Das Jenseits

 

1. Auch eine Antwort auf die Jenseitsfrage.

 

Zwei große französische Zeitungen richteten einmal an eine Reihe von Gelehrten und Dichtern eine Rundfrage, ob sie an ein Jenseits glaubten. Die Zeitungen hatten allerdings nur solche Männer ausgesucht, von denen sie eine ihrer Geistesrichtung entsprechende Antwort erwarten konnten: Leute, die an keinen persönlichen Gott glaubten. Die Antworten waren auch danach. So schrieb der ungläubige spanische Dichter Blasco Ibáñez: Ich kann nicht an das Leben nach dem Tod glauben. Leben, immer leben, eine ganze Ewigkeit hindurch umgeben von Leuten, die mich schon auf der Erde zu Tode gelangweilt haben, ein größeres Malheur könnte ich mir gar nicht vorstellen. Ich ziehe den traumlosen Schlaf vor, das große Nichts des Todes. Ich gestehe jedoch offen, dass mich die Frage gar nicht interessiert. Gibt es ein Leben nach dem Tod, dann werden wir es schon rechtzeitig (?) erfahren.“ Die eigenartigste Antwort aber gab der französische Professor Charles Richet: „Manchmal glaube ich daran, manchmal nicht . . . Freilich ist diese Antwort alles eher als befriedigend. Indem ich jedoch beide Möglichkeiten offenlasse, glaube ich wenigstens die Genugtuung zu haben, nur einen halben Irrtum zu begehen.“

 

2. Es gibt eine andere Welt.

 

C.F. Gauß (1777-1855), bekanntlich einer der größten Mathematiker aller Zeiten, schreibt einmal: „Es gibt in dieser Welt einen Genuss des Herzens, der hauptsächlich darin besteht, dass die Menschen einander die Mühsale, die Beschwerden des Lebens sich gegenseitig erleichtern. Ist das aber die Aufgabe des höchsten Wesens, auf gesonderten Kugeln Geschöpfe zu erschaffen und sie, um ihnen solchen Genuss zu bereiten, achtzig oder neunzig Jahre existieren zu lassen, so wäre das ein erbärmlicher Plan. Ob die Seele achtzig Jahre oder achtzig Millionen Jahre lebt, wenn sie einmal untergehen soll, so ist dieser Zeitraum doch nur eine Galgenfrist: endlich würde es vorbei sein müssen. Man wird daher zu der Ansicht gedrängt, für die ohne eine streng wissenschaftliche Begründung so viel anderes spricht: dass neben dieser materiellen Welt noch eine rein geistige Weltordnung existiert, mit ebenso viel Mannigfaltigkeiten als die, in der wir leben; ihrer sollen wir teilhaftig werden.“

 

3. Warum es ein Fortleben nach dem Tod geben muss.

 

Der berühmte Prediger Monsabré sagt einmal: Gäbe es irgendwo in der trostlosen Welt nur einen glücklichen Sünder: seine gegenwärtige Straflosigkeit würde die Notwendigkeit einer künftigen Strafe mit voller Kraft beweisen. Gäbe es inmitten der frohlockenden Bösen nur einen unglücklichen Gerechten: die Notwendigkeit einer künftigen Belohnung würde mit der ganzen Kraft seines unverdienten Unglücks dargetan . . . Über das Leben des Gerechten wie des Gottlosen hat Gott ein Wort geschrieben, das mit Flammenschrift die Verheißung sowohl als die Drohung seiner Gerechtigkeit enthält, das Wort: Unsterblichkeit. – Rousseau schreibt im vierten Buch des „Emile“: „Ist die Seele unkörperlich, so kann sie den Leib überleben, und überlebt sie ihn, so ist die göttliche Vorsehung gerechtfertigt. Hätte ich auch keinen anderen Beweis als den Triumph des Bösen und die Unterdrückung der Gerechten in dieser Welt, so würde er allein mich gegen den Zweifel schützen. Ein so störender Misston in der allgemeinen Harmonie würde mich antreiben, dessen Auflösung zu suchen. Ich würde mir sagen: es ist nicht alles mit dem Leben zu Ende für uns, alles kommt nach dem Tod wieder in Ordnung.“

 

4. Ein Bekenntnis aus dem antiken Heidentum.

 

In Ciceros Schrift „Vom Alter“ tritt der ältere Cato der Annahme, dass mit dem Tod alles aus sei, mit folgenden schönen Worten entgegen: „Ich fühle mich gehoben durch die Sehnsucht, eure Väter, die ich schätzte und Liebte, einst wiederzusehen. Und wollte mir ein Gott die Gnade erzeigen, mich aus dem Greisenalter wieder in die Kindheit zu versetzen, so würde ich gar sehr mich weigern. Ich mag zwar das Leben nicht bejammern, wie es schon viele und selbst gelehrte Männer getan haben. Auch ist es mir nicht leid, gelebt zu haben, denn ich habe so gelebt, dass ich glaube, nicht umsonst geboren zu sein. Ich scheide aus dem Leben wie aus einer Gastherberge, nicht wie aus einem eigentlichen Wohnhaus. Denn nach der Bestimmung der Natur sollen wir hienieden nur eine Zeitlang Einkehr halten, nicht aber eine bleibende Wohnstätte haben.“ „O des herrlichen Tages“, fährt Cato fort, „an dem ich aus diesem Gewühl und Schlamm der Welt scheiden und in jene göttliche Gesellschaft der Geister übergehen werde! Denn ich komme dann nicht allein zu den Männern, die ich einst geachtet und geliebt, sondern auch zu meinem teuersten, zu früh verstorbenen Sohn. Sein Geist ist in jene Gefilde gewandert, wohin auch ich zu kommen hoffe. Wenn ich seinen Tod standhaft zu ertragen schien, so geschah es nicht so sehr aus eigentlicher Gelassenheit, sondern ich tröstete mich mit dem Glauben, dass diese Trennung nicht von langer Dauer sein werde.“

 

5. Der Schrei des Unglaubens.

 

Der ungläubige französische Schriftsteller Anatole France (+1923) hatte auch den Glauben an ein Wiedersehen nach dem Tod längst über Bord geworfen. Als der Sensenmann schon an seinem Lager stand, nahm er Abschied von seiner Frau mit den Worten: „Ich werde dich nie wiedersehen . . . Ich werde dich nie mehr sehen!“ Und doch, als es zum Letzten kam, hörte man von seinen sterbenden Lippen den klagenden Ruf der Sehnsucht: „Mutter, Mutter!“

 

6. Das Wort des Glaubens.

 

Bei dem großen Alsdorfer Grubenunglück wurde ein junger Bergmann tot aufgefunden, der im Angesicht des Todes folgende Worte an die Wand seines Kohlenwagens gekritzelt hatte: „20. Oktober 1930. Wenn ich hier nicht mehr lebend herauskomme, dann grüßt mir den lieben Vater, die Geschwister und auch meine lieben Verwandten und Bekannten. Ich gehe zur Mutter! Lebt wohl!“

 

(Aus: Homiletisches Handbuch, Anton Koch, 1950, Band 11, Seite 443)