen sie dahinter, dass er Geld veruntreut hatte. Aber sicherlich gab es nicht viel zu veruntreuen. Es waren nur kleine Beträge, die er nach und nach an sich brachte. Er selbst hat diese Beträge vielleicht als eine ihm zustehende Vergütung für seine wertvollen Dienste betrachtet. Wahrscheinlicher ist, dass er sich nur eine Summe für Tage der Not, die er kommen sah, beiseitelegen wollte.

 

Der Geiz allein erklärt seinen Sturz nicht. Hätte er seinen Glauben und sein Vertrauen in den Meister behalten, dann hätte er zwar vielleicht seine Unterschlagungen fortgesetzt, aber er hätte den Meister nie verkauft und verraten. Wie für jeden Menschen, lag auch für ihn die Hauptversuchung gerade in seinen Talenten. Als Kassier kam er sich wichtig vor. Er wusste, dass er in geschäftlichen Dingen gewandter war als die galiläischen Fischer und Bauern. Er war auch der Ansicht, dass das Geschäftsgebaren der kleinen Gruppe schlecht war: zu viel Verschwendung und nicht genug Sparen und gewinnbringendes Geldanlegen. Immer mehr kam er dazu, die Abhebungen als sein eigenes Geld zu betrachten. Die wachsende Geldgier aber vergiftete seine Seele. Der Gedanke, dass er manches verbergen musste, raubte ihm das Gleichgewicht und ließ ihn sich innerlich gegen den Meister auflehnen. Die Anspielungen und Verwarnungen Jesu verhärteten ihn noch mehr.

 

Das Unirdische, Außerweltliche des Auftretens Jesu fing an, ihn abzustoßen. Der Meister schlug die Gelegenheit, sich von der Menge zum König machen zu lassen, aus. Bald fing er auch an, von seinem Tod wie von dem eines Verbrechers zu sprechen. Anstatt der Führer der Nation zu werden, zog er mit einer kleinen Schar unbedeutender Männer umher.

 

Der Widerstand der jüdischen Behörden nahm zu, und Judas fragte sich, ob er nicht einen Fehler begangen habe. Wenn es schwerfällt, uns in seine Lage zu versetzen, müssen wir uns nur daran erinnern, dass er im Gegensatz zu uns das Ende der Geschichte noch nicht kannte. Vom Standpunkt eines rein irdischen gesunden Menschenverstandes lässt sich eine Menge Gründe für die Zweifel des Judas vorbringen.

 

So war er bereits durch seinen Ehrgeiz und seine Unzufriedenheit erschüttert, ein kleiner Anlass genügte, um ihn zum Ungläubigen zu machen. An der Verschwendung des kostbaren Salböls nahm er großes Ärgernis und wunderte sich darüber, dass der Herr ein solches Verhalten noch verteidigte. Auch ärgerte ihn das Gefühl, dass man Misstrauen gegen ihn hegte, oder wenigstens, dass er das Vertrauen des Meisters verloren hatte.

 

Wie andere, erfand auch er einen Vorwand zur Selbsttäuschung und hielt seine Tat vermutlich für eine Pflicht gegenüber den jüdischen Führern, die seinen Meister praktisch ausgeschlossen und einen Befehl herausgegeben hatten, Material gegen ihn zu liefern, vermutlich gegen eine ausgesetzte Belohnung. So verließ Judas das sinkende Schiff und sicherte sich gegen den kommenden Zusammenbruch.

 

Er verriet dem Sanhedrin, dem jüdischen Rat, wo und wie man den Nazarener in aller Stille gefangen nehmen könne, ohne die Aufmerksamkeit der zahlreichen Pilger aus Galiläa, die zum Osterfest gekommen waren, zu erregen. Er selbst trat fast gar nicht in Erscheinung, wie er es mit den Feinden Jesu ausgehandelt hatte. Er führte sie lediglich zum Garten Gethsemane und zeigte ihnen Jesus. Mehr tat er nicht. Offensichtlich lehnte er es ab, die Hauptfigur und den Hauptzeugen zu machen. Später lungerte er in der Nähe der Gerichtsstätte herum.

 

Was mögen seine Gedanken in dieser Zeit gewesen sein. Er hatte wohl erwartet, sich darüber erleichtert zu fühlen, dass er sich noch rechtzeitig in Sicherheit gebracht hatte. Aber weit gefehlt! Ein Mann, der so lange der Gefährte Jesu gewesen war, kann niemals wieder einfach der sein, der er vorher war. Im Herzen des Judas brannte eine schmerzende Lehre, ein merkwürdiges Gefühl des Verlorenseins.

 

Er erfuhr von einigen Dienern, dass man Christus verurteilt habe und ihn nun dem römischen Statthalter zur Hinrichtung ausliefere. Da erst erkannte er die ganze Ungeheuerlichkeit seines Verbrechens. Er eilte zum Tempel und schrie den anwesenden Priestern zu: „Ich habe gesündigt, indem ich unschuldiges Blut verriet!“ Welch eine Anerkennung und aus welcher Quelle! Hätte er auch nur eine schwache Seite in seinem Meister entdeckt, er hätte sie benutzt, um sein Gewissen rein zu waschen. Aber seine Sünde stand vor ihm, der Meister war unschuldig.

 

Und nun erwartete ihn eine neue Enttäuschung. Die Männer des Sanhedrin, denen er vertraut hatte, lachten zynisch über sein Schuldbekenntnis. Verzweiflung umkrallte das Herz des Judas. Er war allein, verhöhnt vom Sanhedrin, verachtet von den Jüngern. Was hatte er schließlich gewonnen? Geld? Die Münzen brannten in seiner Hand, sie hatten keine Bedeutung mehr für ihn. In einem Wutanfall schleuderte er sie in den Hof der Priester. Wenigstens dieses Blutgeld war dahin.

 

Der elende Mann irrte fern von der Stadt, in der sich die große Tragödie zugetragen hatte, zwischen den Gräbern im Hinnon-Tal in tiefster Einsamkeit umher. Diese Stunden seiner Verzweiflung und Gewissensbisse hatten keinen Zeugen. Hatte er keinen Blick mehr für die unendliche Barmherzigkeit des Erlösers? Kam ihm keine Bitte um Vergebung in seinen verstörten Geist? War sein „Ich habe gesündigt“ seine letzte klare Äußerung, bevor er in den Irrsinn sank und im Selbstmord endete?

 

(Zusammengefasst aus „Standard“, Pearse St., Dublin/Irland, 24.2.1950, von Alfred O´Rahilly)